USADas Ende der Corona-Hilfen drängt Millionen Amerikaner zur Jobsuche

Die staatlichen Arbeitslosenhilfen der US-Regierung laufen aus und setzen viele Arbeitslose unter Druck. Und auch die Jobsuche gestaltet sich schwierig
Die staatlichen Arbeitslosenhilfen der US-Regierung laufen aus und setzen viele Arbeitslose unter Druck. Und auch die Jobsuche gestaltet sich schwierigIMAGO / ZUMA Wire

Der Labor Day am Montag war dieses Jahr für viele Millionen Amerikaner kein Grund zum Feiern. Sie verloren an dem amerikanischen Gedenktag der Arbeiterbewegung ihre Lebensgrundlage – die Corona-Hilfen liefen aus. „Eine symbolische Respektlosigkeit“, bemängeln Kritiker. Es ist die größte Kürzung von Arbeitslosenunterstützung in der Geschichte der USA.

Die Corona-Pandemie hatte in den Vereinigten Staaten eine beispiellose Welle der Arbeitslosigkeit ausgelöst. Im April 2020 waren über 23 Millionen Menschen ohne Job – im März 2020 lag die Zahl noch bei sieben Millionen. Im vergangenen März erweiterte Präsident Joe Biden die schon bestehenden Corona-Zahlungen mit einem historischen Hilfspaket von 1,9 Billionen US-Dollar – darin enthalten auch die Arbeitslosenhilfen. Der Plan: Die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Pandemie abfedern und Menschen vor dem Existenzverlust bewahren.

Doch mit den Hilfen ist jetzt Schluss. Mehr als acht Millionen Menschen erhalten nun gar kein Arbeitslosengeld mehr. Etwa drei weitere Millionen verloren zwar die wöchentlichen Corona-Hilfezahlungen von 300 US-Dollar, bekommen aber weiterhin Arbeitslosengeld. Biden sah keinen Grund, die Maßnahmen zu verlängern. Seine Entscheidung begründete er mit der florierenden US-Wirtschaft, die aus dem Corona-Tief herausgefunden hat.

Auch die Bundesstaaten stellen keine Hilfe in Aussicht. Sie haben die Möglichkeit, eigenmächtig Corona-Gelder des Bundes umzuschichten, um damit die Hilfsprogramme zu verlängern. Doch bislang verkündete kein einziger Bundesstaat eine solche Maßnahme. Ganz im Gegenteil: Etwas mehr als die Hälfte der 50 Bundesstaaten hatten schon vorzeitig das erweiterte Arbeitslosengeld eingestellt. Einige Gouverneure erklärten, die Hilfen würden Amerikaner davon abhalten, wieder eine Arbeit aufzunehmen. Ein berechtigter Vorwurf? Auf den ersten Blick scheinen ihnen die Zahlen recht zu geben.

Halten die Sozialhilfen die Amerikaner vom Arbeiten ab?

Derzeit gibt es zehn Millionen offene Stellen, aber mehr als 8,4 Millionen Menschen sind immer noch ohne Arbeit. Eigentlich könnte dann jeder sofort einen Job finden, wenn er oder sie nur wollte. Dass die höheren Pandemie-Leistungen einige in ihrer Motivation bremsen, scheint als Schlussfolgerung naheliegend – wird dem komplexen Problem aber nicht gerecht. Analysen finden kaum Anhaltspunkte dafür, dass die Corona-Zahlungen zu der Arbeitskräftenot geführt haben.

Auch Ökonomin Geraldine Dany-Knedlik teilt diese Logik mancher US-Politiker nicht. In einigen US-Staaten ließe sich schon beobachten, wie sich das Aussetzen der Corona-Zahlungen auswirke, sagte sie ntv.de. „Der Beschäftigungsaufbau lässt sich bislang von ausgelassenen Hilfszahlungen nicht beeinflussen. Im Gegenteil, da, wo Leute Jobs bekommen können, nehmen sie diese auch an“, so die wissenschaftliche Mitarbeiterin des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW).

Das Paradoxe: Während viele Unternehmen angeben, händeringend Arbeitskräfte zu suchen, sagen viele Arbeitslose, dass sie Schwierigkeiten haben, eingestellt zu werden – besonders wenn sie mindestens ein Jahr lang nicht gearbeitet haben. Eine Erklärung ist, dass die vielen offenen Stellen derzeit nicht in den Berufen – oder an den Orten – zu finden sind, in denen die Menschen vor der Pandemie gearbeitet haben. So gebe es beispielsweise 1,7 Millionen freie Jobs im Bildungs- und Gesundheitswesen, doch nur 1,1 Millionen Beschäftigte waren dort zuletzt tätig, meldet die „Washington Post“.

Um genügend Arbeitskräfte zu finden, müssen die Unternehmen also Arbeitnehmer ausbilden und für einen Berufswechsel gewinnen – ein Prozess, der dauert. Ein weiteres Problem: Die Schulschließungen führten zu anhaltenden Problemen mit nicht verfügbarer oder unbezahlbarer Kinderbetreuung. Besonders Frauen können deshalb oft keine Arbeit finden.

Welche Rolle spielt die Delta-Variante

Auch das Gesundheitsrisiko sorgt bei vielen für Zögern. Die Delta-Variante hatte in den letzten Monaten für einen rasanten Anstieg an Infektionen gesorgt. Die Sieben-Tage-Inzidenz lag zeitweise bei über 350. Besonders im Gastgewerbe sind Beschäftigte deshalb auch aktuell noch sehr gefährdet. Das zeigte sich auch an den Zahlen im August. 235.000 neue Arbeitsplätze entstanden. Zwar hielt der Aufschwung damit an, aber weniger stark als erwartet. Experten hatten dreimal so viele neue Stellen prognostiziert.

Trotz der Hürden am Arbeitsmarkt: Dany-Knedlik hält den Beschluss, die Hilfszahlungen auslaufen zu lassen, für „verständlich und naheliegend“. Insgesamt laufe es relativ gut für die US-Wirtschaft, auch im Vergleich zu europäischen Ländern. Diejenigen Amerikaner, die jetzt noch arbeitslos seien, könnten theoretisch alle Anfang nächsten Jahres eine Arbeitsstelle bekommen und dementsprechend auch mehr als die 300 US-Dollar pro Woche verdienen. „Man hätte die pandemischen Hilfen allerdings noch etwas weiter in den Herbst hinein ziehen können“, sagt sie. „Das hätte sicherlich auch in Anbetracht der Delta-Variante etwas mehr Sicherheit gebracht.“

Der Beitrag ist zuerst erschienen auf ntv.de