ReportageDer neue Kampf auf dem Ölmarkt

Ölborhtürme in Westtexas
Dutzende Bohrtürme prägen die staubige Landschaft von Westtexas. Die Vorräte dort galten als ausgelaugt – bis der Schieferöl-Boom kam – Foto: Brent Humphreys

Der Mann, der die Ölindustrie in Westtexas gerettet hat,
hat heute weiße Haare und geht an einem Gehstock. Jim Henry ist 80 Jahre alt, vor Kurzem musste er sich an der Hüfte operieren lassen. Aus dem Tagesgeschäft seines Unternehmens Henry Resources hat er sich zurückgezogen. Dennoch kommt Henry regelmäßig in die Firmenzentrale, einen Klinkerbau am Stadtrand von Midland, in dem Fotos an den Wänden hängen, die ihn Arm in Arm mit Mitgliedern der Familie Bush zeigen.

Seit fünf Jahrzehnten ist Henry ein großer Name in der texanischen Ölbranche. Seit einigen Jahren ist er eine Legende. Henry, immer noch ein Bild von einem Mann mit perfekt sitzendem dunkelblauen Blazer und darunter blitzenden Hosenträgern, hat das Fracking in die engen Schieferfelsen um Midland gebracht. Der Unternehmer stand am Anfang jener Revolution, die Texas wieder zu einem Paradies für Ölfirmen gemacht hat – und die Vereinigten Staaten zu einer Energiesupermacht.

Vor der Zentrale von Henry Resources flattert die texanische Flagge. In den Fluren schmücken Gemälde von Ölfeldern und Baupläne für Pumpen und Bohrtürme fast jede Wand. Selbst im Aufzug hängen Poster, die Pumpen im Sonnenuntergang zeigen. Wer hier arbeitet, liebt das Öl.

Im Konferenzraum deutet Henry auf eine Tabelle, die er mit Bleistift gezeichnet hat: die Entwicklung des Ölpreises. Von der großen Krise 1986, die an den jüngsten Preiscrash erinnert, bis Ende der 90er-Jahre bleibt die Kurve flach. „Und selbst danach ging der Preis nicht auf das Niveau zurück, wo er vor der Krise war“, sagt Henry.

Als Henry 2003 in der Gegend um Midland damit begann, in bislang unzugänglichen Gesteinsschichten nach Öl zu bohren, steckte das früher so stolze Ölrevier in einer tiefen Depression. Nach dem Rausch in den späten 70er- und frühen 80er-Jahren waren die großen Ölkonzerne aus dem Permian Basin abgezogen. Die Vorräte galten als ausgelaugt.

Niemand glaubte daran, dass das „hydraulic fracturing“, bei dem eine Mischung aus Wasser, Sand und Chemikalien mit hohem Druck in Bohrlöcher gepumpt wird, um Öl und Gas in großer Tiefe zu befreien, auch in engen Schiefergesteinen funktioniert. Nur Henry wettete auf die erweiterte Frackingmethode, mit der der Ölunternehmer George Mitchell in der vier Autostunden entfernten Barnett-Formation experimentierte. „Alle dachten, Mitchell habe den Verstand verloren, als er die Frac-Methode auf Schieferformationen anwenden wollte“, erinnert sich Henry.

Heute ist es in Midland Routine, in die tiefen Gesteinsschichten des „Wolfcamp“ vorzudringen. In der staubigen Landschaft stehen Hunderte Pumpen. Mit jedem Nicken ihrer Pferdeköpfe holen sie Öl aus mehr als 3 000 Metern Tiefe. „Wir haben im Permian Basin die größten Vorkommen dieser sehr engen Formationen in den ganzen USA“, sagt Henry. „Und seitdem wir wissen, wie wir an diese Vorkommen herankommen, haben wir plötzlich Unmengen an Reserven.“

Dank der Fördermethode – die in Deutschland von Bürgern und Umweltschützern heftig bekämpft und per Gesetz praktisch unmöglich gemacht werden soll – ist die Ölproduktion in Texas in fünf Jahren um 180 Prozent nach oben geschossen. Im Permian Basin spucken die Pumpen täglich 2 Millionen Barrel aus – ein Fünftel der US-Produktion.

Der Ölunternehmer Jim Henry sthet vor einem Auto
Der Ölunternehmer Jim Henry brachte die Fracking-Technologie nach Midland – Foto: Brent Humphreys

Unternehmer wie Henry haben den USA zu einer Wiederauferstehung verholfen, wie sie die moderne Energiewelt noch nicht gesehen hat. Seit die Schieferöl-Revolution in Texas und North Dakota begann, haben die Amerikaner ihre Förderung auf heute 9,3 Millionen Barrel (je 159 Liter) am Tag fast verdoppelt. Allein 2014 fuhren sie ihre Produktion um 1,2 Millionen Barrel pro Tag hoch.

Es war der größte Zuwachs in der US-Geschichte – und das, obwohl der Preis für den Rohstoff seit dem Sommer um mehr als 50 Prozent auf zwischenzeitlich nur noch 45 Dollar pro Barrel absackte. Im kommenden Jahr wollen die USA Russland und Saudi-Arabien überholen und größter Produzent der Welt werden. Nordamerika entwickele sich im Geschäft mit Ölprodukten zu einem „Titan beispiellosen Ausmaßes“, schreibt die Internationale Energieagentur (IEA).

Diese tektonische Verschiebung hat auch die Weltpolitik verändert. Durch den Fracking-Boom wird Nordamerika Ende des Jahrzehnts unabhängig von Energieimporten sein, erwartet die IEA. Die Ölwaffe, mit der Regime in Nahost dem weltgrößten Verbraucher drohen können, verliert ihren Schrecken.

Aber wie nachhaltig ist dieser Umbruch, wenn der Ölpreis so niedrig bleibt? Hat das Fracking seinen Höhepunkt bereits überschritten? Haben die alten Ölmächte dann doch wieder das Sagen?

Der Kampf um die Vorherrschaft ist in vollem Gang, der Ausgang ungewiss. Fest steht, dass sich die Gesetze auf dem Ölmarkt verändert haben. Von einer „neuen Mathematik des Öls“ spricht das US-Magazin „Fortune“. Die alte Formel ging seit Jahrzehnten so: Die Organisation Erdöl exportierender Staaten (OPEC), dominiert von Saudi-Arabien, steuert den Preis. Sie konnte eine Rally stoppen oder einen Preisverfall aufhalten – indem sie ihre Förderung ausweitete oder drosselte. Seit dem Boom in den USA gibt es ein Überangebot – und einen Player, der nicht auf politische Steuerung reagiert. Sondern auf den Markt.