Voice of AmericaDer Geschlechterkampf um die Klimaanlage

Klimaanlagen an der Fassade eines Bürohauses in New Yorkdpa

Der Sommer ist die Zeit, in der man in Amerika friert. Bis weit in den September zieht sich in Washington die Saison, in der man seinen Namen mit dem Finger auf die beschlagenen Scheiben von Starbucks schreiben kann, die Leute im Parka im Kino sitzen und Richter die Verhandlung unterbrechen, damit sich die Geschworenen im Freien aufwärmen können, wie es die „New York Times“ einmal beschrieb. Denn während draußen die Temperatur über 30 Grad klettert, herrscht drinnen Eiszeit. In eigentlich allen Behörden, Büros, Restaurants und Geschäften läuft die Klimaanlage heiß – was vor allem Frauen frösteln lässt.

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Männer mögen’s kälter: Sie fühlen sich Biologen zufolge bei rund 22 Grad am wohlsten, während Frauen 25 Grad brauchen. Da aber in den meisten Gebäuden der männliche Stoffwechsel den Ton angibt, ist in den USA ein Geschlechterkampf ums Zimmerklima entbrannt.

Die Raumtemperaturen seien „notorisch sexistisch“, kritisierte die Assistentin der New Yorker Gouverneurskandidatin Cynthia Nixon, kurz bevor diese zum Vorwahlstreitgespräch mit Amtsinhaber Andrew Cuomo antrat. Der dafür vorgesehene Saal auf Long Island müsse auf 24,5 Grad hochgeregelt werden, verlangte die Politikerin, die den meisten Zuschauern vor allem aus ihrer Rolle als Anwältin Miranda Hobbes in „Sex and the City“ bekannt ist.

Das Grad-Diktat der Männer

Ihr Rivale Cuomo ließ kühl ausrichten, er wolle sich lieber mit substanziellen Themen beschäftigen. Damit allerdings hat der seit zwei Legislaturperioden amtierende Gouverneur die Debatte in den Medien und sozialen Netzwerken erst richtig angeheizt. Viele Frauen wollen sich nicht länger zähneklappernd dem Grad-Diktat beugen. „Nie hat mich eine politische Debatte mehr betroffen“, schrieb eine Professorin aus Iowa auf Twitter: „49 Prozent der Amerikaner kontrollieren 100 Prozent der Büro-Thermostate.“ Es stehe viel mehr auf dem Spiel als die Zimmertemperatur, argumentierte die Gender-Kolumnistin der „Washington Post“: „Es geht darum, wie wir eine Welt erschaffen, die für alle Arten von Menschen da ist, nicht nur für ein paar.“ Die Twitter-Anmerkung eines Nixon-Followers, dass auch mancher Mann keine Eisschranktemperaturen möge, ging im politischen Sommergewitter unter.

Die Vorwahldebatte der beiden demokratischen Gouverneursbewerber wurde dann ziemlich heiß. Zumindest in Sachen Raumtemperatur unterlag Cynthia Nixon – im Saal herrschten, wie eine Fernsehreporterin mit sichtbarer Gänsehaut berichtete, eisige 20,5 Grad.

In Washington klettern die Temperaturen dieser Tage mal wieder auf Rekordwerte. Ich schreibe diese Kolumne frierend am Schreibtisch. Die Temperatur wird in unserem Haus zentral geregelt. Vermutlich von Männern.