Capital erklärtDer große Wettlauf um einen Covid-19 Impfstoff

Über 80 Forschungsprojekte für einen Corona-Impfstoff sind derzeit aktiv.imago images / localpic


In unserer Reihe Capital erklärt geben wir einen komprimierten Überblick zu aktuellen Wirtschaftsthemen. Diesmal: Die Suche nach einem Corona-Impfstoff – mit Capital-Redakteurin Monika Dunkel


Mit einem Impfstoff gegen SARS-CoV-19 rechnen Experten in frühestens einem Jahr. Weshalb dauert die Entwicklung so lange?

Das wäre eher kurz. Der Regelfall für einem Impfstoff liegt eher bei mindestens 18 Monaten. Das liegt an sehr aufwändigen Test- und Zulassungsverfahren. Schließlich soll die Impfung für den Menschen ja gut verträglich, wirksam und auf keinen Fall gefährlich sein. Alles andere wäre fatal. Schließlich werden Millionen, wenn nicht Milliarden Menschen diese Impfung dann verabreicht bekommen. Alles in allem durchläuft er deshalb drei klinische Testphasen, wo man ihn bereits an Menschen testet. Zuvor muss ein Hersteller bereits nachweisen, dass der Stoff bereits ausreichend präklinische Tests durchlief – etwa in Tierversuchen.

Hinzu kommt: Als der SARS-CoV-19-Virus im Januar genetisch entschlüsselt wurde, gab es noch keinen einzigen Impfstoffkandidaten. Nun haben wir weltweit etwa 86 mit unterschiedlichen Ansätzen. Drei davon haben bereits mit Phase-I-Studien begonnen, also klinische Versuche mit ersten Menschen. Eine davon, die von CanSino Biologics, ein chinesisches Biotechnologie-Unternehmen, wurde für Phase II-Studien zugelassen, mit denen herausgefunden werden soll, ob ein Impfstoff eine Immunantwort hervorrufen kann, die das Virus bekämpfen könnte. In Wuhan werden derzeit 500 Freiwillige rekrutiert.

Über 80 Forschungsversuche

Das deutsche Biotech-Unternehmen CureVac forscht ebenfalls an der Impfstoffentwicklung. Die Entwicklung des Impfstoffs könnte über 500 Millionen Euro kosten. Ist mit Unterstützung des Staats zu rechnen?

Ja, ohne staatliche Hilfe wird es nicht gehen. Die EU hat Anfang Mai eine internationale Geberkonferenz ins Leben gerufen. Ziel ist es, 7,5 Mrd. Euro einzusammeln für die Entwicklung eines Impfstoffs, von Medikamenten und neuen Schnelltests. Deutschland hat hierfür 525 Mio. Euro zugesagt. Im Moment wird ja parallel an unterschiedlichen Impfungen geforscht wird, weltweit gibt es über 80 Forschungsversuche. Das sind alles Hoffnungsträger, die sich aber am Ende auch als Fehlversuche herausstellen können. Gleichzeitig werden aber auch schon Produktionskapazitäten für die Herstellung des Impfstoffs aufgebaut, die sich auch als Fehlinvestition herausstellen kann. Aber Trial und Error ist die einzige Möglichkeit.  Das Tübinger Unternehmen CureVac wird von der EU mit 75 Millionen Euro gefördert wird, zum Sommeranfang will es seinen Impfstoff in die klinische Erprobung am Menschen bringen.

Neben der Forschung an neuen Wirkstoffen testet man derzeit auch altbekannte Wirkstoffe, etwa gegen Ebola und Malaria. Wie stehen hier die Chancen?

Das Ebola-Medikament Remdesivir (Hersteller Gilead) machte kürzlich Schlagzeilen, weil Betroffene nach der Einnahme schneller wieder gesund wurden. Kurz darauf erlaubten die USA den Einsatz des Mittels bei Covid-19-Patienten im Krankenhaus. Es wird derzeit auch in Deutschland in einer Studie erforscht mit ermutigenden Ergebnissen. Man habe bereits nachgewiesen, dass Remdesivir bei einer Covid-19-Erkrankung den schweren Verlauf abmildere und verkürze, so der Leiter der Infektiologie am Universitätsklinikum Köln, Gerd Fätkenheuer vor einigen Tagen. Das Malariamedikament Hydroxychloroquin wirkt vermutlich nicht gegen Sars-CoV-2.

Wird die Impfung, wenn erhältlich, zur Pflichtimpfung werden?

In Deutschland sicher. Anfangs wird man aber gar nicht alle Menschen impfen können. Da wird es eine Auswahl geben müssen, vielleicht zuerst das medizinische Personal, Menschen in Pflegeberufen und so weiter. Es wird Jahre brauchen bis die Menschheit einmal durchgeimpft ist. Das ist eine Frage der Kapazitäten, des Gesundheitssystems und des Geldes.

Vernachlässigung der Impfstoffentwicklung

Hat Europa die Entwicklung von Impfstoffen in den letzten Jahren generell vernachlässig

Ja, aber das trifft nicht nur auf Europa zu, sondern auf die Industrieländer generell. Der Grund ist simpel: Da die Gewinne bei der Herstellung von Impfstoffen gering sind, ist das für die Pharmaindustrie nicht sonderlich attraktiv.  Fast das gesamte Know-how der pharmazeutischen Industrie zur Herstellung von Impfstoffen konzentriert sich in nur vier Unternehmen: gsk, Johnson & Johnson, Pfizer und Sanofi. Und diese vier stehen der Entwicklung von Impfstoffen für Pandemien generell skeptisch gegenüber, nicht zuletzt, weil die Entwicklung von Impfstoffen für Krankheiten, die dann verschwinden, noch weniger rentabel ist. Auch die Regierungen spielten hier teilweise eine unrühmliche Rolle. Sobald sie feststellen, dass ihr Kontinent von der Pandemie verschont bleibt, stellen sie ihre Bemühungen weitgehend ein. So geschehen mit dem Zika-Impfstoff in den USA. Aber auch mit dem Impfstoff gegen die Grippepandemie vor einem Jahrzehnt.

Nachdem die h1n1-Grippe-Pandemie verpuffte, zogen sich die Regierungen Amerikas und einiger europäischer Länder aus den versprochenen Verträgen zurück, so dass die Pharmaunternehmen auf Hunderten von Millionen Dollar an Entwicklungskosten sitzen blieben. Das analysierte Laurie Garrett, Autorin von „The Coming Plague“, einem bereits 1994 veröffentlichten vorausschauenden Buch.. Nun kommt vieles in Bewegung, es gibt mehr Patienten, Geld und die Erkenntnis, dass man sich in Europa und den USA zu sicher gefühlt hat und die Entwicklung von Impf- und Wirkstoffen vernachlässigt hat.