GastbeitragDie Gleichstellungsdebatte ist Schnee von gestern

Flixbus-Mitgründer Daniel Krauss
Flixbus-Mitgründer Daniel Kraussimago images/argum


Es ist ein Gedankensprung, eine Vision für das Jahr 2030: In dem  Projekt „Zukunftsrepublik“ werden unter dem Eindruck der Corona-Krise Ideen für die kommende Dekade entwickelt. 80 Menschen aus Wirtschaft, Politik, Wissenschaft, Bildung und Gesellschaft haben ihre Gedanken auch in kurzen Beiträgen formuliert, die in dem Sammelband „Zukunftsrepublik“ erschienen sind. Zu den Autoren und Herausgebern gehört auch Flixbus-Gründer Daniel Krauss. Alle Einnahmen aus dem Projekt gehen an die digitale Bildungsplattform Startup Teens, die Jugendliche zu unternehmerischem Denken, Handeln und Fähigkeiten wie Coding befähigt.


Die Weltbevölkerung – so vermitteln es diverse Studien, unter anderem eine von der Washington State University finanzierte – wird in etwa 35 Jahren zu schrumpfen beginnen. Schon in den 2020er Jahren war klar: Der War of Talents spitzt sich zu. Und doch gab es nach wie vor etliche Dax-Unternehmen, die auf eine wesentliche Ressource im eigenen Land weitestgehend verzichtete: auf die Frauen. In den von Covid-19-geprägten Jahren entbrannte stattdessen die Debatte um Gender Equality neu, weil immer mehr Frauen statt ihrem Karriereinstinkt zu folgen, gezwungen waren, ihren Heim- und Herdinstinkt neu zu beleben. Sie mussten dafür sorgen, dass der Homeschooling-Betrieb am Laufen blieb und der im Homeoffice arbeitende Ehegatte ungestört seinem Job nachgehen konnte. Mann arbeitet, Frau hütet das Heim – diesem Klischee wollten wir nicht erneut aufsitzen.

Der Sammelband „Zukunftsrepuplik“ ist am 10. Februar 2021 im Campus-Verlag erschienen. Weitere Autoren sind unter anderem Frank Thelen, Christian Miele, Anna Herrhausen, Hanno Renner, Danyal Bayaz, Miriam Wohlfahrt

Im Jahr 2030 haben wir eine Infrastruktur geschaffen, die über eine 30-Prozent-Frauenquote im Aufsichtsrat hinausdenkt. Wir haben eine 50-Prozent-Quote etabliert, und zwar durchgängig für alle Bereiche und Branchen. Diese Quote bedeutet nicht, dass Unternehmen einfach eine Frau um „der Frau Willen“ auf einen Posten setzen, auch wenn sie für den Job nicht geeignet ist. Diese Quote bedeutet, dass wir es Frauen möglich machen, die Karriere zu verfolgen, die sie möchten.

Zwei der Kernherausforderungen, warum weniger Frauen als Männer arbeiten, sind unser Erziehungs- und Bildungssystem und der damit einhergehende Mangel an Betreuungslösungen sowie unser starres Arbeitsplatzdenken. Mit der neuen Quote sorgen wir nicht nur für ein ausgeglicheneres Gleichstellungsverhältnis zwischen Männer und Frauen, sondern schaffen vor allem die nötige Infrastruktur, um diese Gleichstellung möglich zu machen.

Findet ein Unternehmen vermeintlich keine Frau für einen bestimmten Posten und besetzt ihn stattdessen mit einem Mann, muss es eine empfindliche Strafzahlung leisten – und zwar in unser Bildungs- und Erziehungssystem. So ermöglichen wir die Etablierung einer Infrastruktur in Form von ausreichend Betriebskindergärten oder Kitas. Wir lösen das Problem zu weniger Erzieherinnen und Erziehern. Unternehmen sind inzwischen gesetzlich verpflichtet, flexiblere Arbeitszeiten einzurichten und damit mitunter auch neue Jobprofile zu etablieren. Das so entstandene Arbeitssystem ist damit insgesamt wesentlich ausgeglichener und sorgt für echte Gender Equality.

Wir haben eine überproportionale Förderung von kostenfreien Kitas und Ganztags-Erziehung etabliert. Und: Wir haben das Betreuungsgeld eingeführt, das es Eltern erlaubt, alternative Betreuungsmöglichkeiten außerhalb des Kita-Systems für die eigenen Kinder zu finden. Auch Elternteile, die keine Kinderpause einlegen wollen oder ihre Kinder nicht in einer Kita unterbringen können (oder wollen), profitieren davon: Können sie das bereits gestellte Geld doch für Au-pairs oder jede andere Art von Betreuung einsetzen.

Durch diese Ansätze stärken wir die Wirtschaftsleistung so gut, dass wir sogar noch Strahleffekte generieren. Zum einen war es lange Zeit offensichtlich, dass im Bereich Erziehung und Bildung durchaus mehr Frauen als Männer tätig sind. Wir fördern im Jahr 2030 das Erziehungswesen daher in zwei Schritten. Flächendeckend sorgen die Länder für mobile Betreuer oder Erzieher, so dass Eltern entlastet werden und beiden die Möglichkeit gegeben wird, ihrer Arbeit nachgehen zu können. Die Gehälter für Betreuer und Erzieher sind längst angepasst und inzwischen durchaus attraktiv genug, dass die Berufe wieder interessant sind. Übrigens: gleichermaßen für alle Geschlechter.

Und wir lösen gleichzeitig ein weiteres Problem. In der sogenannten Mittelschicht, dem zentralen Bestandteil unserer Bevölkerung, stehen junge Paare vor Herausforderungen: Wohne ich in Berlin oder in München und denke über Eigentum nach, oder mache ich mir Gedanken über Nachwuchs? Es ist aufgrund der Verschiebungen in unserer Wirtschaft nicht mehr so, dass es nur einen „Ernährer“ gibt, der die Kosten des Haushalts komplett tragen kann, sondern es müssen praktisch beide arbeiten. Auch hier kann eine etablierte Infrastruktur im Erziehungswesen dazu beitragen, dass Ehepaaren diese Entscheidung erleichtert oder sogar abgenommen wird. Denn ein gutes Erziehungssystem und flexible Arbeitszeitmodelle ermöglichen es beiden, mit Kindern zu arbeiten. Und neben Kindern gibt es im Jahr 2030 zudem immer mehr pflegebedürftige Ältere, das heißt auch hier fördern wir Flexibilität am Arbeitsplatz, so dass vor allem Frauen nicht benachteiligt sind.

Wenn wir uns mit dem Thema Wirtschaftswachstum beziehungsweise Wohlstand unserer Gesellschaft befassen, gibt es zwei Bereiche, die wir abdecken müssen: Bildung sowie Arbeit und Soziales. Dafür gibt es jeweils ein entsprechendes Ministerium.

Um unseren Wohlstand zu sichern, müssen wir zumindest temporär unsere Produktivität steigern, und dafür müssen wir die Erwerbsquote steigern. Das fällt in den Bereich des Ministeriums für Arbeit und Soziales. Das Wirtschaftsministerium wiederum ist ureigen dafür verantwortlich, dass wir unsere Wirtschaftskraft stark halten.

Da wir aufgrund von besseren Infrastrukturen, besserer Kinderbetreuung und flexiblerer Arbeitsmodelle mehr Frauen im Arbeitsleben integriert haben, erledigt sich auch die Debatte um statistische Erhebungen, die schon seit Jahrzehnten besagen, dass Firmen, die Gleichstellung leben, besser performen. Es hat etwas länger gedauert, aber im Jahr 2030 ist auch Deutschland auf dem Niveau amerikanischer quartalsgetriebener börsennotierter Technologieunternehmen, die schon lange auch ihre männlichen Mitarbeiter bei voller Bezahlung in Elternzeit schicken. Wir sorgen jetzt auch auf allen Hierarchiestufen für ein ausgeglichenes Verhältnis und erzielen so bessere Ergebnisse. Davon wiederum profitierten der Staat und unsere Gesellschaft und die Notwendigkeit eines Ministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend ist damit auch obsolet.

Ein wichtiger Schritt für uns ist auch die Steuerung der Bildung auf Bundesebene. Föderalismus ist in vielen Aspekten sinnvoll, nicht aber im Bereich Bildung. Warum? Wir können es uns einfach nicht mehr leisten, dass wir in manchen Bundesländern einen progressiven Ministerpräsidenten vorfinden und anderswo einen konservativen, der sich neuen Lehrmethoden verweigert. Wenn es um die Erziehung und Ausbildung unserer Kinder, sprich unserer Zukunft, geht, müssen wir an einem Strang ziehen. Denn unsere Leistungsfähigkeit baut auf unseren Arbeitskräften auf. Mit Rohstoffen können wir nicht überleben, denn davon haben wir nicht genug. Unser Kapital ist unsere Workforce, die Arbeitskräfte von morgen müssen wir heute schon gut ausbilden – und da darf es keine Unterscheidung geben, ob ein Kind in Hamburg oder Ostwestfalen geboren und aufgewachsen ist.

Meine Zukunftsbausteine

#1 Die neue Quote finanziert unsere Arbeitsinfrastruktur. Wir schaffen eine durchgängige 50-Prozent-Quote und sorgen dafür, dass alle Bereiche damit gefördert werden.

#2 Wir setzen auf ein smartes Erziehungswesen und fördern zeitgemäße Strukturen – in Familie, Arbeit und vor allem dem Connector dazwischen: dem Erziehungssystem.

#3 Das Ministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend ist abgeschafft, das Thema Bildung wird zentral auf Bundesebene gesteuert. Denn weder Frauen noch Kinder sollten als Randgruppe behandelt werden, sondern müssen als vollwertige Mitglieder der Gesellschaft auch genauso behandelt werden.

 


Daniel Krauss ist Migründer von Flixbus und kümmert sich als CTO um die Bereiche IT, Mobile, Software Development. Gemeinsam mit seinem Schulfreund André gründete Daniel bereits während des Studiums ein erfolgreiches IT Start-up. Seinen langjährigen Job bei Microsoft – und seinen Firmenwagen – opferte er schließlich für den Aufbau von Europas größtem Fernbusanbieter. Das Capital-Magazin zählt ihn zu den „Top 40 unter 40“.