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Kolumne Das fatale Zaudern der VW-Eigentümer

Capital-Kolumnist Bernd Ziesemer
Capital-Kolumnist Bernd Ziesemer
© Martin Kress
Der Vorstands- gegen den Betriebsratschef, oder vielleicht auch umgekehrt. Bei VW tobt wieder einmal ein Machtkampf und der Aufsichtsrat schaut zu

Vorhang auf für die nächste Tragikomödie in Wolfsburg, wie immer ausgetragen auf offener Bühne, hochkarätig besetzt mit den üblichen Protagonisten aus Vorstand und Betriebsrat. Worum es wirklich geht bei dem neuen Streit zwischen Konzernchef Herbert Diess und seinem wortmächtigen Gegenspieler aus dem Betriebsrat, Bernd Osterloh, man weiß es nicht so genau. Irgendwie natürlich um Personalien, aber wie immer nicht allein, sondern auch um Ego-Shooting aller Art und die Macht an sich. Und wie immer spaltet sich der Chor der Claqueure in zwei säuberlich getrennte Lager: Die einen geben Diess die Schuld, die anderen Osterloh.

Was aber macht der Aufsichtsrat? Er ähnelt ein wenig den griechischen Göttern auf dem Olymp, die dem Bocksgesang all der niedrigen Menschen zu ihren Füßen mit leichtem Ärger und großer Ratlosigkeit zuschauen. Es gehört zu den besonderen Verhältnissen im VW-Konzern, dass die meisten Aufseher ohnehin nichts zu sagen haben. Alle wichtigen Entscheidungen fallen im Präsidium des Aufsichtsrats, wo sich inzwischen acht Mitglieder paritätisch gegenübersitzen. Auf der Kapitalseite nehmen dort Platz der Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch, die Großaktionäre Wolfgang Porsche und Hans Michel Piëch, sowie Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil; auf der Arbeitnehmerbank das Osterloh-Lager aus der IG Metall.

Das Präsidium ging in der letzten Woche wieder einmal auseinander, ohne einen Beschluss zu fassen. So war es in der Vergangenheit fast in jeder Krise bei VW. Viel Gerede, viele Durchstechereien an die Öffentlichkeit, aber wenig Taten. Nun kommt die Causa Diess-Osterloh zum wiederholten Male vor das Plenum des Aufsichtsrats, das in dieser Woche tagen soll. Man darf gespannt sein, was dabei herauskommt. Wenn es so läuft wie in der Vergangenheit, dann endet alles wieder einmal mit jenen Halbentscheidungen, die mittlerweile zum Markenzeichen des VW-Aufsichtsrats geworden ist.

VW-Eigentümer scheuen Showdown

Die eigentliche Schuld an den vertrackten Verhältnissen in der Führung des VW-Konzerns trägt die Porsche-Piëch-Sippe. Sie könnte mit ihrer Aktienmehrheit für klare Verhältnisse sorgen, scheut aber seit Jahren jeden Showdown. Wolfgang Porsche gilt als ewiger Zauderer, der so gern in Harmonie leben möchte und daher jede harte Entscheidung scheut. Sein Vetter Hans Michel Piëch sitzt als größter Anteilseigener erst seit Mitte dieses Jahres im Präsidium und sorgt ebenfalls nicht für mehr Klarheit. Der SPD-Politiker Weil trägt eine gehörige Mitschuld an der verfahrenen Gemengelage, weil er sich aus polittaktischen Überlegungen nicht wie ein Vertreter der Kapitalseite verhält, sondern als ewiger Vermittler zwischen dem Diess- und Osterloh-Lager. Unter dem Strich nutzt das nur den Betriebsräten bei VW. Sie verfügen über eine Macht wie in keinem anderen Dax-30-Konzern.

Ohne das Verhalten der Porsche-Piëch-Familie, die sich selbst in Konflikten gern wegduckt und sich gleichzeitig immer wieder kleine Diktatoren als VW-Chefs sucht, damit alles trotzdem weiter läuft, wäre schon die Dieselbetrugsaffäre nicht möglich gewesen, die weit über 20 Mrd. Euro verschlungen hat. Die Kosten kleinerer und größerer Machtkämpfe wie jetzt kann man nur schwer beziffern, aber auch sie gehen am Ende ins Geld.

Bernd Ziesemerist Capital-Kolumnist. Der Wirtschaftsjournalist war von 2002 bis 2010 Chefredakteur des Handelsblattes. Anschließend war er bis 2014 Geschäftsführer der Corporate-Publishing-Sparte des Verlags Hoffmann und Campe. Ziesemers Kolumne erscheint regelmäßig auf Capital.de. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen.

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