VersicherungBerufsunfähigkeit – Schmerz lass nach

Ein Mann ist mit seinem Stuhl umgekippt
Ein Burn-out oder andere psychische Probleme können auch Schreibtischarbeiter treffen. Nervenerkrankungen sind mit gut einem Viertel der Fälle sogar der häufigste Grund für Berufsunfähigkeit – Foto: Interfoto

Mit Statistiken ist es so eine Sache. Wer die Zahlen klug wählt, macht Eindruck. Mit diesem Kniff parierte Peter Schwark, Geschäftsführer beim Verband der Versicherungswirtschaft, jüngst eine Attacke von Verbraucherschützern: Anders als behauptet werde den allermeisten Kunden eine bezahlbare Absicherung gegen Berufsunfähigkeit angeboten, zumindest in jungen Jahren. 2013 hätten die Versicherer 94 Prozent aller Anträge angenommen.

Es ist vertrackt: Kaum eine Versicherung findet mehr Fürsprecher unter Experten als die sogenannte BU-Police. Die Absicherung gegen Berufsunfähigkeit gehört unwidersprochen zum Risikoschutz für alle, die von ihrer Arbeit leben; im Ernstfall kann sie die Existenz retten.

Zugleich genießt kaum ein Produkt der Versicherungsbranche den Ruf, so schwierig zu sein – zu kostspielig seien die Policen, zu komplex die Klauseln, zu konfrontativ die Gesellschaften, wenn es ans Zahlen geht. Tatsächlich mutet die Branche ihren Kunden beim BU-Schutz viel zu: So ist ihre ach so glänzende 94-Prozent-Bilanz bei den Abschlüssen auch dem Umstand geschuldet, dass viele Kunden erst gar keinen Antrag stellen. Sie werden von hohen Prämien abgeschreckt – oder hören vom Vermittler, dass sie aufgrund ihres Berufs oder von Krankheiten eh keine Chance auf eine Zusage hätten.

Wie finden also Versicherungswillige doch noch Schutz zu guten Konditionen bei einem Anbieter, der sie im Leistungsfall fair behandelt?

Die schlechte Nachricht nimmt Stefan Albers vorweg. „Es ist Aufwand“, räumt der unabhängige Versicherungsberater ein – und schiebt die gute hinterher: „Aber die Mühe lohnt sich.“ Wer sichergehen will, informiert sich vorab über leistungsstarke Tarife, klärt seine Gesundheitshistorie und füllt akribisch die Formulare aus. Genauigkeit zahlt sich aus, wenn der Kunde irgendwann Leistungen des Versicherers einfordert. Das Ausfüllen der Formulare managt am besten ein Fachmann, der aufseiten des Kunden steht und für Empfehlungen haftet, etwa ein spezialisierter Makler oder Versicherungsberater (bvvb.de).

Bürokräfte fahren günstig

Am einfachsten kommen Akademiker bis 30 unter, die topfit sind, einem Schreibtischjob nachgehen und auf riskante Freizeitaktivitäten wie Klettern oder Tauchen verzichten. Sie dürfen zudem mit günstigen Prämien rechnen.

Als Peter Kauser (Name v. d. Red. geändert) sich 2004 eine BU-Police zulegen will, ist er in einem Alter, in dem viele schon keinen Vertrag mehr bekommen. Der 42-Jährige fühlt sich jedoch fit, studiert Vergleiche – und bestellt schließlich über das Internet die Unterlagen für den Antrag.

Jahrelang wetteiferten die Versicherer mit immer besseren Konditionen um Kunden. Heute ist das Leistungsniveau der Tarife so hoch wie nie, viele tückische Klauseln sind vom Markt verschwunden. „Die Qualität stimmt“, bekräftigt Joachim Geiberger, Geschäftsführer von Morgen & Morgen. Zuletzt prüfte das Analysehaus 532 Policen, die Hälfte davon erhielt die Bestnote.

Die großzügigen Konditionen erweisen sich ironischerweise mittlerweile als Problem für die Kundschaft. Den Gesellschaften bleibt nichts übrig, als entweder die Preise zu erhöhen – oder sich auf Kunden zu konzentrieren, bei denen es unwahrscheinlich ist, dass sie jemals Leistungen in Anspruch nehmen. Wer kaum Gefahr läuft, seinen Beruf einmal nicht mehr ausüben zu können, zahlt zuweilen weniger als früher. Alle anderen müssen teils deutlich höhere Prämien aufbringen.

Peter Kauser arbeitet als Diplomingenieur – kein allzu riskanter Job. 1800 Euro Rente will der Angestellte absichern. Das soll anfangs rund 360 Euro Jahresbeitrag kosten. Das ist es ihm wert.

Mittlerweile wetteifern die Versicherer erbittert um Kunden mit risikoarmen Berufen. Dazu haben sie ein irrwitzig kleinteiliges System etabliert, in das sie Jobs nach Risikoklassen einstufen. Wurden Kunden vor zehn Jahren noch in drei Gruppen unterteilt, sind es heute oft sechs bis zwölf. Allein für das Berufsbild Schornsteinfeger gibt es inzwischen – je nach Ausbildung und Zahl der Bürostunden – bis zu fünf verschiedene Preise. „Berufsgruppen-Bingo“ nennt Makler Matthias Helberg das Phänomen. Für ein und denselben Kunden sind laut Morgen & Morgen bis zu 500 Prozent Beitragsunterschied drin.