KolumneDas Horrorjahr der deutschen Aufsichtsräte

Capital-Kolumnist Bernd Ziesemer
Capital-Kolumnist Bernd ZiesemerMartin Kress

Wenn es um die Arbeitsteilung zwischen Vorständen und Aufsichtsräten geht, dann zerfällt die deutsche Wirtschaft in zwei säuberlich getrennte Sphären. Da gibt es die schöne heile Welt der bürokratischen Corporate-Governance-Regeln, in der alle eifrig Berichte schreiben und einschlägige Listen abhaken. Und es gibt die schnöde Welt der unternehmerischen Praxis, in der man sich keinen Deut um die vielen hehren Kodex-Worte schert und jeder macht, was er gerade für richtig hält. 2020 könnte in dieser Hinsicht als Annus horribilis in die Geschichte der deutschen Konzernkultur eingehen.

Das Jahr begann mit einem neuen Fall von Führungschaos im VW-Konzern, wo sich Betriebsräte mal wieder als eigentliche Herren über das Management aufspielten, den amtierenden Vorstandschef auf Abruf stellten und das Aufsichtsratspräsidium mit dem Porsche-Piëch-Clan immer mehr zum eigentlichen Machtzentrum ausbauen (was dem Aktienrecht widerspricht). Danach drang bei Wirecard endlich das jahrelange vollständige Versagen mehrerer Generationen von Aufsichtsräten ans Tageslicht.

Bei der Commerzbank verabschiedete sich in der letzten Woche der bisherige Chef des Aufsichtsrats und im ganzen Gremium fand sich nicht ein einziger Mensch mit Mumm, um in der Stunde der Not die Verantwortung für das heftig schlingernde Kreditinstitut zu übernehmen. Und am gleichen Tag setzte sich Joe Kaeser bei Siemens mit einem großen Hechtsprung endgültig über die Corporate-Governance-Regeln hinweg und wechselt nun ohne zweijährige Abkühlungsphase direkt aus dem Chefsessel im Gesamtkonzern auf den Aufsichtsratsvorsitz der abgespaltenen Energiesparte.

„Corporate Governance matters!“

Natürlich gibt es große Unterschiede zwischen den vier Fällen, die man leicht durch weitere Beispiele aus vielen anderen Konzernen ergänzen könnte. Wirecard weitet sich von Tag zu Tag mehr zu einem großen Betrugsfall auf vielen Ebenen aus und es dürfte Jahre dauern, bis man ihn vor Gericht aufklärt. In den anderen Fällen kann von einem Verstoß gegen geltendes Recht und Gesetz nicht die Rede sein. Formaljuristisch geht alles in Ordnung bei VW, der Commerzbank oder Siemens. Aber trotzdem zeigt der Fall Wirecard, das man den Anfängen wehren muss. Nicht sofort, aber irgendwann rächen sich die flagranten Verstöße gegen eine klare Arbeitsteilung zwischen Vorständen und Aufsichtsräten eben doch. Nicht unbedingt mit einem Totalverlust wie bei Wirecard, aber eben doch mit heftigen Kursverlusten für die Aktionäre. Oder wie es die Briten und Amerikaner kurz und bündig sagen: „Corporate Governance matters!“

Diese Erkenntnis war vor einigen Jahren in Deutschland schon einmal wesentlich stärker verankert als heute. Es geht nicht vorwärts, sondern eher rückwärts mit der Unternehmenskultur in vielen Konzernen. In einzelnen Fällen lehnen sich die Aktionäre auf – etwa mit der (allerdings folgenlosen) Verweigerung der Entlastung von Aufsichtsräten und Vorständen wie zum Beispiel bei der Bayer AG. Insgesamt aber versagen die Kapitalsammelstellen, kompetente Aufsichtsräte durchzusetzen und die Nichteinhaltung der Regeln auch zu sanktionieren. Und die Kleinaktionäre meckern zwar kräftig, aber haben in der Praxis eben nichts zu sagen.

Bleibt nur der Gesetzgeber, der sich verstärkt einmischt, weil die freiwilligen Mechanismen nicht funktionieren. Man darf schon jetzt davon ausgehen, dass der Fall Wirecard einen neuen Regulierungsschub auslösen wird. Die Wirtschaft sollte darüber nicht jammern: Die Vorstände und Aufsichtsräte haben es sich selbst zuzuschreiben.

 


Bernd Ziesemer ist Capital-Kolumnist. Der Wirtschaftsjournalist war von 2002 bis 2010 Chefredakteur des Handelsblattes. Anschließend war er bis 2014 Geschäftsführer der Corporate-Publishing-Sparte des Verlags Hoffmann und Campe. Ziesemers Kolumne erscheint regelmäßig auf Capital.de. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen.