KommentarGeneration Y - die heimlichen Revolutionäre

Generation Y
Generation Y – Veränderung in kleinen Schritten
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Klaus Hurrelmann und Erik Albrecht zeigen in ihrem Buch „Die heimlichen Revolutionäre. Wie die Generation Y unsere Welt verändert“, wie die als Ego-Taktiker gescholtenen Angehörigen der Generation Y ganz neue Formen des Zusammenlebens gefunden haben und sie damit die Welt von morgen gestaltenKlaus Hurrelmann (l.) und Erik Albrecht zeigen in ihrem Buch „Die heimlichen Revolutionäre. Wie die Generation Y unsere Welt verändert“, wie die als Ego-Taktiker gescholtenen Angehörigen der Generation Y ganz neue Formen des Zusammenlebens gefunden haben und sie damit die Welt von morgen gestalten


Einige Tage lang hielten viele das bis dato Undenkbare für möglich: Großbritannien, das Land, dessen Sprache die Generation Y ganz selbstverständlich in der Schule gelernt hatte, stand vor dem Aus. Die Möglichkeit eines unabhängigen Schottlands – die 15- bis 30-Jährigen dürfte selbst das nicht mehr wirklich überrascht haben. Durch ihre Jugend zieht sich eine wahre Kette untergegangener Gewissheiten: die Terroranschläge vom 11. September, der Beinahe-Zusammenbruch des Weltfinanzsystems, die Euro-Krise, Fukushima. Die Generation Y hat sich längst in der Unsicherheit eingerichtet. Sie wird die Gesellschaft nach ihren Vorstellungen umbauen. Nicht durch lautstarke Proteste, sondern als heimliche Revolutionäre.

Die Generation Y revolutionär? Auf kaum eine Generation passt der Begriff auf den ersten Blick weniger als auf die mit dem Y. Dem würde sie selbst sofort zustimmen. Von Revolutionären wie Che Guevara hat die junge Generation allenfalls den Bart als Modeaccessoire übernommen. Der Anspruch, das gesamte System von Grund auf zu verändern, käme ihr vermessen vor. Dennoch erinnert ihr Wirken manchmal an Untergrundkämpfer, die hinter der Fassade der etablierten Bürgerhäuser an einer neuen Welt arbeiten, die auf ihre Bedürfnisse eingeht. Sie wollen der Gesellschaft ihren Stempel aufdrücken, indem sie in kleinen Schritten, gewissermaßen evolutionär, Einstellungen, Kultur und Klima in allen Lebensbereichen verändern.

„Geht nicht – gibt’s nicht!“

Und das ohne erklärtes Programm: Die Generation Y weiß, sie könnte einen offenen Kampf niemals gewinnen. Politisch und demografisch ist sie dazu zu schwach. Deshalb geht sie nicht auf die Straße, sondern lebt einfach nach ihren Vorstellungen – frei nach dem Motto: „Geht nicht – gibt’s nicht!“

In keinem Bereich sind die Ypsiloner dabei so radikale Utopisten wie bei Arbeit und Beruf. Abschied von Hierarchien, Umorganisation der Arbeitsabläufe zu einzelnen Projekten, Teamwork, flexible Arbeitszeiten, Mitarbeiterbeteiligung und die konstante Suche nach Antworten auf die Frage: „Why?“ All dies sind Konzepte, die die Generation Y entschieden einfordern wird. Tag für Tag, Abteilung für Abteilung, Ypsiloner für Ypsiloner.

Die zukünftige Welt der Generation Y ist eine Welt, in der Karrieren dadurch bestimmt werden, wie gut sie ihre Arbeit machen, statt wie viel Zeit sie Woche für Woche im Büro verbringen. Und in der sie ihre Arbeitszeit flexibel an die Kita-Zeiten anpassen können.

Firmen müssen Ypsiloner von sich überzeugen

In Zeiten von Globalisierung, Bankenrettung und Digitalisierung, in denen viele Entscheidungen als „alternativlos“ verkauft werden, hat die junge Generation verstanden, dass es immer noch andere Optionen gibt. Und die Unter-30-Jährigen fühlen sich durchaus in der Position, diese Alternativen auch einzufordern. Selten hat eine Generation so viel in ihre Bildung investiert wie die Ypsiloner. Das macht sie gefragt. Der demografische Wandel tut ein Übriges.

Doch entscheidend ist: Die Ypsiloner haben die Beweislast umgekehrt. Nicht nur sie müssen einem potenziellen Arbeitgeber erklären, warum er sie einstellen sollte. Der Arbeitgeber muss auch ihnen erklären, warum sie für ihn arbeiten sollten. In Umfragen stehen „Spaß bei der Arbeit“ und „interessante Aufgaben“ regelmäßig ganz weit oben auf der Prioritätenliste. Daran müssen sich Firmen messen lassen, wollen sie erfolgreich um junge Mitarbeiter konkurrieren. Zumal die Generation Y als Egotaktiker immer einen Plan B in der Hinterhand hält.

Die Optionsvielfalt gibt ihnen ein Gefühl der Sicherheit in einer von Unsicherheit geprägten Welt und eine Gelassenheit, die ob ihrer unsicheren Lebensplanung Respekt einflößt: Entspricht dieser Job nicht meinen Vorstellungen, nehme ich halt den nächsten. So  werden ihnen ihr egotaktisches Spiel mit verschiedenen Optionen und ihr Hang zum Individualismus es ermöglichen, die eigenen Vorstellungen durchzusetzen.

In ihrer Jugend haben die Ypsiloner gelernt, trotz aller Widrigkeiten ihr eigenes Leben zu führen. Immer wieder haben sie ihre Lebensentwürfe an neue Bedingungen angepasst. Sie haben viel in ihre Ausbildung investiert, ihre Ansprüche heruntergeschraubt und akzeptiert, dass das Leben nicht mehr planbar ist. In Zukunft werden sie das umsetzen, was ihnen wirklich wichtig ist. Arbeit mit menschlichem Antlitz.