GastbeitragHomeoffice: Was kommt nach Corona?

Ina ZitzmannPR

Wir sind alt. Zumindest ungewöhnlich alt für ein Internetunternehmen. Uns gibt es schon mehr als 20 Jahre – erste Kolleg:innen haben bereits ihr 15-jähriges Jubiläum gefeiert. Vielleicht ist es diese Ungnade der frühen Geburt, die uns fast zwei Jahrzehnte sehr skeptisch auf das Thema Homeoffice hat blicken lassen. Aber das auch aus gutem Grund. Schließlich waren und sind wir Teamplayer – nicht einsame Einzelkämpfer. Zusammenarbeit und Zusammenhalt klappen nun einmal viel besser, wenn alle vor Ort sind und sich dabei in die Augen schauen, auch mal ein spontanes Gespräch in Flur, Küche oder am Schreibtisch führen können. Oder?

Erste Zweifel, dann radikale Wende

Natürlich gab es Kolleg:innen, die gefragt haben, ob sie mal einen Tag zu Hause arbeiten können. Und als Ausnahme war das auch okay, zum Beispiel wenn Handwerkertermine in der eigenen Wohnung anstanden. Auch ich als alleinerziehende Mutter von zwei Töchtern habe das hin und wieder gemacht, wenn ein Kind krank war. Uns war aber auch klar: wenn wir das offiziell einführen, dann wirklich als Möglichkeit für ALLE Mitarbeiter:innen und nicht nur für einen ausgewählten Personenkreis. Gleichberechtigung und Gleichbehandlung ist uns sehr wichtig.

Nur: Wie sollen dann Meetings gelingen, wenn ein Teil der Kolleg:innen zu Hause und der Rest im Büro ist? Wie organisieren wir den Datentransfer, so dass Mitarbeiter:innen von überall aus auf die für sie wichtigen Dokumente und Systeme zugreifen können? Und natürlich stellte sich bei manchen unbewusst und nicht laut ausgesprochen auch die Vertrauensfrage: Arbeiten die Mitarbeiter:innen denn dann auch wirklich an den richtigen Dingen? Wie können wir die Arbeit effektiv steuern, wenn alle verteilt sind?

Mit der Zeit wuchsen bei mir aber Zweifel, ob diese Haltung noch zeitgemäß ist. Anfang 2020 haben wir dann einen Plan erarbeitet, der gelegentliches Homeoffice für alle Mitarbeitenden offiziell möglich machen sollte. Doch dieser Plan scheiterte – ausgerechnet an einem Freitag, dem 13.: Denn der erste Lockdown in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland wurde beschlossen. Am Montag, dem 16. März 2020, stand fest: Jede:r Testberichte.de-Kolleg:in kann und soll ab sofort dort arbeiten, wo sie oder er möchte.

Das Homeoffice ist tot – es lebe das mobile Arbeiten

Den Begriff „Homeoffice“ gibt es bei uns übrigens trotzdem nicht, und das hat einen rechtlichen Hintergrund: Beim Homeoffice müssten wir jeder:m Mitarbeitenden einen kompletten Arbeitsplatz inklusive Mobiliar in ihrem/seinem Zuhause ausstatten. Aber: Sie oder er müsste dann auch dort arbeiten und uns als Arbeitgeber auch Zugang zu dem eigenen Zuhause gewährleisten. Das mobile Arbeiten ermöglicht unseren Mitarbeitenden hingegen, dort zu arbeiten, wo sie möchten. Davon machen etliche regelmäßig Gebrauch, beispielsweise der Kollege mit der Fernbeziehung (die jetzt keine mehr ist). Übrigens auch ich selbst, denn bei gutem Wetter wechsle ich gerne vom heimischen Schreibtisch in meinen gepachteten Garten außerhalb von Berlin.

Neue Regeln und Tools

Trotzdem sind wir jetzt kein loser Verbund von digitalen Nomaden. Sondern nach wie vor ein Unternehmen mit festen Angestellten. Daher gelten bei aller Flexibilität weiterhin verbindliche Regeln, die wir an die neue Situation angepasst haben. Zwar haben wir schon lange keine Stechuhr mehr und es gilt Vertrauensarbeitszeit. Doch müssen sich alle Kolleg:innen aus versicherungstechnischen Gründen für das mobile Arbeiten vorab „anmelden“. Die meisten machen das montags für die ganze Woche. Im täglichen Kontakt bleiben wir alle über Teams (Video) und Slack (Chat). Bei Slack ist übrigens jede:r gehalten, den aktuellen Arbeitsort mit einen Wohn- oder Bürohäuschen neben dem eigenen Namen für alle sichtbar zu machen.

Wir helfen Mitarbeitenden bei der Ausstattung ihres mobilen Arbeitsplatzes

Mit hilfreicher Software allein ist es nicht getan – es bedarf auch der passenden Hardware. Damit meine ich weniger den Firmen-Laptop – den hat natürlich jede:r spätestens seit Corona samt VPN-Zugang zur Verfügung gestellt bekommen. Gleich zu Beginn des ersten Lockdowns haben wir jeder Kolleg:in ein Headset für Videokonferenzen besorgt. Und seit Ende letzten Jahres bieten wir jeder:m Mitarbeiter:in ein Verfügungs-Budget für ergonomische Arbeitsausstattung für den mobilen Arbeitsplatz an. Das kann nach eigenem Ermessen für einen passenden Schreibtischstuhl, ein Stehpult oder andere ergonomische Ausstattung ausgegeben werden. Von diesem Angebot hat bereits über die Hälfte der Belegschaft Gebrauch gemacht.

Vor- und Nachteile des mobilen Arbeitens

Keine Frage: Das mobile Arbeiten hat enorme Vorteile, die viele Menschen dauerhaft behalten möchten. Super-flexible Arbeitszeiten durch kleinere Schichten über den Tag verteilt, Zeitersparnis durch fehlende Arbeitswege und natürlich – die Reduzierung von Kontakten in der Pandemie. Nicht nur bei uns war die erste Zeit von einem erstauntem „Das-klappt-ja-viel-besser-als-wir-dachten“ geprägt.

Nach einigen Wochen zeigten sich zunehmend auch die Nachteile der neuen Arbeitssituation, nicht zuletzt mangelnde Bewegung. Wir haben daher unser schon länger etabliertes betriebliches Gesundheitsmanagement angepasst und bieten regelmäßig Weiterbildungen an, beispielsweise „Achtsamkeit im Home Office” und Entspannungsmethoden, die jetzt auch per Videochatstattfinden.

Sinkt der Teamzusammenhalt?

Laut einer internen Umfrage vermissen viele in der Belegschaft vor allem fehlende Begegnungen und Gespräche im (Arbeits-)Alltag. Das hat uns zu einem Projekt „Zusammenhalt“ inspiriert, an dem rund zehn Kolleg:innen aus allen Abteilungen mitgewirkt haben. Ein Ergebnis daraus war eine alle Erwartungen übertreffende Weihnachtsfeier via Zoom, an der mit 90 Prozent mehr Kolleg:innen teilgenommen haben, als an allen unseren Präsenz-Firmenfeiern zuvor. Alle Beteiligten werden sie dank des liebevoll gestalteten Programms mit unterhaltsamen Vorträgen, Spielen und Konversationen bis tief in die Nacht in bester Erinnerung behalten. Das Projekt „Zusammenhalt“ hat aber auch neue Risse und Konfliktlinien offenbart. Denn es gibt durchaus Kolleg:innen, die das ruhige und in jeder Hinsicht selbst bestimmte mobile Arbeiten keinen einzigen Tag mehr missen möchten. Im Klartext: Die am liebsten nie wieder ins Büro zurückkehren möchten.

Was kommt nach Corona?

Vorerst soll es auch so bleiben: Möglichst wenige sollen in unser Office in Berlin-Kreuzberg kommen. Rund 40 Prozent unserer Mitarbeitenden waren übrigens seit Beginn der Pandemie im März 2020 kein einziges Mal da. Dennoch machen wir uns natürlich Gedanken, wie wir nach Corona zusammenarbeiten wollen. Wollen wir die Regel beibehalten, dass jede:r auch weiterhin immer arbeiten kann, wo sie oder er möchte? Wie werden bei uns Meetings funktionieren, wenn die Hälfte der Teilnehmer mobil und die andere Hälfte im Büro arbeiten?

Feste Präsenztage sind bei uns jedenfalls wenig sinnvoll – zu verschieden sind die Arbeitszeitmodelle etlicher Kolleg:innen in Teilzeit – mich eingeschlossen. Im Augenblick kann ich mir auch nicht vorstellen, dass eine Hybrid-Lösung Sinn machen würde – beispielsweise zwei Homeoffice- und drei Präsenztage pro Woche, wie es andere Unternehmen bereits für die Zukunft festgelegt haben. Andererseits vermisse ich das Büroleben und die persönlichen Begegnungen mit den Kolleg:innen sehr und denke intensiv darüber nach, wie wir beispielsweise unsere Räumlichkeiten so attraktiv gestalten können, dass die meisten Kolleginnen sozusagen freiwillig wieder „zur Arbeit“ kommen.

Auf Sicht fahren hat sich bewährt

Wir alle fahren seit über einem Jahr auf Sicht. Das hat erstaunlich gut geklappt und wir konnten uns von vermeintlichen Gewissheiten verabschieden – nicht zuletzt davon, dass mobiles Arbeiten nicht funktionieren würde. Ohne den Druck des ersten Lockdowns hätte die Einführung vermutlich Monate gebraucht, ohne, dass es im Ergebnis (noch) besser geworden wäre.

Daher halte ich es nicht für sinnvoll oder gar nötig, jetzt schon festzulegen, wie wir unsere Zusammenarbeit bei Testberichte.de nach Corona organisieren werden. Das ist wie unser Prinzip in der Produktentwicklung: probieren, evaluieren, verändern, iterieren. Dennoch sehne ich die Post-Pandemie-Phase herbei – und freue mich darauf, die Arbeit dann genauso gegenwartsorientiert und gleichzeitig zukunftsweisend mitzugestalten wie in den vergangenen Monaten.

 


Ina Zitzmann ist Geschäftsführerin der Producto GmbH, die das Portal Testberichte.de betreibt. Zitzmann ist seit 2015 im Unternehmen und leitete interimsweise die Personalabteilung, baute den Bereich Organisationsentwicklung auf und ist seit 2018 Mitglied der Geschäftsleitung. Zuvor war die Diplom-Psychologin viele Jahre Personalleiterin, u.a. bei der DailyDeal GmbH, sowie Personalberaterin im Finanz- und Real-Estate-Bereich.