Uhren„Wer auf ein exzellentes Team setzen kann, spart viel Zeit“

Sina Maria Eggl, Rolls-Royce Motor Cars
Sina Maria Eggl, Rolls-Royce Motor CarsRolls-Royce Motor Cars


Sina Maria Eggl ist seit 2013 bei Rolls-Royce Motor Cars, der legendären Luxuskarossen-Schmiede, die 1904 gegründet wurde und seit 2003 zur BMW Group gehört. Die 29-Jährige ist als Designerin sowohl für die Serienmodelle wie auch das „Bespoke“-Atelier und alle Spezialprojekte zuständig.



Capital: Wie würden Sie Ihren Uhrengeschmack beschreiben?

SINA MARIA EGGL: Ich bin ein großer Fan von zeitloser Eleganz und unangefochtener Perfektion, was mich auch zu meinem Job als Colour & Trim Designer bei Rolls-Royce gebracht hat. Wie bei unseren Fahrzeugen bin ich der festen Überzeugung, dass Uhren „effortless everywhere“ sein müssen. Das heisst, sie sollen mich von morgens bis abends begleiten und jedes Event stimmig unterstreichen.

Wie viele verschiedene Uhren tragen Sie im Laufe einer Woche?

Ich wechsle zwischen zwei Uhren – einer aus Edelstahl und einer aus Gelbgold – und verschiedenen Armbändern. Meist bestimmen mein Outfit und der restliche Schmuck die Tagesauswahl.

Nach welchen drei Kriterien suchen Sie eine (neue) Uhr aus?

Gesamtkomposition, Materialität und Story. Die Materialien sind mein Job, und dementsprechend suche ich wie bei Rolls-Royce nach Echtheit und Langlebigkeit. Des Weiteren liebe ich die Hintergründe des Designs und versuche, die Zeit zu verstehen, in der eine Uhr designt wurde. Historische Gegebenheiten inspirieren meine alltägliche Arbeit und solche prägenden wie faszinierenden Geschichten suche ich auch in einer Uhr.

Können Sie sich noch an Ihre erste Uhr erinnern?

Ich habe erst mit 21 Jahren angefangen, Uhren zu tragen, weil ich vorher einfach keine fand, die meinen Ansprüchen an Modernität und gleichermaßen zeitloser Eleganz entsprach. Meine erste Uhr war letztendlich die „Ballon Bleu de Cartier“ aus Edelstahl.

Ihr bester Tipp zum Zeitsparen im Alltag oder Job?

Im Designteam streben wir immer nach Perfektion und erfahren jeden Tag aufs Neue, dass Meisterleistungen nicht in der Komfortzone entstehen, , sondern aus effektiven und präzisen Handlungen gepaart mit dem Wissen der weltbesten Spezialisten. Von Anfang an auf die Exzellenz aller Beteiligten zu setzen, ist die beste und zielführendste Investition. So wurde zum Beispiel das Design der „Immortal Beauty“-Gallery unseres Modells „Phantom“ wesentlich von einem dem weltbesten Rosenzüchter, Harkness Roses, und der königlichen Porzellan-Manufaktur Nymphenburg beeinflusst.

Ihr bester Tipp gegen Prokrastination bzw. Verschieberitis?

Karl Lagerfeld hat mal gesagt: „Kreativität kommt durch Arbeit“. Da bin ich ganz seiner Meinung. Ich bin der festen Überzeugung, dass Kreativität sowie erfolgreiche Lösungen durch das Arbeiten selbst entstehen. Oft beobachte ich, wie Menschen Projekte oder Entscheidungen nach hinten schieben, da sie zu Beginn noch nicht von der Muse geküsst wurden bzw. das Resultat noch nicht vor sich sehen. Jedoch bin ich sicher, dass die Lösungen ganz von alleine kommen, wenn man erst einmal mit der Arbeit beginnt, sich in sie vertieft und das Projekt konzentriert angeht, wenn man Ideen verwirft und Neue erdenkt. Bei den wenigsten Projekten kenne ich zu Beginn schon mein finales Design.

Warum hat die Armbanduhr bisher die digitale Transformation überlebt?

Aus meiner Erfahrung mit sehr unterschiedlichen Kunden bei Rolls-Royce spielt das Verstehen immer eine große Rolle. Menschen lieben Mechanismen, Reaktionen und das Wissen um die Produktionszeit und -schritte, welche sie nachvollziehen können. Das ist in der digitalen Welt oft schlecht verständlich, der Zauber beschränkt sich da eher auf ein „take it as given but don’t wonder how“. Dagegen kann man die Zeit bei einer mechanischen Uhr, wo sich Zahnräder drehen, beim Verstreichen beobachten. Das ist klar und faszinierend zugleich.

Aus diesen Gründen haben wir bei Rolls-Royce beschlossen, weiterhin unsere berühmte analoge Uhr in der Mitte des Armaturenbrettes beizubehalten und nicht durch eine digitale Version zu ersetzen. Fantastisch ist auch, zu lernen, dass sich ein Mensch darauf spezialisiert hat, beispielsweise hauchfeine Guilloche-Strukturen zu gravieren und im Laufe einer Karriere zu perfektionieren. Dahinter stecken jahrelanges Training und unermüdliche Ruhe und Geduld. Die Guilloche meiner privaten Armbanduhr hat mich dazu inspiriert, diese Technik in unsere Fahrzeuge zu bringen. Jetzt wird diese Handwerkskunst in unserem „Phantom“-Armaturenbrett gefeiert, der heute schon ikonischen „Gallery“.

Wenn Sie eine Zeitreise machen könnten – in welches Jahr würden Sie reisen und warum?

Meine Zeitreise hätte zwei Ziele: Zum einen würde ich in die Zeit des Rokoko (1730-1780) reisen, und anschließend so weit in Zukunft wie möglich. Das Rokoko fasziniert mich wegen seiner unermüdlichen Zurschaustellung von Handwerkskunst und ungenierter Opulenz. Selbst banale Dinge wie etwa ein Türgriff bestanden damals oft aus einer Komposition mehrerer Themen, Materialien, Muster und Farben. Diese Leidenschaft für vor Freude sprühendes Detaildesign finde ich großartig. Bei meinem zweiten Stopp, also in der fernen Zukunft, bin ich gespannt darauf, Objekte und Ereignisse zu sehen und zu erleben, die ich mir heute beim besten Willen noch nicht vorstellen kann. Wie ein Neandertaler mit einem Smartphone – diese Erfahrung fände ich beeindruckend.

Welche Uhr ist Ihnen besonders lieb und teuer?

Meine schon erwähnte erste Uhr, die „Ballon Bleu de Cartier“, bekam ich zum Universitätsabschlusses und Beginn meines Jobs bei Rolls-Royce Motor Cars von meinen lieben Eltern. Also verkörpert diese Uhr die harten und anspruchsvollen Industriedesign-Studienjahre, meinen Ehrgeiz und Fleiss – sowie das Glück, bei Rolls-Royce in Goodwood meinen Traumjob gefunden zu haben. Das Wichtigste ist aber die bedingungslose Liebe und Unterstützung meiner Familie, die immer mit ganzem Einsatz hinter mir standen und stehen. Dafür bin ich unendlich dankbar!