KolumneDie neue Macht der Aufsichtsräte

Bernd Ziesemer
Bernd ZiesemerCopyright: Martin Kress

Norbert Winkeljohann ist ein vielgesuchter Mann. Am letzten Donnerstag zog der Chef der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PWC in den Aufsichtsrat der Deutschen Bank ein, am Tag danach in das oberste Kontrollgremium der Bayer AG. Seinen Hauptjob gibt der Professor am 30. Juni auf. Bei der Deutschen Bank tritt der PWC-Chef sein Amt erst zum 1. August an, da seine Firma zu den Abschlussprüfern des Konzerns gehört. Man nehme mögliche Interessenkonflikte schließlich „sehr ernst“, erklärte der Chefaufseher des Instituts, Paul Achleitner. Bayer offenbar nicht: Dort amtiert Winkeljohann ab sofort, obwohl PWC auch dort in Lohn und Brot steht.

Winkeljohann ist nicht der erste prominente Wirtschaftsprüfer, den es in die Aufsichtsräte großer Gesellschaften treibt. Rolf Nonnenmacher, der langjährige Chef von KPMG, sitzt bereits in den Aufsichtsräten von Continental, Covestro und Pro7Sat1. Nebenbei leitet der umtriebige Manager seit einiger Zeit auch die Regierungskommission Corporate Governance. Warum sind Männer wie Winkeljohann und Nonnenmacher als Aufsichtsräte so begehrt? Weil sie über das notwendige Fachwissen verfügen, um in den Prüfungsausschuss des Gremiums einzuziehen oder ihn sogar zu leiten. Der Paragraf 100 Absatz 5 des Aktiengesetzes schreibt ausdrücklich vor, mindestens ein Finanzexperte müsse jedem deutschen Aufsichtsrat angehören. Weil solche Leute rar sind, verfallen die Konzerne zunehmend auf die Idee, einfach bekannte Wirtschaftsprüfer zu berufen.

Unschöne Interessenkonflikte

Das ist eine ganz schlechte Idee. Selbst wenn die Aufsichtsräte nicht mehr für ihre bisherigen Firmen arbeiten, bleiben sie mit ihnen verbunden. So beziehen sowohl Winkeljohann als auch Nonnenmacher Pensionen von ihren Unternehmen – sind also schon aus diesem Grund materiell daran interessiert, dass sie weiter florieren. Sie werden es daher nicht ungern sehen, wenn ihre Gesellschaften weiterhin schöne Prüfungsaufträge des Konzerns übernehmen, den sie jetzt beaufsichtigen.

Viel wichtiger aber ist: Aufsichtsräte sind immer wieder gefordert, Verfehlungen von Vorständen bis weit in die Vergangenheit zurückzuverfolgen. Dabei geht es sehr oft auch um die Frage, ob die Testate der damaligen Wirtschaftsprüfer richtig und vollständig waren. Manchmal müssen die Aufsichtsräte sogar überlegen, ob sie im Nachhinein Schadenersatz von den früheren Prüfern des Konzerns fordern müssen. Es kann also sehr leicht passieren, dass Winkeljohann oder sein Kollege Nonnenmacher in die seltsame Lage geraten, das frühere Wirken ihrer eigenen Gesellschaften unter die Lupe zu nehmen. Natürlich können sie sich in dieser Situation im Zweifel selbst für befangen erklären. Aber unschön bleibt der Interessenkonflikt doch.

Die Gesetzgeber in Berlin und Brüssel sind selbst an dieser Gemengelage schuld. Früher musste mindestens ein Mitglied des Prüfungsausschusses unabhängig sein. Seit Mitte 2016 gilt diese Bestimmung nicht mehr. Juristisch kann man deshalb nichts gegen die Bestellung von Aufsichtsräten wie Winkeljohann und Nonnenmacher einwenden. In der Sache aber bleiben große Zweifel.