KolumneBaumanns letzte Chance bei Bayer

Bernd Ziesemer
Bernd ZiesemerCopyright: Martin Kress

Zwei Jahre können in einem Konzern eine kleine Ewigkeit sein. Der Vorstandschef der Bayer AG hat diese Zeit vor allem mit der komplizierten Übernahme des US-Saatgutriesen Monsanto verbracht. Vieles andere ist deshalb in Leverkusen liegen geblieben – bis letzten Freitag. Nun macht sich Werner Baumann daran, in seinem Konzern endlich aufzuräumen. Der Schnitt geht tief – jeder zehnte Arbeitsplatz fällt weg. Der dramatische Fall der Bayer-Aktie zwingt den Vorstandschef dazu. Es ist Baumanns letzte Chance, seine bisherige Strategie zu retten – und damit wohl auch seinen eigenen Kopf.

Die letzten zwei Jahre waren bei Bayer eine Lehrstunde dafür, wie ein großer Deal die ganze Aufmerksamkeit der Manager binden kann. Deshalb ist zum Beispiel in der Sparte für Verbraucherprodukte („Consumer Health“) das nicht erledigt worden, was eigentlich schon vor zwei Jahren notwendig war. Schon im Oktober 2016 musste Baumann bei einer Präsentation einräumen, dass sich Bayer mit der Übernahme des entsprechenden Geschäfts von dem US-Riesen Merck im Mai 2014 verhoben hatte. Die Deutschen zahlten damals 14,2 Mrd. Dollar oder das 21-Fache des Jahresgewinns für Marken, die über Jahre hinaus nicht richtig gepflegt worden waren. Schon damals, vor zwei Jahren, lag alles auf dem Tisch, was den Bayer-Vorstand jetzt endlich zum Handeln bewegt. 2 Mrd. Euro schreibt Baumann jetzt auf die viel zu teure Übernahme der Merck-Geschäfte ab. Und alle fragen sich zu Recht: Wird in einigen Jahren nicht das Gleiche mit Monsanto passieren? Die Wahrscheinlichkeit ist sehr groß.

Schaff Bayer die Wende zu alter Größe?

Was passiert, wenn ein Konzernchef den Überblick verliert, kann man noch an einem zweiten Beispiel illustrieren: Die Pharmasparte schließt, wie Baumann letzten Donnerstag verkündete, Knall auf Fall den Betrieb für sogenannte Faktor-VIII-Medikamente in Wuppertal. Fast 600 Mio. Euro muss Bayer in diesem Fall abschreiben. Noch im Mai letzten Jahres galt der Standort als Vorzeigeprojekt mit einem „signifikanten Stellenwert für den Konzern“. Die Zahl der Beschäftigten stieg dort von Monat zu Monat. Nun macht Bayer alles dicht in Wuppertal; nicht einmal verkaufen lässt sich die Produktion. Der Hintergrund: Bayer bekommt auf dem Feld für Blutgerinnungsmedikamente keinen Fuß mehr auf den Boden gegen die Wettbewerber (zum Beispiel Roche).

Als Baumann direkt nach seinem Wechsel auf den Chefposten des Konzerns die Übernahme von Monsanto verkündete, ging er mit einem großen Versprechen an die Öffentlichkeit: Die anderen Sparten des Konzerns würden nicht unter dem Deal mit den Amerikanern leiden. Genau das ist jedoch geschehen in den letzten zwei Jahren. Lange Zeit wollte der Konzern die Probleme unter der Decke halten und im laufenden Betrieb abarbeiten. Doch das Risiko wurde am Schluss zu groß. Deshalb handelt Baumann jetzt. Und was er macht, ist im Prinzip richtig. Die Frage ist nur: Kommt alles nicht bereits zu spät? Vor allem in der Pharmaforschung denkt man in sehr, sehr langen Zeiträumen. Was einmal versäumt wurde, rächt sich erst in ein paar Jahren. Ob Bayer die Wende zu alter Größe schafft oder nicht, wissen wir erst in drei oder vier Jahren. Bis dann dürfte auch klar sein, wie die Glyphosat-Prozesse in den USA ausgehen. Sie drücken den Kurs der Bayer-Aktie am stärksten. Aber sie drücken ihn eben nicht allein, wie wir spätestens seit letzter Woche wissen.