UhrenWie eine neue Patek Philippe das Schlagwerk perfektioniert

Die „Neue“ von Patek Philippe: das Modell 6301P mit Grande und Petite Sonnerie
Die „Neue“ von Patek Philippe: das Modell 6301P mit Grande und Petite SonneriePatek Philippe

Neue Uhren vorzustellen, das gleicht in Coronazeiten dem aufwändigen Dreh eines Dokumentarfilms. Mit E-Einladung, mysteriösem Digital-Countdown und globaler Strahlkraft. Warme Holztäfelung, rasant drehende Rädchen in 4K-Nahaufnahmen, sterile Werkstattszenen, endlose Flure in der Genfer Manufaktur, stimmiger Soundtrack. Und immer wieder wenden sich Thierry Stern, Markenpräsident von Patek Philippe, seine Pressechefin Jasmina Steele und die Uhrmachermeister direkt an ihr virtuelles Publikum. Willkommen, bienvenue, welcome.

Dabei, das gehört zum „new normal“ wie zur Prä-Pandemie-Welt, hält das präsentierte Produkt nicht immer, was die fulminante Verpackung versprach. Manche Enthüllung ähnelt eher dem Gefühl, das Kinogänger (Sie erinnern sich noch an diese Entertainment-Stätten?) nach einem Sommer-Blockbuster verspüren. Die Netzhaut mit Kamerafahrten geflutet, der Magen voll mit klebrigem Popcorn und das Hirn extrem beleidigt ob des dünnen Drehbuchs und bemühter Dialoge.

Reichlich raffinierte Technik in einem mit 39 mm fast zierlichen Platingehäuse.
Reichlich raffinierte Technik in einem mit 39 mm fast zierlichen Platingehäuse.

Ganz anders bei der Web-Premiere jener Uhr aus der Reihe Grandes Complications, welche die Referenzummer 6301P trägt. Und für die Patek Philippe keine technischen Mühen scheute. Und zwar weder beim Video noch dem Modell selbst. Fast hätte man sich als Zuschauer mehr Pomp, Grandezza und „We are the Champions“ gewünscht. Das entspräche zwar nicht dem Understatement der Marke, wohl aber der klingenden Sensation, die es zu bewundern galt.

Mag die Manufaktur eher leise Töne bevorzugen, diese Uhr ist ein Paukenschlag. Erstmals kommen in dem neu entwickelten Patek-Uhrwerk (Kaliber GS 36-750 PS IRM), das 703 winzige Einzelteile umfasst, gleich zwei komplizierte Finessen zusammen: die Petite Sonnerie, die volle Stunden schlägt, und die Grande Sonnerie, die zusätzlich jede Viertelstunde einläutet. Außerdem integriert ist eine Minutenrepitition, die auf Knopfdruck mit zarten Gongschlägen informiert, welche Stunde aktuell ist, wie viele Viertelstunden nach der vollen Stunde vergangen sind und wie viele Minuten wiederum nach der jüngsten Viertelstunde. Im Modus Grande Sonnerie kommen so innerhalb eines Tages rund 1056 Schläge zusammen! Wer das nicht mag: Der „Silence“-Modus sorgt auf Wunsch für Ruhe am Handgelenk.

Das Werk der Ref. 6301P von Patek Philippe umfasst 703 Teile.
Das Werk der Ref. 6301P von Patek Philippe umfasst 703 Teile.

Die akustische Funktionen stammen allesamt aus der Zeit des 14. und 15 Jahrhunderts, als (Wand-)Uhren keine Zeiger besaßen. Nun geschrumpft auf die sparsamen Abmessungen einer Armbanduhr mit gerade einmal 39 Millimetern Durchmesser. Die nötige Energie, sowohl für den Lauf der Uhrzeit als auch das anspruchsvolle dreitönige Schlagwerk liefern gleich vier Federhäuser. Mit denen verfügt das Modell mit Handaufzug über immerhin 72 Stunden Gang- und 24 Stunden Klangreserve.

Das Design – Platingehäuse und Zifferblatt aus schwarzem Grand-Feu-Email – ist selbstbewusst schlicht und verbirgt optisch die Höchstleistungen im Inneren des Werkes. Eine Taste in der Krone ist für die Repitition zuständig, eine Wippe wählt die Art des Schlagrhythmus aus.

Nachts leuchten die Zeiger der neuen Grande Complication.
Nachts leuchten die Zeiger der neuen Grande Complication.

Dass Grande Sonnerie und Petite Sonnerie gemeinsam zum Einsatz kommen, passierte übrigens erstmals 1992. Damals stellte der legendäre Schweizer Uhrmacher Philippe Dufour seinen Geniestreich auf der Uhrenmesse „Baselworld“ vor. Zur Fabrikreife, also der Produktion von großen, weniger Handarbeit benötigten Exemplarzahlen, hat es Dufours Kniff jedoch nie geschafft. Auch die neue Patek Philippe Ref. 6301P, für die mehrere Patente angemeldet wurden, ist mit einem „Preis auf Anfrage“ eher für einen kleinen, vermögenden Kreis von Fans mechanischer Meisterwerke bestimmt.

Doch ob aus der Ferne oder am eigenen Arm bewundert, Patek Philippe bleibt mit dieser Novität stoisch den eigenen Idealen treu. In einer sich zuweilen haltlos transformierenden Welt zeugt das von unbändigem Selbstvertrauen. Keineswegs blind für das Zeitgeschehen, jedoch klug genug, demselben nicht hinterherzuhecheln.