PandemiebekämpfungDie Delta-Welle kommt – sind wir vorbereitet?

Werden die Gesundheistämter in der Delta-Welle überfordert sein?
Wenn es um die Eindämmung der Delta-Variante geht, wird es auf die Gesundheitsämter ankommen. Wie sind sie vorbereitet? Foto: IMAGO / WaldmüllerWenn es um die Eindämmung der Delta-Variante geht, wird es auf die Gesundheitsämter ankommen. Wie sind sie vorbereitet? Foto: IMAGO / Waldmüller

Die Gesundheitsämter in Deutschland stehen angesichts der sich immer weiter ausbreitenden Delta-Variante des Coronavirus vor einem Dilemma. Bisher lässt sich nur vermuten, dass die neue Mutante hierzulande ein ähnliches Szenario wie in Großbritannien verursachen wird. Doch momentan sind die Fallzahlen niedrig, in vielen Landkreisen liegen sie bei annähernd Null.

Doch allmählich steigen die Infektionszahlen insgesamt wieder, dominiert von der Delta-Variante. Sie verbreitet sich schnell und oft unbemerkt. Gerade hat die Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz eine Studie veröffentlicht, nach der nur noch sechs von zehn Infektionen überhaupt erkannt werden. Die Dunkelziffer sei hoch und läge weit über den offiziell erfassten Fällen. Und auch das RKI warnt in seinem Lagebericht vor einem „vorwiegend diffusen“ Infektionsgeschehen. Angesichts dessen stellt sich die Frage, ob die Gesundheitsbehörden effektiv genug reagieren können.

„Ich gehe davon aus, dass die Kontaktverfolgung in der vierten Welle funktionieren wird“, sagt Claus Wendt, Soziologe an der Universität Siegen mit Fokus auf Gesundheit und Gesundheitssysteme. Das niedrige Infektionsgeschehen und die hohe Impfquote lasse Raum für diese Form des Optimismus.

Kapitulation auch vor Delta?

Doch die vergangenen Wellen haben gezeigt, dass das nicht unbedingt gegeben sein muss. Im vergangenen Jahr mussten die Gesundheitsbehörden vor der schieren Zahl der Infektionen kapitulieren – sie kamen nicht mehr mit der Verfolgung der Ansteckungsketten hinterher. Eingestellt haben sie diese Arbeit trotzdem nicht. Doch: „Immer dann, wenn es erforderlich ist, dass wir große Mengen Daten haben, bricht das System zusammen“, sagt Wendt.

Daher bleibt abzuwarten, ob die Gesundheitsämter auch in der vierten Virus-Welle in alte Muster zurückfallen. Unwahrscheinlich ist das nicht, denn viel hat sich in der Zwischenzeit nicht getan. Es mangele an digitaler Ausstattung, erklärt Wendt. Und er sagt auch: „Nur weil die Behörden jetzt digital erreichbar sind, heißt das nicht, dass sie effizienter arbeiten.“

Das Gesundheitssystem ist ein träges. Es hat lange gedauert, Testkapazitäten aufzubauen. Diese werden gerade heruntergefahren, weil die Fallzahlen niedrig sind. Auch Impfzentren werden geschlossen, da der Andrang an den Stationen nachlässt. Viele Menschen lassen sich beim Haus- oder Betriebsarzt impfen. Die Intensivbetten leeren sich wieder. „In dieser Situation müssen die Landkreise keine großen Teams zur Kontaktverfolgung vorhalten“, sagt daher Markus Mempel, Sprecher des Deutschen Landkreistages.

Das Delta-Virus ist schnell

Die Teams, die zur Kontaktverfolgung benötigt werden, sind teuer. Das Geld wird an anderer Stelle gebraucht. Für den Betrieb der verbleibenden Impfstationen etwa.

Gerade aber ändert sich die Lage wieder und ein Blick nach Großbritannien zeigt, dass die Delta-Variante sich auch in einer gut durchgeimpften Bevölkerung schnell verbreiten kann. Auf der Insel liegt die Inzidenz gerade bei rund 250 Infektionen pro 100.000 Einwohnern. Und das obwohl bereits 66,8 Prozent der Briten mindestens eine Impfung bekommen haben und rund 50 Prozent über vollständigen Impfschutz verfügen.

In Deutschland verfügen gerade rund 40 Prozent über einen vollständigen Impfschutz. Das RKI empfiehlt jedoch eine Quote von 85 Prozent, um die neue Variante des Virus effektiv in Schach zu halten. Es ist also klar, dass sich das Großbritannien-Szenario auch hier einstellen wird. Spätestens im Herbst, wenn das öffentliche Leben wieder vermehrt in geschlossenen Räumen stattfindet, wird die vierte Welle mit voller Wucht da sein. Dann wird es erneute Einschnitte ins öffentliche Leben geben. Und auch die Wirtschaft müsste sich auf neue Maßnahmen wie etwa Homeoffice oder Kontaktbeschränkungen einstellen.

Mehr Personal, mehr Personal, mehr Personal

Im Zusammenhang mit der Strategie der Behörden im Umgang mit dem Coronavirus spricht der Sprecher des Deutschen Landkreistages von einer „atmenden“ Organisation. Die Gesundheitsämter der Landkreise und Städte sind relativ kleine Organisationen, die nicht auf einen Ernstfall wie eine globale Pandemie mit derartigen Fallzahlen vorbereitet sind. Das sollen sie auch gar nicht. Im Falle einer Großlage leihen sich die Ämter Mitarbeiter von anderen Stellen aus, mit denen sie ihr Personal aufstocken. Die sollen dann helfen, die Kontaktketten nachzuverfolgen.

In den vorangegangenen Wellen hat auch immer wieder die Bundeswehr im Sinne eines Amtshilfeverfahrens in den Gesundheitsämtern ausgeholfen – jetzt haben die Soldaten etwa ihren Dienst in einigen Ämtern beendet. Auch in der Delta-Welle ist das wieder so geplant. „Das führt nicht unbedingt zu guter Qualität“, sagt Claus Wendt – es fehle an Ausbildung und Know-how, mit einer pandemischen Lage umzugehen.

Daten, Daten, Daten

Damit die Gesundheitsämter effektiv gegen die Pandemie vorgehen können, bräuchten sie also mehr und gut ausgebildetes Personal. Doch auch an der Ausstattung der Behörden müsste sich einiges tun. Wendt spricht in dem Zusammenhang etwa von der Einführung digitaler Gesundheitsakten. Mit diesen zentralen Datenbanken ließe sich das Infektionsgeschehen auch über Landkreisgrenzen hinweg effizient überwachen.

Zudem fehle den Ämtern bisher ein klares Funktionsprofil. Im Augenblick arbeiten sie situativ. Sie greifen ein, wenn etwas passiert. Laut Wendt sollten sie aber präventiv arbeiten, nicht nur im Pandemiefall. „In Schweden etwa haben die Gesundheitsbehörden die Gesundheit der Menschen umfassender im Blick. Sie können daher ganz anders auf bestimmte Situationen reagieren“, sagt er. Der Grund: Die Ämter wissen mehr über die Bevölkerung und können anders reagieren. „Wir sind nicht deutlich besser vorbereitet als am Anfang der Pandemie“, ist das Fazit des Soziologen.

Die Arbeit der Behörden ist für Wendt jedoch nicht nur eine kurzfristige. Und er ist mit der Idee, dass sich etwas ändern muss, nicht allein. Die Grünen etwa verweisen darauf, dass der öffentliche Gesundheitsdienst (ÖGD) und dessen Behörden bereits vor der Pandemie kaum ihren Aufgaben nachkommen konnten, dass sie „chronisch unterfinanziert“ seien, wie es in einem Antrag der Grünen heißt.

Ein Mangel an Perspektive

Sie fordern darin eine Stärkung des Gesundheitssystems. Sie erwarten, dass die Behörden ihren Aufgaben langfristig nicht nachkommen können, da nur sie nicht schlecht ausgestattet sind, sondern auch als Arbeitgeber zunehmend unattraktiv würden. Die Gehälter können mit denen privater Kliniken kaum mithalten.

Im vergangenen Jahr hieß es, dass man das Problem auf Seiten der Politik verstanden habe: Ende September 2020 verabschiedete der Bundestag einen Pakt für den öffentlichen Gesundheitsdienst. Dieser sieht vor, dass im Verlauf von sechs Jahren 4 Mrd. Euro in das System gepumpt werden. Mit dem Geld sollen die Ämter neues Personal einstellen und sich digitalisieren. Ein Problem dabei: Bisher ist noch kein Geld geflossen.

Sollte es auch gar nicht. Der ÖGD-Pakt ist eher mittelfristig angelegt. Als er beschlossen wurde, glaubten – oder hofften – viele noch, dass die Pandemie bis zur ersten Zahlung Geschichte sein würde. Jetzt, vor dem Beginn der vierten Welle, stellt sich das als zu kurz gedacht heraus. Denn jetzt würden die Ämter das Geld umso dringender benötigen. „Die Bundesmittel aus dem Pakt für den ÖGD sind zu gering, sie kommen zu spät“, sagt Kirsten Kappert-Gonther, die Sprecherin für Gesundheitsförderung der Fraktion von Bündnis 90/Die Grünen. Es sei fraglich, „ob der Pakt bei einer drohenden vierten Welle überhaupt Wirkung entfalten könnte.“

Delta ist da, das Geld nicht

Die Politikerin sieht hier Bundesgesundheitsminister Jens Spahn in der Pflicht. Er dürfe sich seiner Verantwortung der Gesundheitsämter gegenüber nicht entziehen. Auch ginge die Digitalisierung der Ämter zu schleppend voran. Mittelfristig sollen alle Gesundheitsämter die Infizierten über die Software Sormars melden. Mit ihr können Infizierte erfasst und nachverfolgt werden. Die aktiven Fälle können in der Software aktualisiert werden, sollte sich der Infektions- oder Gesundheitsstatus verändern. Sie ermöglicht den Ämtern zudem eine Analyse der Ausbrüche, eine Visualisierung der Infektionsketten und ihrer geografischen Verteilung.

Der ÖGD-Pakt sieht vor, diese Software schnell zu aktualisieren. Die zusätzlichen Funktionen würden die Kommunikation der Gesundheitsämter untereinander verbessern und verhindern, dass verschiedene Gesundheitsämter Fälle mehrfach aufnehmen.

Doch auch hier ist bisher wenig passiert. Zwar haben 91 Prozent der Gesundheitsämter bisher einen Antrag zur Einführung des Programms unterzeichnet – im Einsatz ist das Programm mit allen notwendigen Schnittstellen allerdings erst in rund 90 Ämtern. Von 370. Zur Frage, ob und wie viele Ämter bis Herbst voll einsatzbereit sein werden, gibt es bisher keine sicheren Prognosen. Doch um die Delta-Welle zu brechen kommen die Mittel ohnehin zu spät – denn im Gegensatz zum Geld, ist die bereits da.

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