InvestitionenDeutsche Bank macht mit Risikowette Milliardengewinn

Ein Schiff von Zim im Hafen von New York. Das Unternehmen hat der Deutschen Bank einen Rekordgewinn beschert.IMAGO / Levine-Roberts

Am 8. Juni wollte Mark Spehn eigentlich mit dem Milliardär Idan Ofer in dessen Villa am Meer nördlich von Tel Aviv den Börsengang von Zim Integrated Shipping Services feiern. Pandemie-bedingt musste der 35-jährige Deutsche-Bank-Angestellte in London bleiben. Also feierte er von dort aus – Gründe dazu gab es genug.

Spehn ist der Kopf hinter einer riskanten Wette seiner Bank auf eine Reederei aus Israel, die lange vor allem für eines bekannt war: Sie galt als marode. Das Investment und die Wette auf Zim haben sich jetzt ausgezahlt und dem deutschen Kreditgeber einen seiner größten Gewinne seit den „Big Short“-Handelsgeschäften mit US-Subprime-Wertpapieren vor mehr als einem Jahrzehnt beschert.

Business boomt

Zim Integrated Shipping gilt als die elftgrößte Containerschiffgesellschaft weltweit. Das Business boomt, die Frachtraten steigen ins Unermessliche, vor allem durch die gestiegene Nachfrage in den vergangenen Monaten. Mit den steigenden Frachtraten wächst auch der Gewinn – und das nicht nur für Zim. Auch die Deutsche Bank könnte fast 1 Mrd. Dollar einstreichen.

Es war nicht besonders viel Geld, das die Bank seit 2016 in Zim investiert hat: Weniger als 100 Mio. Dollar in Anleihen und Kredite, die damals mit hohen Abschlägen gehandelt wurden. Außerdem kaufte die Bank auch Aktien des Unternehmens für ein paar Millionen Dollar. Nach der Sanierung der Reederei ist der Wert dieser Investitionen in die Höhe geschnellt. Das könnte der Deutschen Bank effektiv einen Gewinn bescheren, der etwa einem Viertel ihres Investmentbanking-Gewinns im Jahr 2020 entsprechen würde.

Die Deutsche Bank und auch Spehn wollen sich zu dem Deal nicht äußern, der durchaus auch hätte schiefgehen können.

Schmerzhafte Umschuldung

Die Reederei Zim half nach dem Zweiten Weltkrieg dabei, jüdische Einwanderer in ihre neue Heimat zu bringen. In den vergangenen Jahren geriet das Unternehmen allerdings ins Straucheln und musste 2014 eine schmerzhafte Umschuldung durchmachen. Durch die Umstrukturierung konnten die Reederei die Schulden reduzieren. Außerdem wurden die Anteile des Hauptaktionärs Idan Ofer verringert. Trotzdem musste Zim weiterkämpfen: Zu niedrig waren die Preise für den Seetransport.

Spehn ließ sich davon nicht beeindrucken. Zim blieb für ihn ein heißer Anlage-Kandidat. Er wettete auf die Konsolidierung der Branche, setzte auf die Unterstützung durch Ofer und vertraute darauf, dass das Zim-Management bei der Digitalisierung das Richtige tun würde.

Über die eigenen Investitionen hinaus versuchte Spehn auch noch andere von dem Deal zu überzeugen und sich seiner Wette anzuschließen. Das jedenfalls sagen Insider, die seinen Pitch kannten. Wegen der niedrigen Zinsen blieb das Interesse jedoch gering.

Deutsche Bank nicht der einzige Investor

Goldman Sachs und Fidera, ein Fonds, der von einem ehemaligen Banker der Deutschen Bank gegründet wurde, gehören zu den Firmen, die auf den Sekundärmärkten mit einem Abschlag in Zim investiert hatten. Wie die Deutsche Bank reagierten auch sie bisher nicht auf Medien-Anfragen.

Letztendlich haben zwei Dinge sowohl Zim als auch der Deutschen Bank in die Karten gespielt: Zum einen haben die Maßnahmen des Managements zur Verbesserung des Geschäfts beigetragen. Zum anderen stieg in den USA und in Europa ab Sommer 2020 die Nachfrage nach Containern und Containerschiffen sprunghaft an. Außerdem wurden strengere Emissionsvorschriften eingeführt. Beides zusammen ließ die Preise schließlich steigen.

Die Folgen bekam die gesamte Branche zu spüren: Die gestiegene Nachfrage führte zu Engpässen in den globalen Lieferketten. Das trieb die Preise weiter hoch – auf ein Rekordniveau. Der Shanghai Containerized Freight Index, der die Frachtpreise auf einigen der verkehrsreichsten Seerouten des chinesischen Hafens abbildet, ist im letzten Jahr um 265 Prozent gestiegen.

Die Preise für das Verschicken von Containern werden in diesem Jahr wahrscheinlich hoch bleiben: strapazierte Lieferketten und überfüllte Häfen. Außerdem steht bald auch schon wieder das Weihnachtsgeschäft vor der Tür, was die Situation nicht verbessern dürfte.

Im Zuge dieser Welle ging Zim im Januar an die Börse. Seitdem konnte das Unternehmen seinen Wert verdreifachen. Die Reederei hat jetzt angekündigt, noch 2021 eine außerordentliche Dividende zu zahlen. Analysten von Jefferies gehen davon aus, dass das Unternehmen in diesem Jahr mehr Geld einnehmen und seine Bilanz weiter verbessern werde.

Deutsche Bank kann Kasse machen

„Der Börsengang eröffnet uns weitere Wachstumsmöglichkeiten, und unsere Aktionäre haben diese Initiative sehr unterstützt“, sagte Zim-Finanzchef Xavier Destriau in einem Interview.

Die Deutsche Bank macht mit dem Deal Kasse schon jetzt Kasse: Am 4. Juni verkaufte sie Aktien, die sie im Wert von etwa 90 Mio. Dollar eingekauft hatte, wie aus Unterlagen hervorgeht. Der derzeitige Wert der Anteilsscheine: 645 Mio. Dollar.

Die Investition in Zim ist damit zu einer der profitabelsten Wetten seit der von Greg Lippmann gegen die US-Subprime-Papiere geworden. Zum Vergleich: Letztere brachten der Deutschen Bank fast 2 Mrd. Dollar ein.

Die Transaktion reiht sich in mehrere Erfolge der Deutschen Bank ein: Der deutsche Kreditgeber hat sein Investmentbanking umstrukturiert. Nun habe die Bank, sagt sie jedenfalls selbst, Marktanteile zurückgewonnen. Für das Geldinstitut gibt es ein Licht am Horizont, die Kunden kehren zurück.

Gewinner, Gewinner, Gewinner

Die Deutsche Bank ist nicht der einzige Gewinner der Wette auf Zim. Ofer, der das Unternehmen in den letzten zehn Jahren finanziell unterstützte, profitierte von seiner Investition ebenfalls. Der 28-prozentige Anteil von Kenon Holdings, dem größten Aktionär von Zim, der von Ofer kontrolliert wird, ist 1,4 Mrd. Dollar wert.

Spehns ehemaliger Arbeitgeber SC Lowy, der seit 2012 in Zim investiert, furh ebenfalls hohe Gewinne ein. Das Unternehmen wollte sich dazu aber nicht äußern. Auch Danaos, ein Schiffsvermieter, der 2014 seine Leasingverträge in Eigenkapital umwandelte, erhielt nach dem Börsengang einen Geldsegen von mindestens 250 Mio. Dollar, wie Präsident John Coustas in seinem Jahresbericht darlegte.

Zu den anderen Investoren mit Positionen aus der Umstrukturierung gehören Investmentfonds wie King Street Capital Management und Davidson Kempner Capital Management, wie aus Unterlagen hervorgeht. „Es war wichtig für uns, einen anständigen Teil unserer Position zu monetarisieren, gerade weil die Liquidität des Eigenkapitals relativ gering ist“, sagte Deepak Natarajan, Managing Director bei King Street. „Wir sind immer noch relativ optimistisch was die Frachtraten in den nächsten sechs bis 12 Monaten angeht.“

Für mehr Artikel wie diesen besuchen Sie bitte bloomberg.com.

© 2021 Bloomberg L.P.