Kolumne Das Ende einer ganzen Ära bei BASF

Capital-Kolumnist Bernd Ziesemer
Capital-Kolumnist Bernd Ziesemer
© Martin Kress
Mit dem endgültigen Abschied von Jürgen Hambrecht beginnt beim Chemiekonzern BASF eine neue Zeitrechnung. Die Aktionäre begegnen seinem Nachfolger im Aufsichtsrat mit Skepsis

44 lange Jahre hat Jürgen Hambrecht bei der BASF zugebracht, acht Jahre den Konzern als Vorstandschef geleitet und ihn danach noch sechs Jahre beaufsichtigt. Da kann man getrost von einer Ära sprechen – die in der vergangenen Woche mit seinem Abschied aus dem Aufsichtsrat zu Ende gegangen ist. Leider musste der promovierte Chemiker auf einer virtuellen Hauptversammlung Adieu sagen, sonst wären Standing Ovations fällig gewesen. Denn Hambrecht musste den Konzern durch viele Krisen steuern, der schnelle Wiederaufstieg des Konzerns nach der Finanzkrise von 2008/2009 war sein Werk, viele sind ihm noch heute dafür dankbar. Ein bisschen Pathos ist also angebracht: Hambrecht hat sich um „seinen“ Konzern verdient gemacht.

Und doch zerfällt sein Wirken bei der BASF in zwei sehr unterschiedliche Phasen – eine positive und eine eher negative. Als Vorstandschef konnte Hambrecht zwischen 2003 und 2011 viele Erfolge an seine Fahnen heften. Unter seiner Ägide wuchs der Chemiekonzern nicht nur organisch von Jahr zu Jahr, sondern wuchs nach mehreren großen Übernahmen auch in eine neue Rolle. Damals warb die BASF selbstbewusst und stolz mit der Bezeichnung „The Chemical Company“. Doch als Aufsichtsratschef fehlte Hambrecht ab 2014 die gleiche glückliche Hand wie vorher. Es gab sehr viele strategische Volten und organisatorische Umbauten bei der BASF, aber sie ging dadurch nicht nachhaltig gestärkt in den globalen Wettbewerb.

BASF-Strategie stößt auf Skepsis

Der Hauptverantwortliche dafür heißt Kurt Bock. Dem blassen Vorstandschef gelang es in all den Jahren nicht, an die Leistung Hambrechts anzuschließen. Aber seinem Aufsichtsratschef fiel eben auch nichts ein, um das Ruder herumzuwerfen. Im Gegenteil: Mit dem Segen Hambrechts rückt Kurt Bock nun, nach der vorgeschriebenen „Abkühlungsphase“ von zwei Jahren, selbst an die Spitze des Aufsichtsrats. Was die Aktionäre davon halten, zeigte sich letzte Woche auf der Hauptversammlung, wo ein Drittel des anwesenden Kapitals gegen Bock votierte. Dass so viele Aktionäre gegen eine Berufung stimmen, gibt es in deutschen Konzernen nur sehr, sehr selten. Man kann von einer Ohrfeige für Bock sprechen – aber eben auch für einen verhunzten Abschied seines Vorgängers Hambrecht.

Immer mehr Investoren beobachten die Strategie der BASF mit Skepsis. Sie monieren das schwache Wachstum in den letzten Jahren (schon weit vor der Corona-Krise), die viel zu starke Abhängigkeit vom chinesischen Markt, das starre Festhalten an der sogenannten Verbundstrategie, die eine Konzentration auf hochpreisige Segmente unmöglich macht. Die Experten der Fondsgesellschaft Union Investment bescheinigen Bock zu wenig strategische Weitsicht und argwöhnen gar, als Chef des Aufsichtsrats könnte Bock möglicherweise die Reformen des amtierenden BASF-Chefs Martin Brudermüller „ausbremsen“. Selbst wenn das nicht gelingt: Für den Konzern wäre frisches Blut von außen in der jetzigen schwierigen Lage sehr gut gewesen. Doch weder im Vorstand noch im Aufsichtsrat kann davon ernsthaft die Rede sein.

Generationen von BASF-Managern haben sich stets als Apostel der Kontinuität präsentiert. So war es schon vor Hambrecht, so ist es unter Hambrecht geblieben und wird auch unter Bock so weiter gehen. Aber Stabilität allein genügt eben nicht mehr. Der Konzern braucht dringend neue Impulse. Woher sollen sie aber in der jetzigen Konstellation kommen?

Bernd Ziesemerist Capital-Kolumnist. Der Wirtschaftsjournalist war von 2002 bis 2010 Chefredakteur des Handelsblattes. Anschließend war er bis 2014 Geschäftsführer der Corporate-Publishing-Sparte des Verlags Hoffmann und Campe. Ziesemers Kolumne erscheint regelmäßig auf Capital.de. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen.


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