InterviewWie in Sachsen Forscher Plastikmüll in Gas umwandeln

Eva-Maria Stange (SPD), Staatsministerin für Wissenschaft und Kunst in Sachsen, spricht bei ihrem Besuch im Institut für Energieverfahrenstechnik an der TU Bergakademie mit Bernd Meyer (l), Professor für Energieverfahrenstechnik und thermische Rückstandsbehandlung, und Leif Timmermann, Manager bei der Firma EP Power Europe. Die Ministerin informierte sich über den Stand der Forschung zur CO2-armen Kohlechemie und chemischem Recycling.
Sachsens Wissenschaftsministerin Eva-Maria Stange informierte sich im Mai 2018 über den Stand der Forschung zur CO2-armen Kohlechemie und chemischem Recycling. Hier spricht sie mit Bernd Meyer (l), Professor für Energieverfahrenstechnik und thermische Rückstandsbehandlung, und Leif Timmermann, Manager bei der Firma EP Power Europedpa


Roh Pin Lee stammt aus Singapur und ist Sozialwissenschaftlerin. Sie leitet die Abteilung Technikfolgenabschätzung am Institut für Energieverfahrenstechnik und Chemieingenieurwesen (IEC), wo Prof. Dr.-Ing. Bernd Meyer – Leiter des Instituts – seit Jahren das chemische Recycling-Verfahren in Deutschland vorantreibt. Ein Video zum Thema chemisches Recycling finden Sie hier.


Roh Pin Lee, Sie gehören seit einigen Jahren zu einem Team an der TU Bergakademie in Freiberg  – und arbeiten an einer Lösung für Plastikmüll. Was genau machen Sie?

ROH PIN LEE: Wir wandeln hier in einer Pilotanlage Plastikmüll in Synthesegas um, das Ganze nennt sich chemisches Recycling. In unserer Anlage werden die Kunststoffabfälle mit Hilfe von Sauerstoff bei Temperaturen von über 1000 Grad Celsius und über 20 bar Druck erhitzt. Bei dem Vergasungsprozess entsteht ein Gasgemisch aus Kohlenmonoxid und Wasserstoff, daneben bildet sich verglaste Schlacke, die umweltneutral ist und als Baustoff etwa für den Straßenbau eingesetzt werden kann.

Das klingt wie eine kleine Revolution…

Die Vergasungstechnologie ist im Grunde eine alte Technologie, die bereits vor knapp einhundert Jahren in Deutschland erfunden wurde, um Synthesegas aus Braunkohle zu herstellen. Die Winkler-Vergasung in Leuna lieferte das Synthesegas für die weltweit ersten großtechnischen Methanol- und Ammoniak-Synthesen. Jetzt wird diese Technologie wiederentdeckt.

Deshalb der Bezug zur Bergakademie…

Genau. Unser Team am Institut für Energieverfahrenstechnik und Chemieingenieurwesen hat ein ganz eigenes Verfahren, das von einem der früher entwickelten abgeleitet ist. Zum einen können wir im Gegensatz zu anderen Projekten stark verschmutzte und gemischte Kunststoffabfälle verwenden. Zweitens gelingt es uns damit, den Kohlenstoffkreislauf zu schließen.

Ist diese so genannte „Kohlenstoffkreislaufwirtschaft“ und Ihr Verfahren eine Lösung für unseren Plastikmüll?

Es ist eine Ergänzung. Bisher landet der überwiegende Teil des deutschen Plastikmülls, der nicht klassisch recycelt wird, in Verbrennungsanlagen, womit Strom oder Wärme gewonnen, aber auch CO2 freigesetzt wird. Durch Vergasung kann Plastikmüll chemisch recycelt und als Rohstoff für die chemische Industrie genutzt werden. Es entstehen neue Produkte, etwa neue Kunststoffe, Kraftstoffe oder Düngemittel. Wir wollen hier in Freiberg möglichst viel Kohlenstoff im Kreislauf halten. Unsere Anlagen könnten einmal in Chemiestandorte integriert werden, auch Kommunen könnten es nutzen und das Synthesegas in dezentralen Anlagen in Methanol umwandeln und als chemischen Rohstoff verkaufen.

Das klingt ein wenig wie die Alchimisten im Mittelalter…

Es ist keine Zauberei. Theoretisch könnte man zwischen 50 und 80 Prozent des organischen Mülls in Deutschland in Synthesegas umwanden. Aus einer Tonne Müll wird etwa eine halbe Tonne neuer Kunststoff. Um diese Verluste auszugleichen könnte man dem Prozess auch Braunkohle beimischen. Im Vergleich zu der derzeitigen Herstellung aus Erdöl würde sich die CO2-Bilanz trotz der Beimischung von Braunkohle weiter verbessern.

Braunkohle? Das wäre ja eine Perspektive für Ihre Gegend.

Die Landesregierung hat auch schon Interesse bekundet. Sie fördert das Projekt mit einer Außenstelle „Kohlenstoff-Kreislauf-Technologie“ des Fraunhofer-Institut für Mikrostruktur von Werkstoffen und Systemen (IMWS). Schließlich sind wir hier in Sachsen weltweit führend mit der Technologie.

Was ist derzeit Ihre größte Herausforderung?

Das Verfahren ist energie- und damit kostenintensiv. Doch die Technologie ist bereit, das haben wir hier in Freiberg gezeigt. Und das Interesse der Industrie steigt, insbesondere aus Asien haben wir viele Anfragen.


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