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Wirecard-Opfer „Meine Bank hat mir Wirecard als supersichere Anlage empfohlen“

Ex-Wirecard-CEO Markus Braun erscheint am Donnerstag zum Prozessauftakt in München-Stadelheim
Ex-Wirecard-CEO Markus Braun erscheint am Donnerstag zum Prozessauftakt in München-Stadelheim
© picture alliance/dpa | Peter Kneffel
Die Schauspielerin Regina Stötzel verlor fast 200.000 Euro mit Wirecard-Aktien. Im ntv-Interview berichtet sie von ihren Erfahrungen – und ihren Erwartungen an den Prozess gegen Markus Braun

In München wird heute der Prozess gegen den ehemaligen Wirecard-CEO Markus Braun eröffnet. Zweieinhalb Jahre nach der Implosion des ehemaligen Vorzeige-Daxkonzerns beginnt damit die juristische Aufarbeitung. Wie blicken Geschädigte des Milliardenbetrugs auf den Prozess? ntv hat dazu mit der Schauspielerin Regina Stötzel gesprochen. Sie hatte fast 200.000 Euro, ihre gesamte Altersvorsorge, in Wirecard-Aktien investiert – und alles verloren. Stötzel, Jahrgang 1971, lebt und arbeitet als Schauspiellehrerin und Coachin in Hamburg. 

Frau Stötzel, warum haben Sie damals in Wirecard investiert? Und warum gleich so viel Geld?
Das war tatsächlich eines der ersten Male überhaupt, dass ich in Aktien investiert habe. Wirecard ist mir von der Targobank empfohlen worden. Nachdem ich schon bei Lehman Brothers geschädigt worden war, habe ich eigentlich immer betont, dass ich kein hohes Risiko mehr eingehen möchte. Und Wirecard wurde mir einfach als die Lieblingsaktie der Deutschen empfohlen: „Sicher, sicher, sicher. Nein, wir gehen auf keinen Fall in amerikanische Aktien, wir bleiben schön in Deutschland bei einem soliden Unternehmen.“ Was sollte da schon passieren?

Sie haben also dem Rat Ihrer Bank vertraut – und sich dann sicher gefühlt?
Nachdem mir die Aktie von der Targobank als super-, super-, supersichere Anlage empfohlen worden war und ich vorher auch eigentlich fast gar keine Aktienerfahrung hatte und auch kein großes Risiko eingehen wollte, wurde mir Wirecard als die Lieblingsaktie der Deutschen empfohlen. Als dann die ganzen Berichte aus Großbritannien kamen, in denen darauf hingewiesen wurde, dass bei diesen Drittpartnergeschäften in Dubai und Asien irgendwas seltsam läuft, wurde ja dann von der BaFin der Handel ausgesetzt. Die BaFin hat schützend ihre Hand über Wirecard gehalten und hat gesagt: „Hinter den ganzen Berichten stecken die Hedgefonds und Leerverkäufer, die den Kurs manipulieren wollen“ – und das natürlich auch unter der Führung von Olaf Scholz als Finanzminister. Wenn da ein so großes Instrumentarium greift und die Bundesregierung schützend ihre Hand darüber hält, dann folgt man dieser Argumentation. Das war der Grund, warum man immer wieder Vertrauen aufgebaut hat oder sogar noch nachinvestiert hat, weil die Kurse gefallen waren, weil man schon einen großen Verlust hatte. Da dachte man: „Okay, die Bundesregierung sagt auch, unser Lieblingskind Wirecard wird von einem Verleumdungsskandal beschmutzt“. Und sich dann gesagt: „Okay, dann investiere ich doch lieber nochmal nach.“ Man hat da immer wieder erneut Vertrauen reingesteckt.

Um welche Summen ging es denn für Sie?
Ich sage mal, mit Verlusten zwischendurch war das in der Größenordnung von 150.000 bis 200.000 Euro. Ich bin als selbstständige Schauspielerin eher Geringverdienerin und ganz stark von Corona betroffen. Eigentlich habe ich so gut wie keine Rente. Das Geld war für meine Altersvorsorge gedacht. Nicht für ein Auto, nicht für eine Eigentumswohnung, sondern für die Altersvorsorge.

Können Sie sich in das Jahr 2020 zurückversetzen – wie haben Sie mitbekommen, dass etwas schief lief? Wie ging es Ihnen, als der Betrug aufflog?
Das zeichnete sich ja so ein halbes Jahr vorher ab. Im Juni, Juli 2020 hatte man noch einmal total Vertrauen in das Testat geschöpft. Und dann, obwohl die vorherigen Prüfungen, wie man jetzt weiß, versagt hatten, gedacht: „Okay, jetzt prüft Ernst & Young.“ Dann ging es um die Bescheide, die da fehlten, und man hat wirklich bis ein oder zwei Tage vorher gedacht, wenn jetzt diese Prüfung endlich durch ist, dann ist alles gut. Man dachte wirklich, dass das ein Formfehler ist. Die Belege sollten ja aus Asien kommen, aber nicht das Original, sondern nur eine Kopie. Ich dachte: Mein Gott, wir haben Corona. Es ist klar, dass das ein bisschen schwierig ist, da in Asien an Originalbelege heranzukommen. Ich habe wirklich bis zum letzten Tag gedacht: Jetzt muss nur noch die Prüfung durch sein, dann ist alles gut und dann erholt sich der Kurs. Durch Corona und den ersten Lockdown waren bei mir alle Jobs auf einmal weg und dann kam ich innerhalb eines Tages nach Hause und alles war weg. Kleinere Verluste hatte ich schon vorher gemacht, aber an dem Tag ist es wirklich von 120.000 auf 20.000 gefallen. Dann hat sich der Kurs einen Tag lang ein bisschen erholt, aber man hat nicht verkauft, weil man dachte: „Okay, das ist jetzt genau, wie alle gesagt haben, es ist alles ein Fehler, ein Fehler, ein Fehler. Es wird sich erholen, es wird sich aufklären.“Und an Tag drei war es fast auf null. Das war eine totale Achterbahn, ein totales emotionales Karussell und in dem Moment, in dem ich eh schon alle Jobs los war, hat es mir einfach die Existenzgrundlage weggerissen. Es war zum Teil das Geld, von dem ich gelebt habe, weil ich keine Einnahmen mehr hatte.

Welche Konsequenzen haben Sie aus der Wirecard-Pleite gezogen?
Mehr auf meinen gesunden Menschenverstand hören. Wenn ich irgendetwas von diesen Informationen gehabt hätte, die ja auch unter den Teppich gekehrt wurden – von wegen Glücksspiel und Pornoseiten zum Beispiel –, hätte ich denen niemals 150.000 Euro in die Hand gedrückt. Wenn nicht Banken und Bundesregierung gesagt hätten: Markus Braun, das ist doch ein super Typ. In der Zeit haben Olaf Scholz und Angela Merkel auch extremen Lobbyismus betrieben und sind nach China gereist sind und haben gesagt: Wirecard ist unser Lieblingskind, das Topunternehmen der Deutschen. Hätte ich lieber auf meinen gesunden Menschenverstand gehört, wäre mir das nicht passiert.

Wie sieht Ihre Hoffnung aus, von dem Geld etwas wiederzusehen? Wie stehen die Chancen?
Ich bin in einer Sammelklage, bei der zunächst geguckt wird: Wo sind die besten Chancen dafür? Emotional gesehen finde ich, dass die Bundesregierung da auch in der Verantwortung steht, durch das Handeln der BaFin. Olaf Scholz war damals Finanzminister und somit stand er der BaFin vor. Ich fand es einen ungeheuren Schlag ins Gesicht, als er im Untersuchungsausschuss im Bundestag die ersten Worte in die Kamera gerichtet hat: „Wir haben nichts falsch gemacht.“ Das war wirklich ein Schlag ins Gesicht, wo ich dachte: Mein Gott, so viele Kleinanleger, die ihre Rente, ihre Altersvorsorge, ihr hart erarbeitetes Geld da reingesteckt und verloren haben – dann zu sagen: „Wir haben nichts falsch gemacht“, das finde ich echt hart. Es zeigt sich ja jetzt mehr und mehr, dass die Bundesregierung aus juristischen Gründen da nicht mit in die Verantwortung gezogen werden kann, dass aber es eventuell Chancen gibt bei Ernst & Young. Da geht es um diesen Punkt der Fahrlässigkeit. Mittlerweile geht man davon aus, dass man unter Umständen denen sogar grobe Fahrlässigkeit bis hin zu Vorsätzlichkeit vorwerfen kann. Natürlich fände ich das sehr schön, wenn Markus Braun auch mal zahlen dürfte, aber die Summen sind ja dann ein bisschen begrenzt. Und er hat ja vermutlich auch vorher noch genug von seinen Millionen auf das Konto seiner Ehefrau transferiert, sodass man da nicht mehr drankommt.

Was erhoffen Sie sich vom Prozess in München? Wäre das für Sie ein gutes Gefühl, wenn Braun lange ins Gefängnis oder viel Geld zahlen müsste? Wie sähe eine gerechte Strafe aus?
Dass er eine lange Haftstrafe erhält und natürlich, soweit es sein Vermögen hergibt, auch Regresszahlungen leisten muss. Dass er ordentlich in die Pflicht genommen wird. Dass er auch als der Schwerverbrecher, der er ist, behandelt wird. Es gibt ja schon genügend Beispiele, wo Manager, die in dieser Größenordnung Betrug begangen haben, einfach wieder auf die Füße fallen. Das ist ein Schlag ins Gesicht der Betroffenen.

Wie hat sich Ihr Leben seither verändert? Ging es nach der Corona-Zeit wieder bergauf?
Die gesamte Branche ist noch immer voll in den Corona-Nachwehen. Ich habe jetzt gerade wieder Theater gespielt, aber wir haben das Problem, dass das Publikum nicht zurückkommt. Es gibt gerade wahnsinnig viele Theater, natürlich vor allen Dingen Privattheater, die Corona überlebt haben, zwei Jahre mit Ach und Krach, und jetzt kommt die Energiekrise dazu. Leute gehen nicht ins Theater, weil sie selber weniger Geld haben, und die Theater müssen heizen und Scheinwerfer betreiben et cetera. Und ich habe dieses Jahr erst meine Hilfen auf Bundesebene zurückzahlen müssen. Ich habe null Komma null Unterstützung vom Bund bekommen, wie viele Schauspieler auch. Ein großes Unding! Im Gegenteil, wir durften es jetzt gerade alles zurückzahlen, weil nur Betriebsausgaben darunterfielen. Wenn man nicht arbeitet, somit keine Betriebsausgaben hat und nur Miete, Essen und et cetera bezahlt – dass wir Soloselbstständige sind, hat leider damit gar nichts zu tun. Insofern kann ich nicht von einer Erholung sprechen, das hat noch nicht stattgefunden.

Von wem fühlen Sie sich dann am meisten im Stich gelassen? Wo hätten Sie sich mehr Unterstützung gewünscht?
Letztendlich tatsächlich von der Bundesregierung. Diese schützende Hand mit dem Verhalten der BaFin. Als ich vor der Entscheidung stand und dachte: „Hilfe, Hilfe, Hilfe! Oh Gott, oh Gott, diese Gerüchteküche hört sich gruselig an! Lieber raus“. Und dann kam die schützende Hand des Staates und dann hat man gesagt: „Na ja, gut, dann kann ich da ja wohl erneut vertrauen.“ Und das waren die Momente der Entscheidung. Da kann ich mich ganz genau dran erinnern. Es hieß Hop oder Top.

Was ist Ihre Botschaft nach dieser Erfahrung?
Na ja, nicht in Aktien investieren, bei denen man das Geschäftsmodell dahinter nicht versteht. Immer ein eigenes Bild machen. Wobei das in diesem Fall wirklich fast unmöglich war, durch die Vertuschung, es ist ja nicht so, dass alle Leute da blauäugig und blöd gewesen sind. Aber ich muss auch ganz klar sagen, unterm Strich finde ich: Es ist ein Armutszeugnis für Deutschland, dass jemand wie Olaf Scholz, mit der Wirecard-Nummer plus den Cum-Ex-Skandal Bundeskanzler werden kann. Und dass er bei CumEx mit „Ich kann mich nicht erinnern“ durchkommt, was seine Anwälte ihm raten. Dass er bei Wirecard  behauptet: „Ich habe alles richtig gemacht“. Ich habe jahrelang SPD gewählt. Er war Bürgermeister hier in Hamburg. Der hat mein Vertrauen aber so was von komplett verspielt. Was ich nur noch sagen kann, ist, dass diese Machenschaften hochgradig kriminell und mafiös waren. Also bis dahin, dass die Journalisten in London sich verfolgt, bedroht gefühlt haben, auf offener Straße. Da dachte man auch erst: „Ja, das haben sie sich ja alles ausgedacht, also mit Verstrickungen auf höchsten Ebenen“. Wir sprechen hier von einem Betrug gigantischen Ausmaßes. Und dass man als der kleine Mann oder die kleine Frau immer wieder mal das Gefühl hat, dass es trotzdem irgendwie ein bisschen wie ein Kavaliersdelikt behandelt wird. Zum Beispiel: Ich war bei Lehman Brothers dabei, ich habe in einen Immobilienfonds investiert, der mir als das supersicherste der Welt verkauft wurde. Dann hat sich herausgestellt, das war auch ein Betrüger, der hat das Geld veruntreut. Das war das dritte, vierte Mal, dass ich an Betrüger geraten bin. Und ich denke, wenn ich als Schauspiellehrerin meine ehemaligen Schauspielstudierenden irgendwohin empfehle, an Theater oder in den Film, und die klauen fünf Euro aus der Kaffeekasse und es machen fünf Studenten oder ehemalige Studierende, dann ist mein Ruf im Arsch, weil alle sagen werden: „Komisch, von der Regina kommen immer komische Leute.“ Und dass das auf Bankenebene und auf politischer Ebene irgendwie gar nicht diese Konsequenzen hat, dass man sagt: „Wieso kriege ich von einer Bank immer Betrüger empfohlen?“ Dann stellt sich immer heraus, das sind Kriminelle. Aber das hat keine Konsequenzen. Die Bank sagt einfach nur: „ja, Entschuldigung, die anderen haben die ja auch empfohlen. Wussten wir ja alle nicht.“ Und die Bundesregierung sagt: „Ja, ach, doof gelaufen, aber wir haben alles richtig gemacht“. Wir sprechen hier über wirklich gehobenes Klientel, und hier passiert nichts. Insofern hoffe ich auch wirklich, dass Markus Braun sowohl eine ordentliche Haftstrafe als auch eine ordentliche Geldstrafe bekommt.

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