Sixt„Am Ende des Tages ist Carsharing nichts anderes als Autovermieten“

Erich Sixt (r.) tritt ab. Seine Söhne Konstantin (l.) und Alexander übernehmen das Ruder bei dem Autovermieterdpa

52 Jahre stand Erich Sixt an der Spitze von Sixt – Mitte Juni will er sich nun aus der Unternehmensführung zurückziehen. Dann sollen seine Söhne Alexander und Konstantin den Mobilitätsdienstleister in vierter Generation weiterführen. Seit knapp sechs Jahren sind die Brüder im Vorstand und dort für Strategie und Vertrieb verantwortlich. Gleichzeitig gelten beide als Treiber der digitalen Vernetzung der verschiedenen Sixt-Angebote.

Anfang Februar war Vertriebsvorstand Konstantin Sixt im Podcast „Alles neu…? Aus dem Maschinenraum“ zu Gast. Dort sprach er über sein Ziel, der „größte und erfolgreichste Mobilitätsdienstleister auf dem Planeten“ zu werden und über die Rolle, die Sixt künftig im Ökosystem der Mobilität spielen soll. Das Gespräch dokumentieren wir in Auszügen.

Hinter dem Gedanken von Sixt steht die Idee, dass das alte Konzept von der Autonutzung vorbei ist. Neben „Rent“ stehen in der Sixt-App mittlerweile auch andere Optionen. Wird das Angebot dort in zehn Jahren auch noch so stehen?

Was dort steht, ist am Ende des Tages gar nicht so wichtig. Wichtiger ist, wie wir es schaffen, die Frage der Kunden zu beantworten, wie sie von A nach B kommen. Und diese Frage nicht nur zu beantworten, sondern auch die Mittel – in unserem Fall alles, was auf Rädern ist – zu liefern. Ich glaube deshalb, dass wir in unserer App nicht mehr zwingend verschiedene Tabs haben, sondern es schaffen, die Frage „Wie komme ich von A nach B?“ intelligenter zu beantworten.

Auch der Autobauer Daimler wollte zwischenzeitlich stärker in Mobilitätsdienstleistungen einsteigen, mittlerweile ist die neue Strategie aber wieder, sich auf die Autoherstellung zu konzentrieren. Wird es noch eine Weile dauern, bis sich die Mobilitätslandschaft wirklich verändert – und welche Rolle spielt dann Sixt?

Ich glaube, das Wichtigste ist wie in allen Branchen, dass man sich auf seine Kernkompetenzen fokussiert. Das sieht nicht jede Firma so, aber wir versuchen, uns auf unsere Kernkompetenz zu fokussieren – und das ist, Mobilitätsdienstleistungen anzubieten. Eine Dienstleistung ist schon sehr häufig etwas anderes als eine Industrieleistung. Mein Bruder sagte mal: „Wir sind kein Autohersteller, wir sind ein Autohinsteller“. Dieser Unterscheid ist ein gravierender. Man muss die Kirche auch im Dorf lassen. Am Ende des Tages ist etwas wie Carsharing auch nichts anderes als Autovermieten nur in einem anderen Mantel. Die Metriken und das Geschäftsmodell dahinter – also Auslastungs-, Schadens-, Kunden- und Beschwerdemanagement – hat eigentlich genau die gleiche Komplexität, die eine Autovermietung bietet. Deswegen muss man immer schauen: Was ist Mobilität, was ist Autovermietung? Denn das sind Begriffe, die auch fein ineinander übergehen. Wir konzentrieren uns daher sehr stark auf unsere Kernkompetenz, Dienstleistungen anzubieten. 

Was sind die Kernkompetenzen, die man in Zukunft braucht und die dazukommen müssen, damit Sixt der führende Mobilitätsdienstleister bleibt?

Der Punkt ist, wenn die Geschäftsmodelle starten, sehen viele vielleicht nur eine App und eine schöne Karte, auf der dann viele Autos stehen. Da denkt man: Das ist eigentlich ein ganz einfaches Geschäftsmodell. Aber das Geschäftsmodell der Mobilitätsdienstleistungen wie Carsharing, Autovermietung und Ridehailing findet nicht in dieser bunten Google-Maps-Welt statt, sondern ist in Wirklichkeit ein knallhartes Hardware-Geschäft mit zehntausenden von Autos, die es zu managen, zu reinigen und zu reparieren gilt. Die haben mit der schönen bunten Tech-Welt auf den ersten Blick sehr wenig zu tun. In Wirklichkeit natürlich auch, denn viele Prozesse sind softwaregestützt und es bedarf künstlicher Intelligenz, um solche Flotten zu betreiben. Viele, die mit ihrem Geschäftsmodell in der Mobilität starten, sehen das zu spät und verabschieden sich dann wieder.

Aber zu dieser Kernkompetenz kommen neue Kompetenzen hinzu. Wie baut man die nebenher auf, während man gleichzeitig das Kerngeschäft weiterbetreibt?

So eine Kerntransformation haben wir im Februar 2019 gestartet. Wir sind dort einen sehr großen Schritt gegangen, als wir noch eine Abstraktionsschicht über das reine Betreiben von Mietwagenflotten gesetzt und eine Plattform entwickelt haben. Dazu haben wir ein jahrelanges Projekt live geschaltet: Sixt One. Dort können wir Kunden aus einer Hand Mobilitätsdienstleistungen, die nicht von uns selbst betrieben werden, nicht nur anzeigen, sondern auch anbieten. Zum Beispiel kann man über Sixt in Nordamerika die gesamte Lyft-Flotte buchen. Das Gleiche kann man in Deutschland mit allen Taxizentralen, ohne sich dort auch nur einmal registrieren zu müssen. Ein drittes Beispiel sind die Tier-Roller, die wir europaweit anbieten können – ohne die Flotte zu betreiben. Das sind drei wunderbare Beispiele, an denen man erkennen kann, in welchen Transformationen Sixt sich bewegt. Denn dieses Geschäftsmodell ist ein ganz anderes als das Betreiben von Mietwagenflotten. 

Angesichts der Corona-Pandemie gibt es die These, dass sich mittelfristig das Mobilitätsverhalten der Menschen verändern wird und zum Beispiel Geschäftsreisen abnehmen. Was ist das Szenario, mit dem Sixt arbeitet?

Ich hoffe das zumindest nicht, denn ein großer Teil unseres Geschäfts sind Geschäftsreisen, der übrigens auch nicht ganz weg ist. Ich telefoniere jeden Tag mit drei bis vier Firmenkunden. Das Auto ist aktuell auch ein gutes Substitut für andere Verkehrsmittel. Denn wer einen Termin in Berlin hat, fühlt sich wohler, mit dem Auto von München nach Berlin zu fahren anstatt mit hunderten von Menschen in der Bahn oder im Flugzeug zu sitzen. Das heißt, wir liefern ein Substitut für Geschäftsreisen, für das wir in der Vergangenheit nicht infrage kamen. Auch das Nutzungsverhalten der Kunden hat sich sehr, sehr stark verändert. Dankenswerterweise sind wir ja nicht tot im Vergleich zu vielen anderen Unternehmen wie in der Reisebranche oder bei Hotels. Wir können unsere Flotte  verschieben, verkleinern, vergrößern und an andere Orte bringen. Was sich ebenfalls ändert, ist, dass wir sehr viel mehr Privatkunden haben. Und zwar aus dem gleichen Grund, warum wir mehr Geschäftskunden haben, weil ein Auto ein Transportmedium ist, mit dem man Social Distancing perfekt betreiben kann.

Was heißt das für die Zukunft?

Wie sich das in der Zukunft verhalten wird, weiß ich nicht. Ich glaube, dass sich auf der einen Seite Homeoffice und Videokonferenzen schon durchgesetzt haben und nicht verschwinden werden, am Ende des Tages werden persönliche Treffen aber auch nicht aussterben. Die Antwort ist also nicht so schwarz-weiß, wie viele sagen. Denn es ist einfach etwas anderes, Menschen im Geschäftsleben in die Augen zu sehen und Menschen zu erleben. Ich glaube daher, wenn das Reisen wieder sicher ist und Menschen keine Angst mehr voreinander haben müssen, wird das auch stark wieder zurückkommen. Das heißt, ich bin nicht pessimistisch, sondern optimistisch, dass Geschäftsreisen wieder stark ansteigen werden.

 


Das Interview mit Konstantin Sixt führten Nils Kreimeier, leitender Redakteur bei Capital, und Tobias Rappers, Managing Director von Maschinenraum. Hören Sie sich das vollständige Interview hier an: