Klimaunion„Der Wandel hin zum Klimaschutz wird größer als der zur Wiedervereinigung“

Philipp Schröder war früher bei den Grünen – jetzt hat er die Klimaunion mitgegründet.Christoph Neumann

Philipp Schröder hat für Tesla das Deutschlandgeschäft mit aufegbaut, war Vertriebschef des Energie-Start-ups Sonnen und gründete das Fintech Capinside. Jetzt hat er gemeinsam mit sechs Mitstreitern die Klimaunion gegründet, ein Verein, der es sich zum Ziel gesetzt hat, eine wirksame 1,5-Grad-Politik innerhalb der Unionsparteien voranzutreiben.

Capital: Sie haben Ende März den Verein Klimaunion mitgegründet. Was hat Sie dazu bewegt?

PHILIPP SCHRÖDER: Wir glauben, dass das Werben für einen konsequenten Klimaschutz innerhalb einer grünen Bubble nicht die durchschlagende Wirkung hat, die wir brauchen. Uns bleibt nur noch ein kleines Zeitfenster: Was nicht von der nächsten Bundesregierung auf den Weg gebracht wird, kommt nicht mehr rechtzeitig, um das Klimaziel 2035/2040 zu erreichen. Also müssen wir den Politikern, die in der nächsten Bundesregierung Verantwortung übernehmen werden, helfen, mutig zu sein. Und der Bevölkerung, gerade dem bürgerlichen Lager, müssen wir Dialogangebote in ihrer eigenen Sprache machen. Wir dürfen Sie nicht ausgrenzen. Für den Wandel hin zu mehr Klimaschutz brauchen wir alle bürgerlichen Schichten und die Wirtschaft. Dieser Wandel wird größer als der zur Wiedervereinigung.

Sie sagen, dass die „grüne Bubble“ das bürgerliche Lager nicht genug anspricht. Was wollen Sie anders machen als diese „grüne Bubble“?

Zum einen wollen wir anders kommunizieren und auch von Themen wie Heimat und Kulturlandschaft sprechen – vom Alpsee bis zum Deich und der Lüneburger Heide. Wir wollen also einen anderen Zugang zum Klimaschutz schaffen. In der „grünen Bubble“ gibt es oft eine Selbstbestätigung und Selbsterhöhung, was dazu führt, dass wir Leute, die wir dringend brauchen, nicht in den Dialog bekommen. Aber der Klimawandel betrifft eben alle, also müssen auch alle angesprochen werden. Zum anderen wollen wir eine Lösung anbieten, die Hoffnung macht. Eine wirksame 1,5-Grad-Politik führt zu einer wettbewerbsfähigeren Wirtschaft und einer besseren ökonomischen Zukunft – und umgekehrt. Wir wollen die Wirtschaft mit an den Tisch bringen und auch denen ein Angebot machen, die im Korsett der fossilen Energieträger stecken. Ich sehe das wie Suchthilfe: Es macht keinen Sinn, einem Süchtigen zu sagen, dass er schlechte Entscheidungen getroffen ist und selbst schuld ist. Was hilft, ist ein Alternativangebot.

Wie sollte so eine klimafreundliche Wirtschaftspolitik aussehen?

Wir als Klimaunion wollen uns nicht in Einzelmaßnahmen einmischen, sondern generell Politiker überzeugen, das 1,5-Grad-Ziel anzuerkennen. Wer dem zustimmt, stimmt automatisch einem ganzen Rattenschwanz an Maßnahmen zu. Klar ist aber sicherlich, dass wir schnell auf erneuerbare Energien umstellen müssen. An diesen Energien können wir keinen Raubbau betreiben, Konsum ist dann nicht schlecht. Wir glauben auch, dass der Bau der Infrastruktur, die wir dafür brauchen, priorisiert werden muss – über dem Umweltschutz, über Verbandsklagen und über dem Planungsrecht.

Mit wem glauben Sie Ihre Ziele am bestem umsetzen zu können? Wäre Schwarz-Grün eine Wunschkoalition für die Klimaunion?

Für mich auf jeden Fall und auch für die Klimaunion wäre das sicherlich die naheliegendste Konstellation. Wir und die Grünen haben da unterschiedliche Herangehensweisen. Wir würden Druck machen bei dem Verständnis, dass wir, wenn wir klimafreundliche Infrastruktur ausbauen wollen, Gas geben müssen in Planungsverfahren und Verbandsklage-Fragen und der Umweltschutz eingeschränkt werden muss. Die Grünen dagegen würden sicherlich versuchen, soziale Projekte durchzusetzen. Das zusammenzubringen, wäre eine Herausforderungen, aber unsere Demokratie muss jetzt zeigen, dass wir das können. Wenn wir uns nach Corona noch einmal nur gegenseitig anschreien, werden wir möglicherweise das Vertrauen in die Demokratie nachhaltig kaputt machen.

Sie selbst waren bis vor nicht allzu langer Zeit Mitglied bei den Grünen, die ja als Klimapartei bekannt sind. Warum glauben Sie nun, in der Klimathematik bei der Union mehr erreichen zu können?

Zum einen ist bei der Union der Bedarf und der Wille größer, sich zu verändern. Zum anderen bin ich der Meinung, dass man Klimaschutz ohne die Wirtschaft nicht hinbekommen kann. Ich bin sogar der Meinung, dass starke Grüne dem Klimaschutz schaden, weil dann auch eine linke Sozialpolitik gemacht wird, die die bürgerliche Mitte nicht mitträgt. Dabei ist es gar nicht so schwer, die Konservativen anzusprechen: Unter ihnen gibt es ein großes Bedürfnis, dass die Kinder und Enkelkinder noch gut leben können. Sie fühlen sich nur von bestehenden Plattformen in diesem Bereich abgestoßen. Es macht Spaß, diesen Menschen neue Wege zu eröffnen.

Wie kam Ihre Gründung in Ihrer Partei an?

Insgesamt waren die Reaktionen sehr gut. Wir wollen eine Art Graswurzelbewegung sein und nicht nur mit Menschen aus dem Establishment arbeiten. Aber auch die renommierten Unionspolitiker nehmen sich Zeit und hören wirklich zu, weil sie merken, dass sich die Zeiten ändern. Aber natürlich gibt es auch die Angst vor einer zweiten Werteunion. Das wollen wir aber auch nicht sein. Wir wollen der Union helfen, Wahlkämpfe zu gewinnen, Mehrheiten zu organisieren, Sachlichkeit zurückzubringen und das Selbstvertrauen der Union in der Klimathematik zu stärken.

Nun gibt es aber auch Strömungen innerhalb der Partei, die der Klimaunion entgegenstehen, wie die von Ihnen gerade erwähnte Werteunion, die ja auch mit Ihrem Klimamanifest für Aufsehen gesorgt hat, in dem sie behauptet, die Sonne mache das Klima, nicht CO2. Wie gehen Sie mit solchen Stimmen innerhalb der Partei um?

Dafür ist Sprache wichtig. Ich würde einer solchen Person aus der Werteunion sagen: Klimaschutz ist Heimatschutz. Man muss aufhören, Angst vor dem Vokabular zu haben. Am Ende geht es darum, die Menschen so anzusprechen, wie sie sind. Ich selbst komme von einem Bauernhof aus der Lüneburger Heide. Wenn ich nach Hause fahre und sehe, dass der ganze Fichtenwald tot ist, betrifft der Klimawandel meine Heimat. Wenn wir auf diese Ebene kommen und über die Verbindung zur Heimat, zur Natur sprechen, gibt es unglaublich viel, das mit Werten zu tun hat. Von dem Weinbauer, der Reben anbaut über den Handwerker, der die Solarpanele aufs Dach bringt bis hin zum Bauern, der eine Biogasanlage hat – das ist eigentlich ein bürgerliches Klientel, das darauf wartet, adressiert zu werden. Ich denke, wir sprechen da eine Sprache, die auch einige Mitglieder der Werteunion anspricht – wenn es reaktionär wird, machen wir allerdings nicht mehr mit.

Zum Abschluss noch ein Blick auf den kommenden Wahlkampf: Welche Rolle kann die Klimaunion dort einnehmen?

Wir können einen erfrischenden Blickwinkel bieten. Bisher wollte sich die Union dem Thema Klimaschutz entziehen. Wir sind in der Lage, einfache Botschaften auszusprechen, wie „Lieber Wind vom Deich als Öl vom Scheich“. Und wir wollen auch über die positiven Dinge sprechen: Deutschland ist das Industrieland mit dem höchsten Anteil an erneuerbaren Energien, wir sind Vorreiter. Jetzt müssen wir diesen Weg – mit Maß und Mitte – weitergehen. Ich glaube, dass wir so CDU-Wähler wieder aktivieren können – und vielleicht auch den einen oder anderen Grünen-Wähler zurückgewinnen.

 


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