UhrenGlashütte - das Dorf der Uhrmacherkunst

Seite: 3 von 4

Ungeschriebene Gesetze

Ein Haus weiter, bei Glashütte Original, betont Thomas Meier, man bewege sich auf dem gleichen Niveau wie Lange. „Auch wir haben Uhren für mehr als 300.000 Euro. Aber wir gehen unseren eigenen Weg. Wir haben keinen Einblick, was die anderen machen. Das ist auch nicht unser Ziel.“

Eher als ein Mit- herrscht in Glashütte also ein Nebeneinander. „Man kann sich hier natürlich nicht aus dem Weg gehen“, sagt Lange-Chef Schmid. Es gibt ungeschriebene Gesetze – etwa dass man sich keine Mitarbeiter ausspannt. A. Lange & Söhne sowie die Glashütter Uhrenbetrieb GmbH mit seiner Marke Glashütte Original bilden selbst aus, die anderen Manufakturen holen ihren Nachwuchs von der staatlichen Uhrmacherschule im Ort.

Die Branche ist verschwiegen, auch das gehört zum Mythos. Zu Zahlen äußert man sich prinzipiell nicht. Zu Wettbewerbern auch nicht. Kleine Sticheleien bleiben trotzdem nicht aus. Zum Beispiel wenn es um die Historie geht, denn die ist Teil des Images, das Kunden teuer bezahlen. Glashütte Original suggeriert nicht nur mit seinem Namen Traditionsbewusstsein, der Konzern beruft sich auch auf die Fortführung des VEB der DDR-Ära. Wilhelm Schmid hingegen sagt, ohne die Neugründung von Lange nach der Wende gäbe es den gesamten Cluster gar nicht mehr.

Und in der Tat: Es stand damals nicht gut um Glashütte.

Die Zeit gehört dem Volk

Der erste Einschnitt kam, als im Zweiten Weltkrieg die zivile Uhrenproduktion eingestellt wurde. „Die Betriebe mussten Zeitzünder, Fliegeruhren und Marinechronometer fertigen“, erzählt Reinhard Reichel, der Leiter des Uhrenmuseums. Nach Kriegsende demontierten dann die Sowjets die Maschinen. „Die Hallen waren leer“, sagt Reichel. Trotzdem gaben die Uhrmacher nicht auf. „Jeder brachte etwas von zu Hause mit, die einen Werkzeug, die anderen Know-how.“ So wurde das Erbe erst einmal gerettet.

Am 1. Juli 1951 entstand schließlich aus den enteigneten Werken der sperrig benannte VEB GUB, der Volkseigene Betrieb Glashütter Uhrenbetriebe mit 2500 Mitarbeitern. Firmen wie Lange gingen im Volkseigentum auf, die Feinmechanik wich der Massenproduktion. Bis zu 100.000 Uhren wurden im Jahr produziert, zuletzt meist Quarzuhren, die unter dem Namen Meisteranker im Westen bei Quelle und Tchibo verkauft wurden – oder als Bückware im Osten. Hinzu kamen Marinechronometer und Schaltuhren für Waschmaschinen.

Uhrenproduktion zu DDR-Zeiten beim VEB Glashütter Uhrenbetriebe
Uhrenproduktion zu DDR-Zeiten beim VEB Glashütter Uhrenbetriebe

Dann fiel die Mauer. „Erst haben wir hurra geschrien, dann standen wir auf der Straße“, erinnert sich Reichel. Auch er verlor seinen Job bei den GUB.

Roland Schwertner verfolgte den Mauerfall im 600 Kilometer entfernten Düsseldorf im Fernsehen. „Da muss man doch was machen“, dachte er. Der Fotograf und Unternehmensberater kannte Uhrmacher, die noch in Glashütte gelernt hatten – und davon schwärmten. Im Januar 1990 setzte sich Schwertner ins Auto und fuhr los.

Der Empfang war frostig. Allein einen verlässlichen Ansprechpartner zu finden schien unmöglich. „17 Direktoren hatten die GUB damals“, erinnert sich Schwertner – und jeder konnte morgen schon entlassen sein. Auch die Treuhand gab es noch nicht. Schwertner, der seine Idee trotzdem nicht verwerfen wollte, meldete Nomos als Marke an und ging zunächst nach Berlin, wo die Firma bis heute ihr Designbüro hat.

Walter Lange kommt zurück

Es war die Zeit der Glücksritter. Halbseidene Investoren aus dem Westen gaben sich im Osten die Klinke in die Hand. Abenteuerliche Pläne wurden geschmiedet, wie der mit den Billiguhren aus Mauritius, die unter dem Label Glashütte verkauft werden sollten. Er platzte. Aber auch seriöse Investoren tauchten auf, wie Walter Lange, der Urenkel von Ferdinand A. Lange, der sich nach der Firmenenteignung zu DDR-Zeiten nach Pforzheim abgesetzt hatte. Unterstützt wurde er vom Uhrenmanager Günter Blümlein, dem Geschäftsführer der Gruppe LMH (Les Manufactures Horlogéres), zu der die Marken IWC und Jaeger-LeCoultre gehörten. Mit Langes Namen und dem Kapital des Konzerns wollten beide wieder edle Uhren in Glashütte fertigen, um unter dem Staub der DDR den Glanz von einst freizulegen.

Doch niemand jubelte ihnen zu. Die Skepsis gegenüber allem, was aus dem Westen kam, sei im Osten groß gewesen, schrieb Lange, der im vergangenen Januar gestorben ist, in seinen Memoiren. Niemand wollte mit ihm gesehen werden, Treffen fanden nur konspirativ außerhalb des Orts statt.

Blümlein und Lange quartierten sich im nächstgelegenen Hotel ein, 15 Kilometer von Glashütte entfernt. Die Ladenmühle glich einer Jugendherberge: Die beiden Manager mussten sich ein Badezimmer teilen, die Speisekarte bestand im Wesentlichen aus Sauerbraten und Knödeln.