KolumneDas amerikanische Öl‑Rätsel

Christian Schütte© Trevor Good

Christian Schütte schreibt an dieser Stelle über Ökonomie und Politik


Der Ölpreis hat sich gefangen, für die amerikanische Sorte WTI pendelt er jetzt erst einmal um die 50 Dollar je Barrel. Das Tempo und das Ausmaß seines Absturzes bleiben aber immer noch dramatisch: Innerhalb von sechs Monaten hat er sich mehr als halbiert. 

Auf diese große Überraschung scheint nun in den USA noch eine weitere zu folgen: Das klassische Marktgesetz, wonach die Produktion reduziert wird, wenn der erzielbare Preis verfällt, scheint auf den neu erschlossenen Ölfeldern Amerikas nicht mehr zu gelten. Die Fördermenge in den USA ist in den vergangenen sechs Monaten trotz Ölpreiscrash sogar um weitere sechs Prozent gestiegen. Mit etwa 9,2 Millionen Barrel pro Tag war sie im Januar rund ein Sechstel größer als noch vor einem Jahr. Und die amtlichen Marktbeobachter von der Energy Information Administration (EIA) rechnen mit einem weiteren Anstieg auf durchschnittlich 9,3 Millionen Barrel 2015. 

Wenn die Saudis also darauf spekuliert haben sollten, ihre neuen Konkurrenten aus Amerika mit einer Dumping-Strategie ins Aus zu zwingen, dann hat das bislang nicht funktioniert. Die große Frage ist, ob das bloß daran liegt, dass die US-Produzenten verzweifelt gegenhalten – oder ob die Amerikaner mit ihrer Hi-Tech-Förderung per Horizontalbohrung und Fracking inzwischen schon so anpassungsfähig sind, dass sie selbst heftige Preisrückgänge verkraften können.

Ein neuer Produktivitätsschub

Eine sehr einfache Erklärung für die steigende Produktion bestünde darin, dass die Unternehmen ihre Erlöse eben dringend brauchen und nun einfach über die Menge wieder hereinholen müssen, was sie beim Preis verloren haben. Ein solches Verhalten wäre am Ölmarkt gar nicht so ungewöhnlich.

Einige Petro-Staaten, deren ganzes System auf sprudelnden Öleinnahmen beruht, haben auf einen Preisverfall schon in früheren Zeiten so reagiert. Die resultierende Angebotsschwemme drückt die Preise dann noch weiter. Stabilisiert wurden sie in der Vergangenheit vor allem durch die Saudis, die es sich leisten konnten, Produktion (und Einnahmen) auch einmal spürbar zu senken.

Die USA drehen allerdings derzeit nicht einfach alle Ölhähne auf. Die Gesamtzahl der Bohranlagen, der sogenannten Rigs, entwickelt sich genauso wie man es erwarten würde: Sie sinkt dramatisch. Seit dem Spätherbst sind gut 30 Prozent der Öl-Rigs geschlossen worden. Die Förderunternehmen streichen Jobs und Budgets, einige haben ihre Investitionspläne um rund die Hälfte zusammengestrichen. 

Der amerikanische Produktionsanstieg kommt also dadurch zustande, dass aus vorhandenen Förderanlagen deutlich mehr herausgeholt wird. Den Unternehmen scheint es dabei zu gelingen, ihre Effizienz immer weiter zu verbessern.

Sie reagieren wie Industriebetriebe, die bei einem Preisverfall auch nicht einfach die Produktion dicht machen und abwarten, bis sie irgendwann einmal wieder teurer und kostendeckend verkaufen können. Sondern die versuchen, ihre Kosten so zu senken und ihre Produktivität so zu steigern, dass sie auch unter den neuen Bedingungen profitabel bleiben.

Ein Optimist wie der amerikanische Energieökonom Philip Verleger verwendet deshalb bereits den Begriff des „ManuFracturing“, eine neue Wortverbindung aus Manufacturing und Fracking. Er malt eine Zukunft aus, in der sich Öl und Gas immer weiter verbilligen, weil die Förderkosten durch technische Fortschritte immer weiter gesenkt werden können.

Das ist vorerst nur eine ziemlich steile These. Das Kalkül, dass dem Ölpreis-Crash als Erstes die Hi-Tech-Förderer in den USA zum Opfer fallen werden, hat sich bislang allerdings auch noch nicht bestätigt.