KolumneChristine Lagarde ist eine gute Wahl für die EZB

Christine Lagarde soll die Nachfolge von EZB-Chef Mario Draghi antreten
Christine Lagarde soll die Nachfolge von EZB-Chef Mario Draghi antretendpa

Christine Lagarde folgt Mario Draghi an der Spitze der Europäischen Zentralbank. In den über 20 Jahren seit der Geburt des Euro hat keine Personalentscheidung in der europäischen Geldpolitik so überrascht wie diese. Dass jemand ohne Studium der Volkswirtschaft und ohne direkte Erfahrung in der Geldpolitik eine herausgehobene Stellung in einer nationalen Zentralbank übernehmen kann, um sich auf die Art für noch höhere Weihen zu qualifizieren, wäre übliche Praxis gewesen. Aber dass Lagarde gleich auf den Chefsessel der wirtschaftlich mit Abstand mächtigsten Institution in Europa rücken soll, kann als kleine Sensation gelten.

Aber ist die energische Französin damit die falsche Frau für Frankfurt? Nein. Sie bringt wesentliche Qualitäten mit, die sie in Frankfurt gut gebrauchen kann. Als Direktorin des Internationalen Währungsfonds seit Juli 2011 hat sie viel Erfahrung darin gesammelt, eine große multilaterale Institution effektiv zu führen. Weit über ihre ursprüngliche Herkunft als französische Wirtschafts- und Finanzministerin von 2007 bis 2011 hinaus hat sie sich eine internationale Perspektive erarbeitet, wie sie nur wenige andere Entscheidungsträger aufweisen können. Qua Amtes war sie bei nahezu allen wichtigen wirtschaftspolitischen Diskussionen der letzten Jahre dabei. Die große Wirtschafts- und Finanzkrise von 2008/2009 hat sie als Pariser Finanzministerin ebenfalls hautnah erlebt.

In der Eurokrise haben alle Seiten viel Lehrgeld zahlen müssen. Aber unter Lagardes Führung ist der Währungsfonds 2013 über seinen Schatten gesprungen und hat öffentlich eingeräumt, anfangs zu sehr auf eine reine Sparpolitik gesetzt und die kurzfristigen Konjunkturschäden einer solch harten Austerität in strukturell wenig flexiblen Ländern unterschätzt zu haben. Eine solche Lernfähigkeit sollte man ihr – und dem Währungsfonds – hoch anrechnen, auch wenn einige Vorschläge des Währungsfonds zu europäischen Fragen in den Jahren danach nicht immer wirklich sachdienlich waren.

Lagarde kann auf den EZB-Sachverstand zurückgreifen

Lagarde hat es in den heißen Tagen der Eurokrise verstanden, sich trotz mancher Unterschiede im Denkansatz gerade auch mit dem damaligen deutschen Finanzminister Wolfgang Schäuble zu einigen. Sie gilt wohl zu Recht als erfahrene Verhandlungspartnerin, die Kompromisse schmieden kann, ohne ihre eigenen Grundlinien aufzugeben. Für die Arbeit bei der EZB kann dies nur nützlich sein. Zudem kann sie gut kommunizieren.

Mit grundsätzlichen Fragen der Wirtschaft und Geldpolitik hat sich Lagarde auch beim Währungsfonds intensiv auseinandersetzen müssen. In den Einzelheiten dürfte sie angesichts ihres Hintergrundes weniger firm sein als beispielsweise der Harvard-Absolvent Mario Draghi – oder Bundesbank-Chef Jens Weidmann. Aber dafür kann sie auf den geballten Sachverstand der EZB zurückgreifen. Sie muss ja nicht die einzelnen Zahlen der Wirtschafts- und Inflationsprognose erarbeiten können. Sie muss in der Lage sein, aus der Analyse ihrer kompetenten Mitarbeiter die richtigen Schlüsse für die Geldpolitik zu ziehen. Mit Philip Lane steht ihr ein neuer Chefvolkswirt bei der EZB zur Seite, der bestens für die Aufgabe gerüstet ist, sie entsprechend zu beraten.

Wird sich die Geldpolitik unter Lagarde ändern? Nein. Erstens hat Draghi den Kurs mit seiner Sintra-Rede vor zwei Wochen schon teilweise vorgezeichnet. Die EZB ist bereit, auf unerwartet niedriges Wachstum oder eine wider Erwarten niedrige Inflation mit einem neuen geldpolitischen Impuls zu reagieren, notfalls auch mit erneuten Anleihekäufen. Zweitens dürfte Lagarde in Grundfragen der Geld-, Wirtschafts- und Finanzpolitik weitgehend mit Draghi übereinstimmen.