Herles‘ Zukunftsblick

KolumneDie Nullzins-Normalität

Benedikt Herles
Benedikt HerlesPR

Eine für die deutsche Start-up-Szene ungewöhnlich hohe Finanzierungsrunde wurde letzte Woche verkündet: Exporo erhielt 43 Mio. Euro zusätzliches Kapital. Das 2014 gegründete Unternehmen aus Hamburg betreibt eine Crowdinvesting-Plattform für Immobilien. Kunden können ihr Geld zusammenlegen und in die Finanzierung von Bestands- und Neubauobjekten stecken. Über 425 Mio. Euro kamen nach eigenen Angaben so schon zusammen. Die Fantasie der Investoren ist erklärbar. In Zeiten dauerhafter Nullzins-Politik haben Finanzinnovationen wie die von Exporo Hochkonjunktur.

Zu Ende gedacht…

Im Frühjahr 2016 erreichte der Leitzins der Europäischen Zentralbank endgültig den absoluten Nullpunkt. Dort wird er auch bleiben. Mindestens bis ins Jahr 2020, vermutlich deutlich länger. Während sich die US-Notenbank Fed längst wieder einen kleinen Handlungsspielraum erarbeitet hat (den Donald Trump nur zu gerne nutzen würde), steht Euro-Mario eigentlich mit dem geldpolitischen Rücken an der Wand. Und trotzdem stellt der EZB-Chef weitere stimulierende Maßnahmen in Aussicht. Die Reaktion aus Washington ließ am Dienstag nicht lange auf sich warten.

Benedikt Herles Buch "Zukunftsblick" ist im Droemer Verlag erschienen
Benedikt Herles Buch „Zukunftsblick“ ist im Droemer Verlag erschienen

Experten des IWF haben zuletzt sogar einen Weg zu wirklich tiefen Negativzinsen gezeichnet. Wenn der nächste makroökonomische Schock kommt, dann braucht es neues zinspolitisches Schießpulver. Wirtschaftliche Krisenherde gibt es zuhauf, man denke an den transpazifischen Handelskrieg oder die Situation am persischen Golf. Aber so leicht ließen sich die Zinsen nicht auf minus vier oder minus sechs Prozent senken. Denn solange es Bargeld gibt, würde jeder vernünftige Anleger sein liquides Vermögen von der Bank abheben und die Scheine (zinsfrei) unter dem Kopfkissen horten. Der konjunkturelle Steuerungseffekt würde verpuffen.

So mancher Zentralbanker träumt deshalb vermutlich von der Abschaffung der Münzen und Papiernoten. Der Lösungsvorschlag der Ökonomen Ruchir Agarwal und Signe Kostrup ist hingegen anderer Natur: Ein Umrechnungskurs für Bar- und Giralgeld. Dieser könnte derart festgesetzt werden, dass Cash so unattraktiv wie die Bankeinlage ist. Sprich: Bei minus fünf Prozent Zinsen, würde Bargeld pro Jahr ebenfalls um fünf Prozent „abwerten“.

Zugegeben, ein gewagtes Gedankenexperiment von prominenter Stelle. Aber auch wenn es soweit vermutlich nicht kommen wird, so ist doch klar: Der Nullzins ist die neue Normalität. Dabei haben viele Jahre komplett offener geldpolitischer Schleusen Wirtschaft und Gesellschaft heute schon dauerhaft verändert. Wer Immobilien oder Unternehmensanteile sein Eigen nennt, der wurde zuletzt reich beschenkt. Wer hingegen an Tagesgeld und Sparbuch festhielt, so wie die Mehrheit hierzulande, der darf für die schleichende Entschuldung des Staates blechen.

Nullzins – die perfekte Saat kommender Altersarmut

2016 lag der Aktionärsanteil der Gesamtbevölkerung (also Bürger, die als Aktionäre von Unternehmen ein direktes Investment halten) in Deutschland nur bei sechs Prozent, in Frankreich immerhin bei 15 und in den USA bei 25 Prozent. Nimmt man Aktionäre und Besitzer von Aktienfondsanteilen zusammen, kam man 2018 auf knapp über 16 Prozent – auch nicht viel besser. Ähnlich sieht es bei Wohneigentumsquoten aus. Nur etwas mehr als die Hälfte der deutschen Haushalte nennt Immobilien ihr Eigen, in Italien sind es über 72 Prozent, in Kroatien sogar über 90 Prozent. In so gut wie jedem anderen europäischen Land gibt es mehr Haus- oder Wohnungseigentümer als bei uns. Anders ausgedrückt: Kaum eine Bevölkerung trifft die Nullzins-Politik härter als die deutsche. In der Bundesrepublik kombinieren sich mehrere Faktoren für die perfekte Saat kommender Altersarmut: Nullzinsen, Sparkultur, Risikoaversion, das Umlagesystem der Rente und (in dieser Gleichung nicht zu vergessen) der demografische Wandel.

Moment, mögen manche sagen! Es fließen doch Milliarden über Milliarden in den Immobiliensektor. Das Ergebnis sind explodierende Quadratmeter-Kaufpreise, entsprechend steigende Mieten in den Städten und ernstgemeinte Forderungen nach Enteignung oder Deckelung der Mieten. Wie passt das zusammen? Ganz einfach: Es ist viel zu selten die Mittelschicht, die ihr Erspartes in Real Estate allokiert.

Aus volkswirtschaftlicher Perspektive sind neue Anlagelösungen wie zum Beispiel die von Exporo deshalb dringend notwendig. Nicht, dass ein einzelnes Start-up ein ausgewachsenes geldpolitisches Dilemma lösen könnte. Aber mit der Zinswende ist es, wie mit dem Berliner Flughafen. Sie kommt. Vielleicht. In ferner Zukunft. Und solange es Nullzinsen gibt, braucht es Mittel und Wege, wie Kleinanleger und breite Bevölkerungsschichten eine Rendite für ihre Altersvorsorge erwirtschaften können. Also, liebe Fintech-affinen Gründer in spe, überlegt euch was. Action required!

P.S. Mit dieser Ausgabe verabschiede ich mich in die Sommerpause. Herles’ Zukunftsblick gibt es wieder am 7. August 2019.


Benedikt Herles ist Start-up-Investor und Autor. Sein neuestes Buch: „Zukunftsblind – Wie wir die Kontrolle über den Fortschritt verlieren“ (Droemer). Bei Capital schreibt er regelmäßig seine Kolumne Herles‘ Zukunftsblick. Sie finden ihn auch bei Twitter und Linkedin.