KommentarWeltwirtschaft ohne Schubkraft

Nouriel Roubini
Nouriel Roubini
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Nouriel Roubini ist Vorsitzender von Roubini Global Economics und Professor an der Stern School of Business der New York University. Sie können ihm hier auf Twitter folgen.


Die Weltwirtschaft ist mit einem Düsenflugzeug vergleichbar, das vier funktionstüchtige Triebwerke benötigt, um abzuheben und Wolken und Stürmen auszuweichen. Leider funktioniert aber nur eines der vier Triebwerke einwandfrei: die Anglosphäre (die USA und ihr naher Verwandter Großbritannien).

Das zweite Triebwerk – die Eurozone – ist nach einem anämischen Neustart im Gefolge der Krise 2008 mittlerweile abgestorben. Tatsächlich befindet sich Europa nur einen Schock von einer umfassenden Deflation und einer weiteren Phase der Rezession entfernt. Auch dem dritten Triebwerk, Japan, geht nach einem Jahr der fiskal- und geldpolitischen Impulse der Treibstoff aus. Und die Schwellenmärkte (das vierte Triebwerk) verzeichnen mittlerweile eine drastische Verlangsamung, da sich der jahrzehntelang anhaltende Rückenwind – in Form eines raschen Wirtschaftswachstums in China, der Null-Leitzinsen und quantitativer Lockerung der US-Notenbank Federal Reserve sowie eines Rohstoff-Superzyklus – in Gegenwind verwandelt hat. 

Die Frage lautet daher, ob und wie lang sich das Düsenflugzeug Weltwirtschaft mit einem einzigen funktionierenden Triebwerk in der Luft halten kann. Wirtschaftliche Schwäche im Rest der Welt impliziert einen stärkeren Dollar, der wiederum unweigerlich das Wachstum in den USA untergräbt. Je stärker der Abschwung in anderen Ländern, desto höher steigt der Dollar und desto weniger werden die USA in der Lage sein, sich von dem Abschwung anderswo zu abzukoppeln, auch wenn die Inlandsnachfrage durchaus robust erscheint.

Politisches Trägheit ist für die Märkte nicht gut

Sinkende Ölpreise mögen Hersteller und Haushalte vielleicht mit billigerer Energie versorgen, aber sie treffen auch Energieexporteure und deren Ausgaben. Das größere Energieangebot – vor allem wegen der nordamerikanischen Schiefergas-Ressourcen – sorgt ebenso für Abwärtsdruck bei den Preisen wie die schwächere Nachfrage aus Japan, China, der Eurozone und zahlreichen Schwellenmärkten. Darüber hinaus führen anhaltend niedrige Ölpreise zu einem Rückgang bei Investitionen in neue Kapazitäten, wodurch die weltweite Nachfrage weiter untergraben wird.

Unterdessen ist die Marktvolatilität gestiegen und Korrekturen sind nach wie vor im Gange. Schlechte makroökonomische Nachrichten können für die Märkte von Vorteil sein, weil allein eine politische Sofortreaktion für einen Anstieg der Vermögenspreise sorgen kann. Doch die jüngsten schlechten Nachrichten aus der Makroökonomie brachten wegen der gefühlten politischen Trägheit für die Märkte nichts Gutes. Tatsächlich zaudert die Europäische Zentralbank angesichts der Frage, in welchem Ausmaß sie die Bilanz durch den Ankauf von Staatsanleihen ausweiten soll. Und die Bank of Japan entschied sich erst jetzt für eine Beschleunigung ihrer quantitativen Lockerung, nachdem es nun Hinweise gibt, dass die Anhebung der Mehrwertsteuer in diesem Jahr das Wachstum behindert und die für nächstes Jahr geplanten Steuererhöhungen das Wachstum weiter schwächen werden.

Fiskalpolitisch widersetzt sich Deutschland weiterhin einem dringend notwendigen Impuls zur Ankurbelung der Nachfrage in der Eurozone. Und Japan scheint die Absicht zu haben, sich selbst eine zweite, wachstumshemmende Mehrwertsteuererhöhung aufzuerlegen.

Außerdem hat die Fed sich von der quantitativen Lockerung verabschiedet und zeigt sich bereit, mit der Erhöhung der Leitzinssätze früher als erwartet zu beginnen. Wartet die Fed mit dieser Anhebung der Leitzinsen allerdings nicht bis sich die weltweiten wirtschaftlichen Turbulenzen legen, riskiert sie einen Startabbruch – ein Schicksal vieler Volkswirtschaften in den letzten Jahren.