WachstumChinas fragwürdiger Aufschwung

Neue Normalität? Auf den Straßen von Schanghai herrscht wieder dichtes Gedränge während der chinesischen Ferienimago images / VCG

Noch immer müssen sich nach China Einreisende einer strikten Quarantäne unterwerfen: 14 Tage wird jeder Neuankömmling egal welcher Nationalität in ein Hotelzimmer gesteckt und darf den Raum nicht verlassen. Zweimal täglich kommen Angestellte in Ganzkörper-Schutzanzügen, um die Temperatur zu messen. Dreimal stellt jemand in Plastik abgepacktes Essen vor die Tür. Nach 14 Tagen und einem negativen Corona-Test wird man in die chinesische Freiheit entlassen.

Einmal draußen traut man seinen Augen kaum. Sämtliche Restaurants, Bars, Kinos und Clubs in Schanghai haben geöffnet. Auf der Wulumuqi Lu, einer belebten Straße in der Französischen Konzession drängen sich wie eh und je die Passanten im Zentimeter-Abstand aneinander vorbei. An so etwas wie „Social Distancing“ hält sich kaum einer der 23 Millionen Einwohner Schanghais. Masken? Kann man tragen, verlangt wird es nirgends. Und auch der Health Code, der nachweisen soll, dass man sich in keinem Risikogebiet aufgehalten hat, wird kaum irgendwo verlangt.

Wer im späten Oktober durch die Straßen von Schanghai spaziert, könnte zu der Erkenntnis gelangen: So etwas wie eine Pandemie hat es überhaupt nicht gegeben.

Insofern scheinen die jüngsten chinesischen Wirtschaftsdaten durchaus glaubhaft. Während der Rest der Welt in der Rezession versinkt, wächst China. 4,9 Prozent waren es im dritten Quartal, in den Monaten Juli bis September. Damit hat China den gesamten Corona-Einbruch im ersten Quartal wieder aufgeholt: Die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt ist seit Beginn des Jahres um 0,7 Prozent gewachsen.

China BIP-Wachstumsrate (jährlich)

source: tradingeconomics.com

Glaubt man den chinesischen Zahlen, ist die erfolgreiche Bekämpfung der Pandemie die Ursache für den Aufschwung. Im vermeintlichen Ursprungsland von Covid19 infizieren sich seit Monaten kaum mehr als 20 Menschen pro Tag mit dem Virus. Das ist bei 1,3 Milliarden Menschen kaum vorstellbar, noch dazu waren gerade in der ersten Oktoberwoche, einer von zwei traditionellen Ferienwochen im Jahr, rund 700 Millionen Chinesen teils dicht gedrängt unterwegs.

Skepsis ist angebracht

Zudem gab es in den vergangenen Jahrzehnten kaum eine Zahl, bei der die Kommunistische Partei nicht geflunkert hat – egal ob Wachstumszahlen, Luftverschmutzungswerte oder HIV-Infektionen. Eine freie Presse, die die Angaben überprüfen könnte, gibt es nicht. Es gibt also berechtigten Grund zur Skepsis.

Andererseits waren wohl nirgendwo auf der Welt die Ausgangssperren so strikt wie in den ersten Wochen in der Stadt Wuhan. Und dass die Chinesen in Kauflaune sind, ist ebenfalls unübersehbar.

Peking ist es in den vergangenen zehn Jahren gelungen ist, sein Wirtschaftsmodell umzustellen. Noch 2010 stammte der Großteil der Wirtschaftsleistung vom Export, heute sind es nur noch knapp 17 Prozent. Das bedeutet auch, dass China unabhängiger von den Schwankungen auf den Weltmärkten geworden ist. Sinkt die Wirtschaftsleistung im Westen, hat das heute nur noch bedingt Auswirkungen auf das BIP-Wachstum in der Volksrepublik.

Es war das erklärte Ziel der Pekinger Führung in den vergangenen Jahren, unabhängiger von Infrastruktur, Investitionen und dem Export zu werden, und stattdessen den Binnenkonsum zu stärken. Das ist gelungen – was auch die deutschen Autobauer sehr zu schätzen wissen.

Chinas Führung ist von Wachstum abhängig

Letztlich aber treibt Peking etwas voran, wofür die USA kritisiert werden: die Entkopplung der Volkswirtschaften. Immer öfter spricht Präsident Xi Jinping nun auch von der „Dual Circulation“, den „zwei Kreisläufen“. Gemeint ist nichts anderes, als dass die chinesische Wirtschaft einerseits von einem starken Binnenkonsum geprägt sein soll, und in einem zweiten Kreislauf in globale Lieferketten eingebunden bleibt. Man will unabhängiger werden, und gleichzeitig exportieren. Der Corona-Schock und die daraufhin einsetzende Erholung haben genau dies nochmals verstärkt.

Ganz ohne Hilfe von oben aber ging auch das nicht. Die Regierung half mit Steuererleichterungen, Konsumgutscheinen und billigen Krediten nach, um Wachstum zu generieren. Selbst um den überhitzten Immobiliensektor kümmerte sich die Pekinger Führung: Dort wuchsen die Investition im September um zwölf Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat.

In der Stärke des chinesischen Modells liegt aber auch seine größte Schwäche. Wie keine andere Regierung der Welt sind die kommunistischen Machthaber von Wachstum abhängig. Eine florierende Wirtschaft ist das Grundversprechen der KP an das Volk und damit deren Legitimationsanspruch. Rutscht China in die Rezession, wird es auch eng für die Kader. In den ersten Monaten 2020 dürften viele unter großem Stress gestanden sein – es war dies die erste Kontraktion der Wirtschaft seit 1992, als erstmals Zahlen veröffentlicht wurden. Gerade jetzt, wo sich der Konflikt mit den USA zuspitzt, will sich die Führung als Hort der Stabilität vor der eigenen Bevölkerung präsentieren.

Ob sich China langfristig einer globalen Rezession entziehen kann, erscheint wenig glaubhaft. Nicht unwahrscheinlich, dass dann wieder etwas an den Zahlen herumgeschraubt wird – es wäre nicht das erste Mal.