KommentarMerkel geht, Merz kommt: 10 Thesen zur politischen Frischzellenkur

Friedrich Merz kündigt in der Bundespressekonferenz seine Rückkehr auf die politische Bühne an
Friedrich Merz kündigt in der Bundespressekonferenz seine Rückkehr auf die politische Bühne an dpa

Wir erleben eine kontrollierte Sprengung und eine ungeahnte Frischzellenkur. Dazu folgende Gedanken und Thesen:

  1. Das Ende der Ära Merkel endet ohne Brief in der „FAZ“. Gut so. Angela Merkel gestaltet ihr Ende als Parteivorsitzende als kontrollierte Sprengung, bevor das ewige Siechtum sich fortsetzt oder doch der Aufstand fessellos losbricht. Die Dynamik für das Ende Ihrer Kanzlerschaft kann sie zwar nicht rundweg gestalten, aber mehr noch als in diesem Sommer. Alle Seiten haben Kraft getankt und Zeit gewonnen: Die Kanzlerin und jene, die ihr Ende herbeisehnen.
  2. Friedrich Merz wäre der beste Kandidat für die Nachfolge. Sein Auftritt, seine Rhetorik des Erneuerungswillens und seine Botschaften sind eine Frischzellenkur für die Partei und das Land, das immer mehr verlernt hat, ambitioniert zu sein. Da hat einer so lange diszipliniert gewartet (und es nur in kleinen Runden immer wieder anklingen lassen), dass seine schnelle und beherzte Kandidatur mehr ausgelöst hat, als das Land seit langem erlebt hat, man möchte fast sagen: vertragen kann. Das erklärt auch die Schnappatmung des linken Lagers, das sich panisch ein neues und altes Feindbild zimmern musste (Blackstone, äh Blackrock! Heuschrecke! Der macht was mit Wirtschaft!).
  3. Angela Merkel hat es mit ihrem Abgang tatsächlich geschafft, der SPD einen Schlag zu versetzen. Erneuerung findet nun womöglich bei der Union statt, die SPD siecht weiter vor sich hin. Ihr bleibt die Illusion der Opposition, in der sie sich angeblich erneuern kann. In Bayern und Hessen war sie zwar Oppositionspartei, was aber niemanden stört – auch nicht, dass sie sich von 2009 bis 2013 in der Opposition im Bund nicht erneuert hat. Das Problem der SPD ist nicht die fehlende Erneuerung, sondern die Fixierung auf die Agenda 2010: Ihr Kernprogramm ist die Teufelsaustreibung.
  4. Jens Spahn sollte auf seine Kandidatur verzichten, um die Chancen von Merz zu erhöhen. Unwahrscheinlich, dass sein Ehrgeiz diese Weitsicht bei ihm zulässt, aber das konservative Lager in der Union könnte sich auf einen Kandidaten festlegen und Annegret Kramp-Karrenbauer schlagen, die die falsche Nachfolgerin nach 18 Jahren Merkel wäre. Die Chancen von Merz bei den 1000 Delegierten sind derzeit unklar.
  5. Die CDU muss aufpassen, dass sie nicht auf einen „Merz-Zug“ aufspringt. Bedeutet: Dass sie wie die SPD mit Martin Schulz sich in etwas hineinsteigert, und so eine Sehnsuchtsblase erzeugt. Friedrich Merz ist eine Figur der Nuller Jahre, der große Gegenspieler von Rot-Grün, des Siechtumdeutschlands, der Agenda 2010-Zeit. Das Land aber hat seitdem viel erlebt, viele Krisen, aber auch eine „Goldene Dekade“. Merz wird weder die Öffnung der CDU rückabwickeln, noch die Euro-Krise und die Flüchtlingskrise mit ein paar revolutionären Gedanken und Taten lösen können. Er ist klug genug, das zu wissen; er ist kein Heilsbringer, kein Zauberer. Realistisch kann er zwei Dinge erreichen: Die Union wieder erden, beruhigen, auftanken, denn ihre Wähler wollen eine Partei, die ausstrahlt, dass sie das Land im Griff hat (und dazu muss sie sich selbst im Griff haben). Zweitens: Er kann Aufbruch erzeugen in einem Land und einer Regierung, die seit Jahren Reformen mit Geldausgeben verwechselt.
  6. Die Kandidatur von Merz produziert eine klare, aber bittersüße Formel. Kann er mehr bürgerliche Wähler von der AfD zurückgewinnen, als die Union möglicherweise an die Grünen verliert? Denn die Grünen sind der neue Gegenspieler. Das linksliberale, großstädtische Latte Macchiato-Milieu, das seit 2009 „Mutti“ wählt, könnte eine „neue“ CDU abschrecken, die erste Welle der AfD-Wähler aber zurückgewinnen. Das Risiko müsste aber die CDU eingehen: Es ist wichtiger, die AfD zu schwächen, als die Grünen nicht zu stärken – auch wenn diese mit ihrem Stage-Diving-Siegeszug immer anstrengender werden.
  7. Endlich wieder Lager! Es war viel los in den Kommentarspalten, auf Facebook, auf Twitter. Hui, könnte Deutschland tatsächlich mal wieder eine Wahl haben? Wenn es so kommt, dann ist es gut so. Wenn sich Robert Habeck lieber ein Gespann Merkel-AKK wünscht, sollte die CDU erst recht auf Merz setzen. Aber vielleicht ist der neue Lagerfrühling auch verfrüht. Wer soll denn 2021 regieren? Wenn es so weiter geht, ist es doch nur noch die Frage, ob die CDU oder die Grünen den Kanzler stellen.
  8. Horst Seehofer befindet sich dort, wo in dem Film „Being John Malkovich“ die 7 ½ Etage ist. Da kommt er nicht mehr raus.
  9. Wer ist nun schuld? Tja, bisher war das im Zweifel Angela Merkel. Auch das geht nun langsam zu Ende; auch wenn sie Kanzlerin bleibt. Und schon bald werden manche merken, dass diese Flüchtlinge auch kommen wollen, wenn die Kanzlerin sie gar nicht einlädt.
  10. Surprise, Surprise! Diese Gedanken sind in vielem noch Projektionen, Thesen in der Ungewissheit. Aber die vergangenen Tage haben gezeigt, wie gut diesem Land inzwischen Überraschungen tun.

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