KolumneDie Selbstdemontage des SAP-Denkmals

Capital-Kolumnist Bernd Ziesemer
Capital-Kolumnist Bernd ZiesemerMartin Kress

Man kennt es tausendfach aus kleinen und mittleren deutschen Unternehmen: Der alte Eigentümer und langjährige Chef kann einfach nicht loslassen und reißt in seinen letzten Jahren alles nieder, was er über sehr lange Zeit selbst aufgebaut hat. Vor seinen kritischen Augen kann niemand als Nachfolger bestehen, weil der alte Chef nur seinen eigenen Klon akzeptieren kann. Das Spitzenpersonal wechselt deshalb in schneller Folge. Und niemand kann den alten Chef bei seinem zerstörerischen Werk aufhalten, weil er nur seinen eigenen Bauchgefühlen vertraut und auf keinen anderen hört.

Die traurige Geschichte könnte sich in den nächsten Jahren beim größten Software-Konzern Europas wiederholen. Hasso Plattner, der legendäre Mitgründer und jetzige Aufsichtsratsvorsitzende von SAP, will einfach nicht aufhören. Mindestens bis 2024 möchte der Pionierunternehmer an der Spitze des Gremiums bleiben. Einer frühzeitigen Nachfolgeplanung verweigert sich der 77-Jährige. Erst ein halbes Jahr vor dem Ende seiner Amtszeit will er sich erklären. Und wer die Verhältnisse bei SAP auch nur ein wenig kennt, der weiß: Plattner wird in diesen Jahren nicht nur die Aufsicht führen, sondern sich ins operative Geschäft einmischen, wie es ihm gerade gefällt.

Die Begründungen für diese Haltung, die auf der Hauptversammlung in der letzten Woche zu hören waren, überzeugen nicht. Plattner will nach eigenen Worten die „kritische Phase“ der Transformation zu einem Cloud-Anbieter begleiten – als ob sich ein Unternehmen wie SAP in einem hochkompetitiven und sich äußerst schnell wandelnden Markt nicht sowieso ständig neu erfinden müsste. Außerdem will der Aufsichtsratschef für „Stabilität“ sorgen und „Unruhe“ im Unternehmen vermeiden – dabei war es Plattner selbst, der in den letzten zwei Jahren durch viele erratische Personalentscheidungen für Chaos in Walldorf sorgte. Und last but not least sticht auch nicht das Argument, er könne ja jetzt noch keinen Nachfolger benennen, weil er sonst zur „lahmen Ente“ werde. Als ob irgendjemand Plattner beiseitedrängen könnte, so lange er das Ruder hält und als größter Einzelaktionär von SAP auch auf der Hauptversammlung einiges bewegen kann.

SAP steckt ohnehin in einer schwierigen Lage. Der Konzern nimmt sehr viel Geld in die Hand, um sich in der neuen Cloud-Welt zu bewähren und die Wettbewerber aus den USA abzuwehren, die mit Macht ins Kerngeschäft der Deutschen drängen. Das operative Geschäft leitet seit April letzten Jahres Christian Klein, der seit seinen Studententagen keinen anderen Konzern von innen gesehen hat als SAP und seinen Aufstieg hauptsächlich Plattner verdankt. Noch hat der 41-Jährige die Aktionäre nicht überzeugt, dass er mit dieser besonderen Verantwortung und Last fertig wird.

Der Aktienkurs von SAP spiegelt die vielen Unsicherheiten wider. Vom tiefen Sturz im Oktober letzten Jahres hat er sich noch nicht wieder voll erholt. In den letzten fünf Jahren gab es immer wieder tiefe Dellen bei der Bewertung des Konzerns an der Börse. Noch könnte Hasso Plattner durch die Benennung eines überzeugenden Nachfolgers ein Stück Unsicherheit für SAP beseitigen. Sonst droht über kurz oder lang die Demontage eines Denkmals – und weder der Ausnahmeunternehmer Plattner noch der Industriepionier SAP hätten das verdient.

 


Bernd Ziesemer ist Capital-Kolumnist. Der Wirtschaftsjournalist war von 2002 bis 2010 Chefredakteur des Handelsblattes. Anschließend war er bis 2014 Geschäftsführer der Corporate-Publishing-Sparte des Verlags Hoffmann und Campe. Ziesemers Kolumne erscheint regelmäßig auf Capital.de. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen.