KommentarDas Comeback von Friedrich Merz hat dem Land gut getan ...

Die drei aussichtsreichsten Kandidaten für den CDU-Vorsitz: Friedrich Merz, Annegret Kramp-Karrenbauer und Jens Spahn (v.l.n.r.)
Die drei aussichtsreichsten Kandidaten für den CDU-Vorsitz: Friedrich Merz, Annegret Kramp-Karrenbauer und Jens Spahn (v.l.n.r.)Getty Images

Das Land ist in Bewegung geraten, und es ist eine neue Bewegung, ein nervöses Vibrieren, ein vorsichtiges Tasten, ein Dehnen und Recken, es knackt wie ein Körper, den man nach langer Krümmung und Bewegungslosigkeit wieder auf seine Elastizität und Spannweite testet.

Ein Rückkehrer hat sie ausgelöst, Friedrich Merz, er kam schnell und entschlossen, und alle haben sich sortiert, wurden aufgeschreckt, Freunde, Fans, Feinde. Ein Millionär! Von einer dunklen Macht namens Blackrock! Der auch noch für Aktien wirbt! Aber: der irgendwie auch klar redet, der nicht Sätze sagt, die in etwa so klingen: „Es ist eben auch die Frage, wie wir gemeinsam die Zukunft gestalten wollen.“ So spricht Angela Merkel gerne, so spricht auch Annegret Kramp-Karrenbauer.

Sein Wahlkampf war nicht ohne Pannen und Tücken. In manchen Themen schien er nicht mehr ganz drin zu sein, auch die Details der Position der CDU nicht zu kennen. Tagelang hat er stotternd und gequält geantwortet, ob er nun Millionär sei und zur Ober-, mittleren Ober- oder oberen Mittelschicht gehöre. Völlig verheddert hat er sich, anstatt das Thema abzuräumen. Warum sagte er nicht: „Ja, ich bin Millionär, habe hart dafür gearbeitet und werde künftig weniger viel weniger verdienen, weil ich dem Land etwas zurückgeben will“? Und: „Im Übrigen war Emmanuel Macron, den hier doch alle lieben und verehren, auch früher Investmentbanker.“

Was bleibt: Die Wochen seit Anfang November haben dem Land gut getan, egal ob Friedrich Merz heute gewählt wird oder nicht. Dazu fünf Thesen und Gedanken:

#1 Was vom Aufbruch bleiben kann

Zuvor war mitnichten Stillstand in Deutschland. Es gab Bewegung, viel sogar, aber sie tat diesem Land nicht mehr gut: Der eine Teil dieser Bewegung war Wut, ein Groll, der sich verselbstständigt hatte und nur noch „zusammenbraute“ oder „brodelte“, im Osten, im tiefen Westen, auf dem Land, in den Tiefen der CDU, der CSU, in der AfD natürlich, in all dem, was wir Populismus nennen.

Der andere Teil der Bewegung war Panik – und sie kam aus der Mitte, vor allem aus den Reihen der SPD und immer mehr der Union. Dieser Teil agierte hektisch und ängstlich, spürte Erosion, den Untergang und regierte das Land. Den Höhepunkt dieser elenden Bewegung erlebten wir in diesem Sommer, als CSU und CDU sich um die Flüchtlingspolitik stritten. In ihrer Furcht gab es für die panische Mitte nur noch ein Mittel: Geld, viel Geld, das unbändig in alle Richtungen ausgegeben wurde.

Nun also Merz. Er wirkt befreiter als alle zusammen, allein deshalb schon unabhängiger. Die kaltgestellten Reformer und Wirtschaftsfreunde haben sich geregt in den vergangenen Wochen.

Aber was ist passiert? Die Bewegung in Deutschland geht endlich wieder nach vorn und nicht nur zurück oder nach unten, mit ungewissem Ausgang. Alte Lager finden sich wieder, in zugeschütteten Gräben wird mit dem Fuß gescharrt, bei manchen keimt alte Abneigung, bei vielen Hoffnung, ja fast Sehnsucht auf. Was auf Friedrich Merz seit Wochen projiziert wird, ist erstaunlich, und er wird es schwer haben, diese Erwartungen zu erfüllen – wenn er sich denn heute durchsetzt.

Er platziert aber schon jetzt zwischen die Wut und die Panik eine neue Bewegungskraft: Ambition. Dabei geht es nicht um neue Bierdeckel, Deutschland braucht nicht die Reformen von 2002. Es geht um die Reformen, die das Land heute benötigt. AKK strahlt dies leider nicht aus. Sie tummelt sich lieber auf Allgemeinplätzen, auf denen zur Einigung aufgerufen wird. Mit AKK ist unklar, ob es die gleiche Ambition gäbe, neben der Partei auch das Land zu erneuern.

Nicht die Ränder bewegen sich also, sondern die Mitte. Endlich. Und bestenfalls wird nicht das Peitschen der Populisten mehr den Takt vorgeben, sondern der Streit um die Ideen.