KolumneDer riskante Kollaps des Nahen Ostens

Nouriel Roubini
Nouriel Roubini
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Nouriel Roubini ist Vorsitzender von Roubini Global Economics und Professor an der Stern School of Business der New York University. Er ist als „Dr. Doom“ bekannt. Der Name wurde Roubini verliehen, weil er 2008 die Immobilienblase vorhersagte. Sie können ihm hier auf Twitter folgen.


Unter den heutigen geopolitischen Risiken ist keines größer als der lange Bogen der Instabilität, der sich vom Maghreb bis an die afghanisch-pakistanische Grenze erstreckt. Während der arabische Frühling immer mehr zu einer fernen Erinnerung wird, leidet die Region zunehmend unter Destabilisierung. Tatsächlich ist das Schicksal der drei Staaten des ursprünglichen Arabischen Frühlings ernüchternd: Libyen ist inzwischen ein gescheiterter Staat, Ägypten hat erneut ein autoritäres Regime und Tunesien wurde durch Terroranschläge wirtschaftlich und politisch destabilisiert.

Die Gewalt und Instabilität Nordafrikas greift nun auf das Afrika südlich der Sahara über. In der Sahelzone – eine der weltweit ärmsten und ökologisch am meisten geschädigten Regionen – breitet sich der Dschihadismus aus, ebenso wie weiter östlich am Horn von Afrika. Und so wie in Libyen herrscht auch im Irak, in Syrien, im Jemen und in Somalia Bürgerkrieg, und auch sie drohen, als gescheiterte Staaten zu enden.

Durch die Unruhen in der Region (zu deren Ausbruch die USA und ihre Verbündeten bei ihren Bemühungen zum Sturz der Regimes im Irak, in Libyen, in Syrien, in Ägypten und anderswo beigetragen haben) werden auch bislang sichere Staaten unterminiert. Der Einfluss der Flüchtlinge aus Syrien und dem Irak wirkt destabilisierend auf Jordanien, den Libanon und jetzt sogar auf die Türkei, deren Regierung unter ihrem Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan zunehmend autoritär wird. Und im Zuge fehlender Lösungen im Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern bleibt die Gefahr gewalttätiger Auseinandersetzungen zwischen Israel und der Hamas in Gaza sowie der Hisbollah im Libanon.

Kein Ölpreisschock

In diesem wechselhaften regionalen Umfeld findet im Irak, in Syrien, im Jemen, in Bahrain und im Libanon ein großer Stellvertreterkrieg zwischen dem sunnitischen Saudi-Arabien und dem schiitischen Iran statt. Zwar könnte durch das jüngste Nuklearabkommen mit dem Iran das Risiko der Verbreitung von Atomwaffen geringer werden, aber die dortigen Politiker erhalten durch die Aufhebung der Wirtschaftssanktionen wieder mehr finanzielle Ressourcen zur Unterstützung ihrer schiitischen Stellvertreter. Weiter im Osten drohen auch Afghanistan (wo die erneut zum Leben erwachten Taliban wieder an die Macht kommen könnten) und Pakistan (wo die Islamisten eine andauernde Bedrohung der Sicherheit darstellen) als Staaten zu scheitern.

Und obwohl inzwischen ein Großteil der Region in Flammen steht, sind die Ölpreise erstaunlicherweise kollabiert. In der Vergangenheit wurden durch die geopolitische Instabilität der Region drei weltweite Rezessionen ausgelöst: Der Yom-Kippur-Krieg von 1973 zwischen Israel und den arabischen Staaten verursachte ein Ölembargo mit einer Verdreifachung der Preise und damit die Stagflation (hohe Arbeitslosigkeit plus Inflation) von 1974-1975. Ein weiteres Embargo mit Preisschock folgte auf die iranische Revolution von 1979, ebenfalls mit weltweiter Stagflation in den Jahren 1980-1982. Und die irakische Invasion in Kuwait des Jahres 1990 führte zu einem weiteren Ölpreishoch, das die Rezession in den USA und im Rest der Welt der Jahre 1990-1991 auslöste.