Interview„Die schwarze Null macht in einer Rezession keinen Sinn“

Immer mehr Indikatoren über die Lage der deutschen Konjunktur waren zuletzt eingetrübt
Immer mehr Indikatoren über die Lage der deutschen Konjunktur waren zuletzt eingetrübtPixabay

Das Konsumklima, die Exportzahlen und die Stimmung im verarbeitenden Gewerbe – immer mehr Indikatoren weisen auf eine Eintrübung der Konjunktur hin. Am kommenden Mittwoch veröffentlicht das Statistische Bundesamt die Zahlen des Bruttoinlandsprodukts (BIP) für das zweite Quartal. Ökonomen rechnen mit einem Rückgang des deutschen BIP. Aber wie geht es dann weiter? Schrumpft die Wirtschaft auch im dritten Quartal, befände sich die Bundesrepublik in einer Rezession – zum ersten Mal seit der großen Finanz- und Wirtschaftskrise.

Die Konjunkturampel des Wirtschaftsinstituts Kiel Economics hat zuletzt im Juni die Wahrscheinlichkeit einer bevorstehenden Rezession untersucht. Capital hat mit Geschäftsführer Carsten-Patrick Meier über die Ergebnisse der Analyse und die Entwicklung der deutschen Wirtschaft gesprochen.

CAPITAL: Zuletzt hat die Konjunkturampel von Kiel Economics angezeigt, dass sich die Rezessionswahrscheinlichkeit für Deutschland verringert hat. Was bedeutet dieser Befund?

CARSTEN-PATRICK MEIER: Eine Rezessionswahrscheinlichkeit von knapp 40 Prozent, wie sie unsere Ampel für Juni ausgewiesen hat, ist durchaus als hoch zu bewerten, auch wenn sie noch kein klares Rezessionssignal liefert und gegenüber der Berechnung von März etwas gesunken ist.

Welche Faktoren betrachtet die Konjunkturampel zur Berechnung der Rezessionswahrscheinlichkeit?

Die Variablen, die in die Konjunkturampel eingehen, drücken allesamt in irgendeiner Weise Erwartungen aus. Erwartungen können zum einen direkt bei Akteuren und Marktteilnehmern abgefragt werden, wie das vom Ifo-Institut im Rahmen des Konjunkturtests, von der GfK bei ihren Verbraucherumfragen und in vielen anderen Umfragen gemacht wird. Zum anderen lassen sie sich ableiten aus der Entwicklung von Finanzmarktpreisen und Transaktionsvolumina, die im weiteren Sinne alle Arten von Finanz- und Sachkapitalinvestitionen umfassen. Interessant sind darüber hinaus Indikatoren, die die Unsicherheit dieser Erwartungen beschreiben. Die Schwankungsintensität der Finanzmarktpreise ist ein solches Maß. Ein anderes ist die Streuung der Geschäftserwartungen der Unternehmen.

Warum ist die Streuung der Geschäftserwartung ein wichtiger Faktor?

Typischerweise ist in Rezessionen die Unsicherheit in den Unternehmen besonders groß. Ein starker Anstieg der Unsicherheit kann daher Vorbote einer Rezession sein. Im vergangenen Monat ist die Streuung der Geschäftserwartungen deutlich gestiegen, wenn auch weniger stark wie typischerweise vor Rezessionen zu beobachten. Zu denken gibt vor allem das Ausmaß der Erwartungsstreuung; eine Unsicherheit in diesem Ausmaß ist für gewöhnlich nur während einer Rezession zu beobachten.