Peter Seppelfricke Schwarmintelligenz: Warum Analysten eine deutliche Rezession erwarten

Die kollektive Intelligenz von Aktienanalysten kann zu besseren Konjunkturprognosen führen
Die kollektive Intelligenz von Aktienanalysten kann zu besseren Konjunkturprognosen führen
© dpa / dpa
Die Umsatzschätzungen von Aktienanalysten können gut für Konjunkturprognosen genutzt werden. In den Schätzungen vereint sich das Know-how von vielen Branchenexperten

Konjunkturprognosen sind aktuell sehr problematisch. Der Krieg in der Ukraine, die Entflechtung von Lieferketten, Engpässe und explodierende Preise bei Rohstoffen und Vorprodukten bremsen viele Unternehmen derzeit aus. Hohe Inflationsraten, steigende Zinsen und zahlreichen Unwägbarkeiten hemmen den privaten Konsum und die Investitionen von Unternehmen. Die Prognose des Bruttoinlandsproduktes (BIP) auf Basis von aggregierten Daten fällt vielen Volkswirten gegenwärtig deshalb besonders schwer – in diesen bewegten Zeiten fehlen schlicht die passenden Vergleichsmaßstäbe, mit denen sich die Zukunft realistisch vorhersagen lässt.

Die Macht der Schwarmintelligenz

Peter Seppelfricke lehrt Finanzwirtschaft an der Hochschule Osnabrück. Er ist zugleich Gründer und Geschäftsführer der Value Investor Research GmbH
Peter Seppelfricke lehrt Finanzwirtschaft an der Hochschule Osnabrück. Er ist zugleich Gründer und Geschäftsführer der Value Investor Research GmbH
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Die Entwicklung der Konjunktur lässt sich jedoch recht gut erahnen, wenn man die Umsatzprognosen für Unternehmen von zahlreichen Aktienanalysten weltweit auswertet. Gut informierte Gruppen können viele Dinge regelmäßig besser vorhersehen als einzelne Experten. Besonders augenfällig ist dies bei der RTL-Sendung „Wer wird Millionär?“: Der Publikumsjoker liefert statistisch in 90 Prozent der Fälle die richtige Antwort, die Experten schaffen dies jedoch nur bei 65 Prozent der Fragen. Und dies ist kein Einzelfall. Ganz gleich, ob es sich um die Schätzung des Gewichts eines Ochsen, die die Prognose der Coronapandemie oder die Suche nach einer vermissten Person handelt – die kollektive Weisheit von Gruppen (auch Schwarmintelligenz genannt) findet die Lösung für viele Probleme häufig präziser als einzelne Fachleute. Es drängt sich deshalb auf, dieses Prinzip auch bei der Konjunkturprognose anzuwenden.

Die Analyse der Umsatzschätzungen zeigt, dass die Analysten in diesem Jahr bei deutschen Unternehmen von einem moderaten nominalen Wachstum ausgehen. So wird bei den Unternehmen im Dax im Mittel ein Umsatzwachstum von 2,4 Prozent in diesem Jahr prognostiziert (siehe Abbildung). Dieses Wachstum kann jedoch nicht beeindrucken. In konstanten Preisen bzw. nach Abzug der Inflation (ca. sechs Prozent in diesem Jahr) erwarten die Analysten offenbar einen deutlichen Konjunktureinbruch bei vielen Unternehmen. Die Rahmenbedingungen sind dabei für die deutschen Unternehmen deutlich problematischer als für die Unternehmen in Übersee. Bei den Unternehmen im MSCI World oder im S&P 500 gehen die Analysten von einer Stagnation aus. Die erwarteten Umsatzsteigerungen entsprechen bei diesen Unternehmen in etwa der erwarteten Inflation.  

Anmerkungen: Berechnungen des Autors mit Daten aus S&P Capital IQ. Es werden jeweils die Mediane für die verschiedenen Indizes angegeben.
Anmerkungen: Berechnungen des Autors mit Daten aus S&P Capital IQ. Es werden jeweils die Mediane für die verschiedenen Indizes angegeben.

In Analystenschätzungen verdichtet sich viel kollektive Weisheit

Die Umsatzschätzungen der Aktienanalysten erweisen sich als sehr hilfreich für Konjunkturprognosen. In den Prognosen vereint sich regelmäßig die Weisheit von zahlreichen Branchenexperten: 

  • Analysten: Bei Analysten handelt es sich häufig um erfahrene und ausgewiesene Branchenkenner. Analysten werten permanent und ausgiebig die wichtigsten Parameter für das Wachstum des betreffenden Unternehmens aus.
  • Management: Die Prognosen von Analysten basieren insbesondere in der kurzen Frist auf einer schlüssigen Guidance des Managements. Die Vorstände eines Unternehmens kennen sehr genau die Werttreiber ihres Unternehmens. Sie verfügen über viele aktuelle und nicht öffentlich verfügbare Informationen zur aktuellen Geschäftsentwicklung (z.B. Engpässe bei Vorprodukten).
  • Sonstige Branchenkenner: In die Prognosen von Analysten fließen nicht nur die Aussagen des Managements, sondern auch eingehende Analysen von Konkurrenten, Unternehmensberatungen, Marktforschungsunternehmen oder Ratingagenturen ein. Die Prognosen von Analysten reflektieren mithin auch das Know-how von anderen Branchenfachleuten.

Prognosen der Analysten sind gut, aber nicht perfekt

Die Weisheit der vielen funktioniert am ehesten dann, wenn sich die Meinungen der Einzelnen unabhängig herausbilden können und dabei auch unterschiedliche Information ausgewertet werden. Dies ist bei Analysten nicht der Fall. Die ausgewerteten Informationen sind weitgehend identisch. Darüber hinaus neigen viele Analysten aufgrund von psychologischen Phänomenen (kognitive Dissonanz, selektive Wahrnehmung etc.) zu einem Herdenverhalten. Mit übermäßig negativen Prognosen fühlen sie sich unwohl, die Schätzungen fallen deshalb regelmäßig zu optimistisch aus.

Die ausgewiesenen Umsätze von Unternehmen decken sich auch nicht exakt mit dem Bruttoinlandsprodukt (BIP) des betreffenden Landes. In den konsolidierten Umsätzen der Unternehmen spiegeln sich auch die Erträge der Produktionsstätten im Ausland wider. Bei der Betrachtung von Wachstumsraten von Umsätzen und BIP machen sich diese Unterschiede jedoch kaum bemerkbar, da ausländische Anteile an den Umsätzen weitgehend konstant sind. So weisen die Wachstumsraten der Umsätze der Unternehmen im Dax und die Wachstumsraten des deutschen BIP eine hohe Korrelation von 0,72 in den vergangenen 20 Jahren auf.

Fazit: Perspektiven der Unternehmen sind nachhaltig eingetrübt

Die Schwarmintelligenz der Analysten lässt erahnen, dass man in Deutschland in diesem Jahr von einer deutlichen Rezession ausgehen muss. Auch in den nächsten Jahren deuten sich keine Entspannung an. Die Entflechtung von Lieferketten, explodierende Energie- und Rohstoffpreise, Inflation und steigende Zinsen sowie absehbare Handels- und Militärkonflikte trüben die Perspektiven vieler Unternehmen auf Jahre hinaus massiv ein. Auch die Anleger sollten sich deshalb auf eine längere Durststrecke einrichten.


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