Zeitfragen„Auf den Handaufzug will ich auf keinen Fall verzichten“

Wilhelm Schmid ist CEO der Lange Uhren GmbH. A. Lange & Söhne ist die berühmte Marke des Unternehmens aus Glashütte

Capital: Wofür würden Sie sich gerne mehr Zeit nehmen?

Wilhelm Schmid: Für mich gehören die nicht strukturierten Zeiträume, die sich völlig frei gestalten lassen, zu den kostbaren Momenten, von denen ich gerne mehr hätte. Mein Namensvetter, der Philosoph Wilhelm Schmid, bezeichnet sie als „blaue Stunden“; Phasen der Muße und Regeneration, in denen Visionen und Ideen entstehen.

Was bedeutet für Sie Entschleunigung?

Aktivitäten, die Ruhe und Konzentration erfordern und einen alles andere vergessen lassen. Da ich leider keine Komplikationen montieren kann, spiele ich Golf, am liebsten mit meiner Frau.

In der Hektik des Alltags vergisst man viel zu oft…

… danke zu sagen. Es gibt so viele kleine Dinge, die wir für selbstverständlich halten. Sie sind es aber nicht und verdienen es, entsprechend gewürdigt zu werden.

Wenn Sie eine Zeitreise machen könnten, in welches Jahr würden Sie reisen – und warum?

1963, mein Geburtsjahr. Ich würde gern das Gefühl dieser vom Umbruch geprägten Zeit spüren, als die Adenauer-Ära endete, Kennedy seine „Ich bin ein Berliner“-Rede hielt und die Beatles ihren Durchbruch erlebten. Außerdem würde es mir die einzigartige Gelegenheit geben, einen fabrikneuen Jaguar E-Type zu fahren.

Wie sieht für Sie die Uhr der Zukunft im Jahr 2100 aus?

Definitiv mechanisch und analog, aber fast reibungslos und wartungsfrei, das heißt noch langlebiger.

Wofür schlägt ihr Herz: Handaufzug, Automatik, Quartz, Digital oder Smart?

Handaufzug. Auf das Ritual, meine Uhr in die Hand zu nehmen, um ihr bewusst Energie zuzuführen, möchte ich unter keinen Umständen verzichten.

Welchen Tag und/oder welche Uhrzeit werden Sie nie vergessen?

Es sind die großen Schlüsselmomente und Wendepunkte des Lebens, an die man sich ein Leben lang erinnert: Der Moment, als ich meine Frau kennengelernt habe, die Geburt meiner Kinder, mein erster Besuch bei A. Lange & Söhne in Glashütte.

Welche Komplikation, welches Features würden Sie gern einmal in eine Uhr integriert sehen?

Es gibt ein Gedicht von Christian Morgenstern, in dem eine Uhr mit gegenläufig kreisenden Zeigern die Zeit aufhebt. Das ist nicht unbedingt praktisch, aber eine sehr schöne Idee, die ich gerne einmal realisiert sehen würde.

Ihr liebstes Buch mit Uhren-Bezug?

Sehr lesenswert finde ich „Cox oder Der Lauf der Zeit“ von Christoph Ransmayr. Der Autor erzählt die Geschichte des englischen Uhrmachers James Cox, der für den Kaiser von China einen ewigen Chronometer baut. Es geht um die Uhr als Kunst- und Luxusobjekt, die Unmöglichkeit, Vollkommenheit zu erreichen und um das Geheimnis der Zeit.

Ihr liebster Film, bei dem es um Zeit oder Uhren geht?

Weniger ein Film, sondern eher eine Sequenz: Wenn Harold Lloyd in „Ausgerechnet Wolkenkratzer!“ in schwindelerregender Höhe am Zeiger einer riesigen Uhr hängt. Die Szene hat sich ins kollektive Gedächtnis eingebrannt, weil sie das moderne Sinnbild der Zeit als alles bestimmender Faktor ist.

Die größte Herausforderung …
… für einen Uhrmachermeister heute?

Die Montage einer Minutenrepetition. Nichts erfordert ein höheres Maß an Verständnis für komplexe Zusammenhänge, Geschicklichkeit, Geduld und Frustrationstoleranz.

… für die Uhrenbranche insgesamt?

Das Thema mechanische Uhr für die Generation der Digital Natives attraktiv zu halten.

… in Ihrem derzeitigen Job?

Die übernächste Kollektion.