KolumneDas langsame Verschwinden von Linde

Bernd Ziesemer
Bernd ZiesemerCopyright: Martin Kress

Das gab es seit 20 Jahren nicht mehr in Deutschland: Ein Großkonzern gibt nach einer Fusion postwendend die Kontrolle an ein Management im Ausland ab. Und alle wissen: Mittelfristig dürften auch die letzten Reste der Konzernführung abwandern, die vorläufig noch bei uns verbleiben. Genau das zeichnet sich in diesen Tagen bei der Linde AG ab, die in München zwar noch einen juristischen Hauptsitz behält und deshalb auch noch eine Weile im Dax-30-Index bleibt, ihr Tagesgeschäft aber in die Hände von Amerikanern legt. Man darf die Wette wagen: Spätestens in zwei Jahren, wenn Wolfgang Reitzle den Chefposten im neuen Verwaltungsrat in den USA abgibt, dürfte es mit der Pietät auf der anderen Seite des Atlantiks vorbei sein.

Das Komische an der ganzen Sache ist: Niemand in Deutschland regt sich darüber groß auf. Höchstens die Beschäftigten in München grummeln. Aber die Betriebsräte und ihre Gewerkschaften haben sich relativ früh in ihr Schicksal geschickt und hoffen darauf, dass die Amerikaner ihre Arbeitsplatzgarantie wirklich einhalten. Große Kämpfe gab es nicht während der langen Fusionsverhandlungen, nur ein paar Drohungen. Die Politik hielt sich von Anfang an weitgehend draußen. Und die Aktionäre setzen ohnehin auf die Fähigkeit der Amerikaner, die Renditen weiter hoch zu treiben und damit auch den Aktienkurs zu beflügeln.

Reitzle zog die Fäden

Tatsächlich besteht auch kein Anlass zur Panik. In Zeiten der Vollbeschäftigung müssen sich die Angestellten – zumal im boomenden Bayern – keine großen Sorgen um ihre Jobs machen. Sinkende Steuereinnahmen könnte München auch verkraften. Die betriebswirtschaftliche Logik spricht auch für die Fusion mit den Amerikanern. Und dass Manager aus den USA künftig bei Linde das Ruder übernehmen, haben sich ihre deutschen Kollegen selbst zuzuschreiben: Unter den Deutschen Managern gibt es niemanden, der Praxair-Chef Steve Angel und seinem Finanzchef Matt White das Wasser reichen könnte. Linde-Übergangschef Aldo Belloni war, nun ja, immer nur ein Übergangschef. Die Fäden zog einzig und allein Reitzle.

Und doch gibt es zwei Punkte, die man am Ende kritisch anmerken muss – einen prozessoralen und einen fundamentalen. Reitzle hat in der ganzen Fusion seine eigenen Interessen über alles andere gestellt. Der Wunsch, den Verwaltungsrat eines amerikanischen Konzerns zu führen, wollte sich der ehrgeizige Erfolgsmensch unbedingt noch erfüllen. Um dieses Ziel zu erreichen, setzte sich Reitzle gleich mehrfach über die Regeln der guten Unternehmensführung hinweg. Andere deutsche Konzernchefs dürften versucht sein, es ihm nachzumachen. Das ist keine gute Nachricht.

Wichtiger aber noch ist: Der langsame Abschied der Linde AG schwächt den Innovationsstandort Deutschland. Auf vielen sehr spezifischen Feldern der Forschung mit Industriegasen dürften wir nach dem Abschied des Konzerns deutlich an Gewicht verlieren. Was ist zum Beispiel mit Wasserstoffantrieben für die Autos der Zukunft? Linde führt das Feld der Forscher auf diesem Gebiet an, wobei allerdings der Fokus in den letzten Monaten im Zuge der Fusionsverhandlungen etwas verloren ging. Ob die Amerikaner mit Verve weiter machen mit dieser Forschung, steht dahin. Erst einmal zieht verschärftes Quartalsdenken und Kostendrücken in den neuen Gemeinschaftskonzern ein. Das muss nicht schlecht sein. Aber genug ist es eben auch nicht.