KommentarDer stille Tod des Sell-Side-Analysten

Ein Mann sitzt vor einer Reihe von Computermonitoren über deren Rand eine Frau zu ihm blickt
Werden Analysten bald überflüssig?dpa

Liebe Freunde, lasst uns ein wenig über Julian Bonusworthy nachdenken. Er arbeitet für eine respektable, wenn auch zweitrangige Großbank in einem Londoner Büroturm. Er ist Aktienanalyst und berät Fondsmanager-Kunden, was sie kaufen und verkaufen sollen. Sein Grundgehalt beträgt 350.000 Pfund und in einem guten Jahr erhält er am Jahresende einen ansehnlichen Bonus. Seine Zwillinge gehen in eine Privatschule, der Land Rover ist bezahlt und sein 4 Millionen Pfund teures Haus ist es nicht.

Julian steht vor dem Rausschmiss. Dabei sind seine Leistungen nicht schlechter geworden. Er produziert immer noch Berge von Berichten und bearbeitet die Telefone. Sein Problem ist, dass er genauso überflüssig ist wie ein Händler für Reitpeitschen. Vielleicht weiß er es nur nicht.

Möglicherweise werden für Tabellenkalkulations-Jockeys in Hosenträgern und knackigen weißen Hemden nur wenige Tränen vergossen – auch für solche, die nicht wie Julian imaginär sind. Aber sein Schicksal hat Folgen für die Finanzbranche und für Städte wie London.

Potenzielle Interessenkonflikte

Wer ist verantwortlich für Julians Karriereaus? Es sind Regulierer und Roboter. Werfen wir zunächst einen Blick auf die Erstgenannten. Nach den europäischen Mifid-II-Regeln, die vor kurzem in Kraft getreten sind, dürfen Fondsmanager die Arbeit der Analysten nicht mehr mit Handelsprovisionen bezahlen. Früher trafen sich Analysten mit Managern und stellten ihnen ihre Untersuchungsergebnisse zur Verfügung. Wenn die Kunden dann Aktien über die Handelsplattform der Bank kauften oder verkauften, haben Händler und Analysten die Handelsprovisionen unter sich aufgeteilt.

Die neuen Mifid-II-Regeln sehen darin einen potenziellen Interessenkonflikt. Wenn eine Bank nicht auf Grundlage einer effizienten Geschäftsabwicklung für Handelsdienstleistungen zahlt, bestehe die Gefahr, dass der Handel zu einer Währung für den Austausch von Gefälligkeiten wird, anstatt das Geld der Anleger zu vermehren. Für das Analysten-Research muss daher nun mit harter Währung bezahlt werden. Und weil die Märkte global sind, verändert Mifid überall die Art und Weise, wie volkswirtschaftliche Analysen honoriert werden.

Das Ergebnis ist ein viel gnadenloserer Markt. Früher kamen Kundengelder als Block herein, wobei nicht genau klar war, wer dieses Geld verdient hat. Banken ermittelten den Wert von Analysten aus Kundenumfragen. Diese schützende Zweideutigkeit war gut für den Berufsstand der Analysten – die immer mehr wurden.

Laut Bloomberg gibt es 43 Analysten, die sich mit Apple beschäftigen (35 empfehlen die Aktie zum Kauf). Sind die Budgets der Fondsmanager groß genug, um 43 üppige Gehälter für 43 nicht gerade unterschiedliche Ansichten über Apple zu zahlen? Möglicherweise. Apples Marktwert liegt bei fast 1 Billion Dollar. Darauf lassen sich hohe Wetten abschließen.

Aber schauen wir uns Redrow an, eine britische Wohnungsbaufirma mit einem Marktwert von etwa 2,5 Mrd. Pfund, die von 15 Analysten beobachtet wird (von denen zwei Drittel zum Kauf der Aktie raten). Es gibt zweifellos Überkapazitäten in der Branche, die, wenn sie den Marktkräften ausgesetzt wird, kaum überlebensfähig ist. In Gesprächen mit ihren Kunden mussten die Banken bereits feststellen, dass ihre Analysen viel weniger wert sind als gedacht.