Interview„Die Corona-Krise wird Banken massiv treffen“

Die Corona-Krise ist auch für die Banken eine große HerausforderungImago


Oliver Geiseler ist Partner bei der auf die Finanzbranche spezialisierten Unternehmensberatung Capco. Er ist dort verantwortlich für den Bereich Digitales / Financial Services und erklärt, warum so manche wegen Corona geschlossene Bankfiliale vielleicht nie wieder öffnen wird.


Capital: Herr Geiseler, sie beraten Banken in Deutschland und bekommen mit, wie es ihnen aktuell geht. Muss man Angst vor einer neuen Bankenkrise wie 2007/2008 haben?

Oliver Geiseler

OLIVER GEISELER: Ganz so schwarz würde ich nicht sehen. Die Banken haben aus der globalen Finanzkrise gelernt, sind heute konservativer aufgestellt und halten viel mehr Eigenkapital. Aber die Corona-Krise wird sie dennoch massiv treffen und ist zweifelsohne eine immense Herausforderung. Sie werden allerdings wohl erst in der zweiten Welle der Krise erwischt.

Es gibt doch viele Hilfsprogramme der Staaten und die Liquiditätsflut der Notenbanken. Wo entstehen dann für die Banken Probleme?

Die Aufsicht sagt im Moment ja mehr oder minder unverhohlen: Haut die Kredite raus! Doch das Problem ist, dass die Banken bei den ganzen Hilfskrediten einen Eigenanteil selbst tragen müssen, bislang sind das bei den KfW-Krediten mindestens 10 Prozent. Ein gewisser Teil dieser Hilfskredite wird aber ausfallen, auch weil sich Geschäftsmodelle nicht schnell genug verändern werden. Am Ende landet das bei den Banken. Hinzu kommen die Kredite, die bislang schon auf den Kreditbüchern sind und nun riskanter geworden sind.

Für viele Banken ist das Geschäft mit Immobilienkrediten eine wichtige Säule. Wie schlimm wird es da kommen?

Die Ausfallraten bei Immobilienkrediten an Verbraucher werden sicherlich hochgehen. Das wird anderswo noch schlimmer werden als in Deutschland, wir sind ja diesbezüglich eher zurückhaltend. Nach Corona wird auch dauerhaft mehr im Homeoffice gearbeitet werden, was den Bedarf an Büroimmobilien deutlich senken wird. In Städten wie Frankfurt droht ein immenser Leerstand an Büroflächen in Top-Lagen, was die Mieten drücken wird.

Wenn mehr Unternehmen und Privatleute ihre Kredite nicht zurückzahlen können, was kommt dann auf die Banken zu?

Die Institute müssen für ausfallgefährdete Kredite Rücklagen bilden, also die so genannte Risikovorsorge hochfahren. Dies dürfte voraussichtlich die Gewinne vollständig auffressen. Hier dürfte die eine oder andere Bank dann ganz froh sein sagen zu können, dass die Aufsicht es nicht erlaubt, Dividenden auszuschütten.

Was können die Banken noch machen? Sollen sie die Boni für Mitarbeiter streichen?

Bonuszahlungen sind natürlich eine Entscheidung der einzelnen Organisationen. Man sollte nicht zuletzt berücksichtigen, dass ein Großteil der hiervon betroffenen Mitarbeiter speziell in dieser Phase Außergewöhnliches leistet. Ein prinzipieller Verzicht auf Bonuszahlungen ist daher schwierig durchzusetzen.

Die Commerzbank will Medienberichten zufolge eine weitere halbe Milliarde Euro an Kosten senken. Ist das der Weg, den die Banken einschlagen werden?

Sicherlich werden die Banken alles an Puffern und Kostensenkungsmöglichkeiten ausreizen in nächster Zeit. Strategisch wird man versuchen, sich weg vom klassischen Zinsgeschäft zu bewegen, also mehr Geld über Gebühren zu verdienen. Wir werden dann sehen, wie sich die Spreu vom Weizen trennt, denn es fehlen für die Branche ganz grundsätzlich Wachstumsimpulse.

Gilt das für alle Banken in Deutschland gleichermaßen?

Es gibt da schon Unterschiede zwischen Geschäftsbanken und den Sparkassen und genossenschaftlichen Banken. Letztere haben ein, nicht zuletzt dank der kritischen Masse, durchaus funktionierendes Geschäftsmodell und werden zudem viele der Hilfskredite verteilen. Aber auch in diesen Bereichen und gerade bei den Landesbanken wird wegen des Kostendrucks die Fusionsgeschwindigkeit zunehmen.

Gilt das auch europaweit?

Absolut. Der Druck zur Konsolidierung der Banken wird insbesondere in der Eurozone steigen. Es wird europäische Fusionen geben, wovon auch Deutschland betroffen sein wird. Irgendwann wird der Druck auf die hiesigen Institute so groß sein, dass man diesen Weg gehen wird.

Was auch eine politische Frage ist.

Die Politik wird sich schon bald fragen müssen, ob sie an der Idee des nationalen Champions in der Bankenbranche festhalten will. Dann kommen BNP Paribas und Société Générale aus Frankreich oder die ING aus den Niederlanden durchaus ins Spiel.

Und jetzt haben wir gar nicht über das Thema gesprochen, das vor wenigen Wochen noch jede Unterhaltung über Banken dominierte: Digitalisierung.

Das Thema wird nun auch noch wichtiger, auch weil viele Kunden dieser Tage lernen wie gut alles digital funktioniert. Ich denke, nicht jede wegen Corona geschlossene Bankfiliale wird wieder öffnen.