Uhren„Fertig ist man nie, ausruhen nicht erlaubt“

Wilhelm Schmid, A. Lange & Söhne
Wilhelm Schmid, A. Lange & SöhneA. Lange & Söhne


Wilhelm Schmid lenkt seit 2011 die Geschicke der Uhrenmanufaktur A. Lange & Söhne mit Sitz in Glashütte, die zum Luxuskonzern Richemont gehört. Zuvor war Schmid, der sich neben der Leidenschaft für mechanische Zeitmesser auch für Autos begeistern kann („Ich bin ein petrol head“) u.a. für BMW und BP tätig.


Wilhelm Schmid, ist man als erfahrener CEO eigentlich noch aufgeregt vor dem Start einer Uhrenmesse?

Aufgeregt vielleicht nicht, aber extrem gespannt. Darauf, wie das ankommt, woran wir alle Monate, manchmal Jahre, quasi im Dunkeln gearbeitet haben. Nur auf unser eigenes Wissen, Know-how und die Vorstellung gestützt, was unsere Kunden begeistern könnte. Eine Messe wie die SIHH ist für uns der erste und wichtigste Test, ob wir damit richtig lagen, unsere Neuheiten Gefallen und Abnehmer finden.

Da fließt reichlich Adrenalin am ersten Tag, das ist klar. Am Abend weiß ich aber oft schon, ob der Plan aufgeht. Das heißt nicht zwangsläufig, dass ein Jahr leicht wird, aber dass wir für viele Herausforderungen zumindest die richtige „Medizin“ im Portfolio haben.

2016 war für die Uhrenbranche ein echtes Krisenjahr, 2017 wurden die Wunden geleckt, 2018 ging es für die meisten Marken schon solide oder gar mit einem Plus voran. Wie lautet Ihre Prognose für 2019?

Wer heute sagt, er hätte eine genaue Vorstellung davon, wie das Ergebnis aussehen wird, den beneide ich – und hoffe, dass er nicht lügt. Ich habe lange in Südafrika gelebt und mir dort angewöhnt, grundsätzlich optimistisch zu sein und gleichzeitig vorsichtig. Weil beides hilft. Und so sehe ich auch das aktuelle Geschäftsjahr, mit deutlich mehr Anlass zum Optimismus als zum Verzagen. So oder so, wir sind vorbereitet, nicht mit einem, sondern gleich einer ganzen Reihe unterschiedlicher Pläne.

Wie gestaltet sich die Suche nach Fachkräften für Ihr Unternehmen?

Das muss ich zweigeteilt beantworten. Wenn ein junger Mensch Uhrmacher werden will, dann ist unsere Manufaktur in Glashütte zweifellos die erste Adresse in Deutschland. Abteilungen wie Marketing und Public Relations allerdings haben wir vor gut einem Jahr nach Berlin verlegt, in die Backfabrik in Prenzlauer Berg. Für Profis, die unsere digitalen Projekte entwerfen, unseren Designauftritt weiterentwickeln und auf Social-Media-Kanälen aktiv sein sollen, ist eine Weltmetropole der richtige weil inspirierendere Standort.

Mit 35 Mitarbeitern ist dort quasi ein kleiner Verlag aktiv: Wir erstellen Kataloge, Websites, drehen Videos, finden immer neue Ansätze, um unsere Geschichte zu erzählen. Und ganz nebenbei werden auch die Boutiquen den gestiegenen Ansprüchen der Kunden angepasst, was man in unserer neuen Boutique in Dresden sehr schön sehen kann, wo jede Wand, jede Nische eigene Welten eröffnet.

Der Handelskrieg mit China, Gelbwesten in Paris, manche Branchen wie die Autoindustrie blicken sehr viel sorgenvoller auf 2019. Die Luxusmarken erreichen solche Schockwellen oft erst später, spüren Sie solche Turbulenzen?

Ich vertraue ganz darauf, dass gut gelöste Hausaufgaben ein Unternehmen vor den gravierendsten Auswirkungen solcher Krisen schützen können. Sicher, die Zwangsschließung von Boutiquen in Paris in der Vorweihnachtszeit an gleich sechs Samstagen war für den Umsatz vieler Marken verheerend. Trotzdem: Das sind kurzfristige Themen, mit denen muss man fertig werden und sich nicht irritieren lassen.

Langfristig bleibt im Spiel, wer Produkte bester Qualität liefert, seine Mannschaft gut aufstellt, die Kosten im Griff behält und weiß, was die Kunden erwarten. Darauf gilt es dann so rasch und servicestark es geht zu reagieren. Generell gibt es auf der Welt immer mehr Menschen mit Vermögen, die ihre Persönlichkeit ausdrücken wollen, und so lange die ganz besondere Uhr dafür eine beliebte Option ist, hat unsere Branche vernünftige Zukunftschancen.

Sie sprachen von Hausaufgaben, wie sehen die denn für A. Lange & Söhne für die nächsten Jahre aus?

Ich vergleiche unsere Situation gern mit der eines Landwirtes: Wir pachten Ackerland, von dem wir uns einen guten Ertrag erhoffen, fangen an zu roden, den Boden zu bearbeiten, zu sähen und die kleinen Pflänzchen zu hegen und zu pflegen. Alles mit der Hoffnung auf die Ernte. Fertig ist man da nie und sich ausruhen nicht erlaubt. Konkret heißt das: Wie begeistern wir die nächste Generation für mechanische Uhren? Dass das gelingt, steht für mich besonders mit Blick nach Asien fest.

Nur muss man verstehen, wie diese Zielgruppe kommuniziert und konsumiert. Für mich waren in der Jugend die Fachmagazine die einzige Möglichkeit, wenigstens Bilder von heiß begehrten Uhren zu sehen. Heute geht das schneller, unmittelbarer, multimedialer und ohne Geheimniskrämerei oder Distanz. Hieß ganz praktisch, unsere erst vier Jahre junge Website musste überarbeitet werden, damit mobile Zugriffe und WeChat-Kompatibilität stimmen, eine für Asien wichtige Plattform. Dazu generelle Themen, die alle in der Branche wieder beschäftigt: Welche Uhren, welche Werke und Designs, in welchen Stückzahlen – nicht zu knapp, keiner will ewig warten, aber keinesfalls zu viele …

Wie sieht Ihr Kompass aus, um sich in diesem Wirrwarr der Ansprüche nicht zu verirren?

Wir müssen zum einen von einem soliden Fundament aus den notwendigen Opportunismus überwinden, uns wieder und wieder aus der Deckung trauen. Zum anderen gilt, dass nur starke Marken polarisieren, nicht von jedem verstanden oder gemocht werden. Wenn wir ein Modell wie die „Zeitwerk“ mit digitaler Anzeige herausbringen, sagt vielleicht jemand, das konnte eine Timex schon in den 1970er Jahren. Das stimmt, nur wir haben die Herausforderung gemeistert, das mechanisch umzusetzen.

Heute wird viel davon gesprochen, dass Produkte und Marken emotionaler werden müssen. Was soll auf der Gefühlsebene mitschwingen, wenn jemand A. Lange & Söhne hört?

Die Magie aufwendigster Handarbeit. Die Leidenschaft für höchste Qualität. Die Faszination unseres stilistischen Understatements. Besser noch als Worte ist jedoch ein Blick in eines unserer Werke, die ich als hochkomplexe Opulenz beschreiben würde. Ich habe noch nie erlebt, dass jemand dabei nicht wenigstens leise „Wow!“ gesagt hätte.