ReportageDas Geschäft mit dem Tod

Ein Mitarbeiter im tschechischen Krematorium schiebt den nächsten Sarg in das 850 Grad heiße Feuer
Ein Mitarbeiter im tschechischen Krematorium schiebt den nächsten Sarg in das 850 Grad heiße Feuer
© Ériver Hijano

Jiři Klufa kann den Tod nicht mehr riechen. Dabei klebt der Geruch hartnäckig an den Kacheln der großen Kühlhalle: süß, faulig und leicht säuerlich. Von den Wänden hallen Klufas Schritte bedrückend wider. Knapp 20 Särge stehen im Raum verteilt, auf Rollgestellen aus Vierkantrohren, an denen der Lack abblättert. Manche der Kisten sind aus Pappe, andere notdürftig aus billigem Holz zusammengetackert. Nur wenige sind anständig verarbeitet. Sie kommen aus Deutschland.

Der Geruch? Klufa zuckt mit den Schultern. „Kann sein. Manche Leichen liegen schon länger, bevor sie gefunden werden. Dann riecht es eben“, sagt er. Klufa ist Leiter des Krematoriums im tschechischen Vysočany, nahe der deutschen Grenze. Seit 20 Jahren arbeitet er hier. Er trägt T-Shirt zu Jeans, sein Bart ist zerzaust, er hat einen Silberblick. Hosenträger mit Totenköpfen spannen über seinem mächtigen Bauch.

Der Tscheche ist ein freundlicher Mann, der viel lacht und gerne stolz seine Anlage erklärt: dass etwa die Temperatur in den beiden Kühlhallen zwischen zwei und sechs Grad liegt und Leichen hier maximal 96 Stunden lagern dürfen. Zwischendurch aber fallen in seinen Erklärungen immer wieder höchst merkwürdige Sätze. Etwa: „Ein Viertel der Produktion kommt aus Deutschland.“ Mit „Produktion“ meint er: Leichen. Oder er klopft auf einen Sarg aus Pappe und sagt: „Nicht gut, die Asche der Pappe verstopft die Filter.“ Vielleicht braucht man diese Abgeklärtheit, wenn man mit dem Tod Geld verdient. Und das wollen viele.

Die Kühlkammer im tschechischen Krematorium
Die Kühlkammer im tschechischen Krematorium
© Èriver Hijano

Tod im Sekundentakt

Statistisch stirbt in Deutschland alle 35 Sekunden ein Mensch: 880 000 Tote pro Jahr, gut ein Prozent der Bevölkerung. Jedes Jahr werden mit Bestattungen in Deutschland 4 bis 5 Mrd. Euro umgesetzt. Die Preisspanne bei Beerdigungen ist extrem groß, aber im Schnitt kostet ein Tod in Deutschland die Hinterbliebenen rund 4 000 Euro.

Es ist ein gewaltiger Markt, der heftig umkämpft ist – und der seit Jahren einen Kulturwandel mit teils seltsamen Zügen erlebt. Auf der einen Seite konkurrieren Bestatter mit immer absurderen ­Innovationen um Kunden – auf der anderen Seite hat sich wie in vielen Branchen ein Billigsegment etabliert, in dem das einzige Argument der Preis ist. Pietät weicht Pecunia.

In Deutschland gilt Friedhofszwang, und nur zwei Arten der Beisetzung sind zugelassen: die Erd- und die Feuerbestattung. „Feuer oder teuer?“, so nennt die Branche mittlerweile die Entscheidung. Spätestens seit das Sterbegeld weggefallen ist, geht der Trend zu Feuer. Bis 1989 gab es im Schnitt 4 200 D-Mark vom Staat, dann wurde das Sterbegeld immer weiter reduziert, bis es 2004 ganz entfiel. Mittlerweile liegt der Anteil der Feuerbestattungen bundesweit bei 65 Prozent, in manchen Regionen im Osten sogar bei über 90 Prozent. Es ist erst wenige Jahre her, dass die kommunalen Friedhöfe überlastet waren. Und das trotz hoher Gebühren. Friedhöfe waren für die Kommunen eine gute Einnahmequelle. Heute verkleinern Friedhöfe wegen der günstigeren Urnenbestattungen ihre Flächen.

Jiři Klufa leitet das Krematorium in Tschechien
Jiři Klufa leitet das Krematorium in Tschechien
© Ériver Hijano

Nackte posieren auf Särgen

Grund für den Geiz ist auch ein Wandel der Gesellschaft. Familien sind über Städte- und Landesgrenzen verteilt, der Zusammenhalt bröckelt. Alte und gebrechliche Verwandte werden in Heime verbannt. Und wenn sie sterben, wird das Leid als Last empfunden, nicht zuletzt als finanzielle Last. Und so geht der Trend zu Billigbestattungen.

Der Theologe Oliver Wirthmann, Geschäftsführer beim Bundesverband Deutscher Bestatter, spricht von einer „finanziellen Prekarisierung“. „Die Leute haben nicht mehr das Geld für eine würdevolle Beerdigung. Oder sie wollen es nicht mehr haben“, sagt er. Geiz ist geil, bis in den Tod. Billigbestatter bieten Webbestattungen über das Internet an. In den Angeboten wird „einfühlsame Betreuung während der schwersten Stunden“ versprochen – und gleichzeitig mit einer „Tiefstpreisgarantie“ geworben. Andere Portale vergleichen Bestattungen wie Telefontarife.

Und auf der anderen Seite: die Innovationen der Sterbebranche – von denen manche höchst seltsam sind. Es gibt Onlinefriedhöfe, selbstpflegende Gräber oder Diamantschmuckstücke, die aus der Asche der Verstorbenen gefertigt werden. Ein Onlinebestatter organisierte vergangenes Jahr die erste Wahl zur „Miss Abschied“: 47 Bestatterinnen nahmen teil, es gewann ­Rahel Merks aus Baden-Württemberg, die sich selbst als „Last-Event-Managerin“ bezeichnet. Europas größter Sarghersteller, Lindner aus Polen, verschickt derweil seit Jahren eine Art Pirelli-Kalender: Nackte posieren auf Särgen.