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Preise Die besondere Rolle von Plastik für die Inflation

Allein in 2021 wurden in Deutschland 431.000 Tonnen PET-Flaschen produziert
Allein in 2021 wurden in Deutschland 431.000 Tonnen PET-Flaschen produziert
© IMAGO/ITAR-TASS
In fast allen Produkten steckt Plastik. Und Rohöl ist für Plastik ein wichtiger Grundstoff. Steigt also der Ölpreis, wird Plastik zum Inflationstreiber – oder stimmt die Rechnung nicht? 

Das kleine Dorf Mesum hat normalerweise nichts mit Weltpolitik zu tun. 9000 Menschen wohnen hier südlich von Rheine im nördlichen Münsterland, und die allermeisten begeistern sich eher für Schützenfest und Weihnachtsmarkt als für die Politik. Doch mitten im Dorf, dort wo ein riesiger Schornstein in den Himmel ragt, spielt die Weltpolitik plötzlich eine zentrale Rolle. Beim Kunststoffhersteller Gröning, einem der vielen „Hidden Champions“ in der deutschen Provinz.  

In der modernen Welt geht nichts mehr ohne Kunststoff – und das branchenübergreifend: Egal, ob Spargelbauer oder Callcenter-Mitarbeiter. In irgendeinem Produktionsschritt ist eigentlich immer Plastik involviert. Bei dem einen ist es die Thermofolie, bei dem anderen das Headset. Das macht die Welt auch gleichzeitig so abhängig von Kunststoffen – und deren Preisen.  

Die Logik dahinter ist einfach: Steigen die Plastikpreise, steigen die Kosten für andere Unternehmen. Die geben die höheren Kosten dann an ihre Kunden weiter. So kann in letzter Konsequenz Inflation entstehen – und zwar signifikant. Tatsächlich verdoppelten sich die Plastikpreise im vergangenen Jahr zwischenzeitlich. Und in etwa zur gleichen Zeit begann auch die Inflation weltweit zu steigen. Mittlerweile fallen die Preise wieder, und auch die Inflation geht zurück.  

So verwundert es nicht, was Rohstoff-Experte Warren Russel von der Bank of America zuletzt sagte: „Plastik könnte ein wichtiger Treiber für Inflation gewesen sein im vergangenen Jahr“. Auch die deutsche Ökonomin Isabella Weber kommt in einer aktuellen Studie zu einem ähnlichen Ergebnis. Laut Weber könnten einzelne Branchen die gesamte Inflation anheizen. Im Mittelpunkt standen dabei Rohstoffe wie Rohöl. Und Rohöl ist auch eines der wichtigsten Vorprodukte für Plastik. Hat der Kunststoff also die gestiegenen Rohölpreise in andere Branchen getragen?

Ethylengas im Mittelpunkt

Wenn Matthias Becker-Gröning spricht, wird schnell klar, dass er aus der Region stammt. In Mesum wird der Mund nur halb geöffnet. Die Menschen sind hart, aber herzlich. Und die meisten bleiben auch hier, oder kommen später wieder zurück – so wie Becker-Gröning. Sein Ur-Ur-Urgroßvater gründete die Firma 1871 als Jute- und Leinenhandelsgeschäft. Becker-Gröning studierte zur Jahrtausendwende in Hamburg und Sydney, arbeitete später für Tesa, ehe er 2008 in das Familienunternehmen eintrat. Er kennt die alten Geschichten, die Umbrüche und Krisen. Doch nur wenige Episoden waren so intensiv wie die vergangenen drei Jahre. „Corona, Lieferengpässe und der Ukrainekrieg waren nur drei von vielen Ereignissen, die uns beschäftigt haben“, sagt Becker-Gröning.   

Dass der Mittelständler so stark auf die Weltlage schauen muss, liegt vor allem am Herstellungsprozess. Im Mittelpunkt steht dabei das Ethylengas C2H2, aus dem später Kunststoffgranulate, das sogenannte Polyethylen, produziert werden. Dieses Granulat kaufen Produzenten wie Gröning dann ein. Das Ethylengas entsteht vorher auf vielen verschiedenen Wegen, in Europa und Asien zum Beispiel meistens über Rohöl. Dies wird raffiniert, zum Beispiel in Kerosin, Diesel oder Benzin – aber auch in das Abfallprodukt Naphta. Das Naphta wird anschließend heruntergebrochen – im Fachjargon: „gecracked“ – und es entsteht C2H2. 

 

Je nach Weltregion sind die Wege aber verschieden. Die USA nutzen vor allem Erdgas, China Kohle und Brasilien geht den vermeintlich saubersten Weg über die Fermentierung von Zuckerrohr. Das hat allerdings den Nachteil, dass Ackerflächen für den Nahrungsmittelsektor fehlen.

Das zeigt aber schon, wie abhängig Kunststoffproduzenten von Rohstoffen sind. Steigen die Preise oder stocken die Lieferketten, führt das schnell zu Verwerfungen auf dem gesamten Markt. Hinzu kommt, dass sich Europa nicht selbst mit Ethylengas versorgen kann, entsprechend Nettoimporteur ist. Zu den großen Herstellern gehören etwa die Petrochemiekonzerne ExxonMobil, Lyondellbasell oder Total. „Das ist letztlich ein globales Oligopol“, sagt Becker-Gröning, der global einkauft. Eine Börse, wie etwa für Strom, gibt es für Polyethylen nicht. Die Preisentwicklungen werden in Preisinformationsdiensten veröffentlicht, die aus zahlreichen Interviews einen Index bilden. 

 

Diese Indizes zeigen für die vergangenen Jahre ein ziemlich eindeutiges Bild. Während der Preis für besonders dichtes Polyethylen (PE-HD) laut dem Portal „Plasticker“ zwischen März 2018 – dem ältesten Datenpunkt – und Februar 2021 um 0,55 Cent pro Kilogramm pendelte, kannten sowohl die Inflation als auch PE-HD-Kosten danach nur noch eine Richtung: nach oben. Auch der harmonisierte Verbraucherpreisindex in der EU war zuvor weitestgehend stabil, stieg seit Februar 2021 aber um 14 Prozent. PE-HD schnellte im selben Zeitraum um 25 Prozent nach oben – und im Juli 2022 sogar zwischenzeitlich um 96 Prozent auf 1,02 Euro pro Kilogramm, als Energiekrise und die Zero-Covid-Politik in China zusammentrafen. Seit Ende des vergangenen Jahres fallen nun beide wieder und liegen inzwischen bei knapp 75 Cent. 

Plastikpreise sind volatil

Zwar ergibt sich aus Korrelation nicht immer ein kausaler Zusammenhang. Beim Plastik ist das aber kaum von der Hand zu weisen. Eigentlich jede globale Krise führte bislang zu einer vorübergehenden Preisspitze – seien es Kriege, Corona oder eben ein Wintereinbruch in Texas. Hersteller wie Gröning sichern ihre Versorgung mit langfristigen Kontrakten ab. Aber gegen Preisspitzen hilft das nicht viel. Die Einkaufspreise liegen auch heute noch in einigen Bereichen 50 Prozent über dem Vor-Corona-Niveau. Die Extrusionsanlagen laufen zwar mit Strom und nicht mit Gas, aber auch hier stiegen die Preise. All das führte dazu, dass auch Gröning die höheren Kosten an seine Kunden weitergeben musste – die wiederum genau das gleiche mit ihren Kunden taten. Und weil Plastik eben so breitflächig eingesetzt wird, sind diese Zweitrundeneffekte umso bedeutender. 

Es bleibt allerdings eine Hoffnung: Die Plastikpreise sind sehr volatil. „Wir haben auch schon ähnliche Preise wie jetzt gerade erlebt“, sagt Becker-Gröning. Vor Corona seien die Preise im Gegenteil extrem niedrig gewesen. Von daher könne es auch schnell in die andere Richtung gehen. 

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