KolumneDas Produktivitätsrätsel

Lackierroboter von Dürr im Einsatz
Lackierroboter von Dürr im Einsatz: Bisher bringen neue Technologien nicht den erwarteten Produktivitätsschub – Foto: Dürr AG

David Milleker ist seit 2006 Chefvolkswirt bei Union Investment, einer der größten deutschen Fondsgesellschaften. Sie gehört zur genossenschaftlichen FinanzgruppeDavid Milleker ist seit 2006 Chefvolkswirt bei Union Investment, einer der größten deutschen Fondsgesellschaften. Sie gehört zur genossenschaftlichen Finanzgruppe.


In der konjunkturellen Erholung seit der Finanzkrise entwickelt sich die Arbeitsproduktivität der meisten Industrieländer ausgesprochen schwach. Lag der durchschnittliche Zuwachs der Arbeitsproduktivität in den Zyklen seit 1970 in konjunkturellen Erholungsphasen der USA zwischen 2 und 2,7 Prozent beträgt er in diesem Zyklus gerade mal 1,6 Prozent.

Von einigen Pessimisten wird diese Entwicklung für die eher schwachen Wachstumsraten seit 2009 verantwortlich gemacht. Ihre Ratio: Seit den 1970er-Jahren sind große technologische Durchbrüche Mangelware. Oder anders gesagt: Wirklich revolutionäre, in der Breite wirksame Erfindungen wollen uns nicht mehr einfallen. Das mag gut in die Diskussion über „säkulare Stagnation“ passen. Es verwundert aber doch, wenn man dagegen Entwicklungen wie „Industrie 4.0“ betrachtet.

Für eine nähere volkswirtschaftliche Betrachtung sollten wir uns zunächst einmal die Ambivalenz des Begriffs Arbeitsproduktivität vor Augen führen. Sie drückt das Verhältnis von Produktionsmenge zu eingesetztem Arbeitsvolumen aus. Eine schwache Entwicklung der Arbeitsproduktivität bedeutet somit nichts anderes, als dass für jeden Zuwachs der Produktionsmenge relativ viele neue Arbeitsplätze geschaffen werden.

US-Arbeitsmarkt von Normalität weit entfernt

Negativ ist das nur dann zu bewerten, wenn man eine Welt nach folgendem Muster unterstellt: Technologie und damit die Produktivität fallen vom Himmel. Und die Wirtschaftsleistung bestimmt sich daraus, wie viele Personen mit dieser gegebenen Technologie arbeiten. In dieser Welt würde die schwache Arbeitsproduktivität bedeuten, dass selbst mit Vollbeschäftigung nie mehr starke Wachstumsraten realisierbar wären.

Das ist freilich eine sehr starre gedankliche Anordnung aus einer Kombination von Technologie und einer angebotsgetriebenen Erklärung des Wirtschaftsgeschehens. Wir neigen hier einer etwas anderen Interpretation zu. Diese ergibt sich etwa dann, wenn man das Phänomen der Unterbeschäftigung und der im historischen Vergleich sehr schwachen Lohnentwicklung im Fall der USA hinzunimmt.

Auf den ersten Blick sieht die Arbeitslosenquote in den USA mit 5,5 Prozent inzwischen wieder ziemlich „normal“ aus. Allerdings muss man berücksichtigen: Erstens haben sich fast zehn Millionen Amerikaner vom Arbeitsmarkt zurückgezogen. Sie haben weder eine Stelle, noch suchen sie derzeit aktiv nach einer. Zweitens gibt es immer noch eine deutliche Zahl an Amerikanern, die gerne Vollzeit arbeiten würden, aber nur eine Teilzeitbeschäftigung haben. Der real existierende Arbeitsmarkt ist somit weit von Vollbeschäftigung entfernt, auch wenn die Arbeitslosenquote etwas anderes suggeriert.

„Umgekehrte Produktivitätspeitsche“

Diese faktische Unterbeschäftigung wirkt sich dämpfend auf die Lohnentwicklung aus, was wiederum zur Folge hat, dass es in einer klassischen Erklärung des Arbeitsmarktes dann zu einer Verschiebung der Attraktivität von Arbeitseinsatz gegenüber Maschinen kommt. Man könnte von einer „umgekehrten Produktivitätspeitsche“ sprechen. Weil die Löhne kaum steigen, wird mehr eingestellt und auf arbeitssparende Technologien verzichtet.

Das ist für den Makroökonomen keine leicht zu akzeptierende Hypothese. Zumindest über lange Betrachtungszeiträume legen die Daten den (keynesianischen) Befund nahe, dass Beschäftigungsstand und Löhne aus einer Kombination von gesamtwirtschaftlicher Nachfrage und (unerklärter) Produktivität zustande kommen.

Allerdings zeigen auch intensivere statistische Tests, dass wir in den letzten Jahren tatsächlich eher in einem klassischen Arbeitsmarkt leben, wo Lohnzurückhaltung tatsächlich zu einem beschäftigungsintensiveren Wachstum führt – und damit zu einer schwächeren Arbeitsproduktivität. In einer solchen Welt ist allerdings auch Technologiepessimismus fehl am Platz.