Zeitfragen"Radfahren bedeutet für mich Entschleunigung"

Wofür würden Sie sich gerne mehr Zeit nehmen?

Für die Arbeit unserer Uhrmachermeister im Atelier. Wann immer ich dort bin, ergeben sich inspirierende Gespräche, komme ich auf neue Gedanken und erkenne andere Blickwinkel auf das, was wir tun. Doch als Verantwortlicher für gleich zwei Marken und zudem für die Koordination der Aktivitäten der gesamten Swatch Group in Osteuropa sind diese Momente eher rar gesät. Dabei hat mich die Produktion einer Uhr schon seit Kindertagen – ich bin in der Schweizer Uhrenhochburg Biel aufgewachsen – fasziniert. Jede Uhr, die ich je gekauft oder bekommen habe, ist noch in meinem Besitz.

Was bedeutet für Sie Entschleunigung?

Radfahren! Und zwar sowohl auf dem Rennrad wie auf dem Mountainbike. Ich habe bei uns daheim einige „Psycho-Strecken“, die recht lange steil bergauf führen und mich richtig fordern. Da sind Kopf und Körper vollends mit dem Treten in die Pedalen beschäftigt, sodass ich wunderbar abschalten kann.

In der Hektik des Alltags vergisst man viel zu oft…

… sich über erreichte Etappenziele zu freuen. Der Weg zum Ziel ist eben auch ein Ziel in sich, und wenn ich an die letzten zehn Jahre von Union Glashütte denke, dann haben wir etliche Meilensteine passiert, die wir hier und da vielleicht etwas bewusster, ausgiebiger hätten zelebrieren können. Stattdessen hat man meist den nächsten Fixpunkt fest im Blick und läuft weiter.

Wenn Sie eine Zeitreise machen könnten, in welches Jahr würden Sie reisen – und warum?

Am liebsten in die Anfangsjahre der Uhrmacherzunft in Glashütte, also so um die Gründungszeit unserer Marke anno 1893 herum. Es ist einfach unglaublich, was diese Handwerkskünstler und Tüftler damals geleistet haben. Man muss bedenken: Ohne Strom, ohne Computer, haben diese Meister sich bereits an etliche Komplikationen wie Mondphasen und dergleichen gewagt. Einem von ihnen damals über die Schulter gucken zu können, dafür würde ich einiges geben.

Wie sieht für Sie die Uhr der Zukunft im Jahr 2100 aus?

Unsere Philosophie ist sicherlich 2093 nicht anders als 2017, aber die technischen Möglichkeiten und verfügbaren Materialien werden sich kolossal geändert haben, das ist ganz klar. Wir haben bei Union Glashütte nie Quarzuhren oder andere Modelle mit Batterie gebaut, und ich gehe davon aus, dass wir das Erbe der reinen Mechanik auch bis in die ferne Zukunft hinein bewahren werden. Das soll nicht heißen, dass wir für Neues nicht aufgeschlossen sind, gerade moderne Designs sind wichtig. Nur können Letztere eben auch Interpretationen historischer Stücke sein.

Wofür schlägt ihr Herz: Handaufzug, Automatik, Quarz, Digital oder Smart?

Das sind komplementäre Bereiche, die alle ihre Berechtigung haben. Eine mechanische, schlichte Dreizeigeruhr ist traditionell, die Automatik-Schwungmasse eine noch immer beeindruckende Errungenschaft – und als Chef von Certina ist für mich auch die Weiterentwicklung der Quarztechnologie ein großer Ansporn. Ich vergleiche das gern mit einem Restaurantbesuch: Niemand will jeden Abend fünf Gänge, da schmeckt zwischendrin auch mal eine einfache Pizza hervorragend. Eine Smartwatch sehe ich bei uns derzeit nicht. Eine Uhr von uns trägt man ja eher für die Freude an der Uhrmacherkunst bei jedem Blick aufs Zifferblatt. Das ist ein emotionaler Kick – und die Zeitinformation ein bloßer Nebennutzen.

Welchen Tag und/oder welche Uhrzeit werden Sie nie vergessen?

Den 18. März 2008, als wir Union Glashütte offiziell als eigenständige neue Firma präsentiert haben. Da hat mir schon das Herz geklopft. Nicht aus Sorge, sondern aus Respekt vor der großen Verantwortung, die ich ja auch für meine Mitarbeiter und ihre Familien trage. Diese Einstellung gebe ich auch an meinen Sohn weiter, der ein sehr begabter Tennisspieler ist: Nie Angst vor einem Gegner haben, aber immer gesunden Respekt!

Welche Komplikation, welches Feature würden Sie gern einmal in eine Uhr integriert sehen?

Wir bieten derzeit Chronographen-Funktionen an, die hohe Gangreserve von bis zu 60 Stunden und die Mondphase. Bei unserem Jubiläumsmodell kommt nun nach langer Zeit wieder ein Handaufzug hinzu. Unsere Ingenieure sind ständig bemüht, neue Ansätze zu finden, aber da möchte ich nicht vorgreifen.

Ihr liebstes Buch mit Uhren-Bezug (egal ob Sachbuch oder Belletristik)?

Die Biographie von Nicolas G. Hayek, dem Gründer der Swatch Group, die 2005 erschien. Sein Erfolg, aus Firmen, die am Boden lagen und abgeschrieben wurden, mit Visionen und Mut wieder florierende Unternehmen unter einem Dach aufzubauen – und damit eine ganze Branche zu retten – ist einfach faszinierend. Hayeks Leistung hat gezeigt, dass man mit Innovationen und Ideen auch in Hochlohn-Ländern wie der Schweiz und Deutschland eine Produktionsindustrie erfolgreich betreiben kann.

Ihr liebster Film, bei dem es um Zeit oder Uhren geht?

Gute Dokumentationen und spannende Spielfilme über Motorradrennen. Da ich früher selber aktiver Rennfahrer war, fasziniert mich dieser Sport nach wir vor. Und die Zeitmessung in dieser Disziplin hat natürlich sehr viel mit dem Thema „Uhr“ zu tun.

Die größte Herausforderung …

…für einen Uhrmachermeister heute? Er produziert ein Objekt, das über Jahre dauerhaft funktionieren muss. Wenn man das mit dem Auto vergleicht, das muss fahren, steht aber meist über Nacht oder auch mehrere Tage am Stück auf dem Parkplatz. Der Anspruch des Kunden ist extrem hoch, trotz aller Temperaturschwankungen und Erschütterungen darf sich eine Uhr keine Unregelmäßigkeit erlauben. Das erzwingt eine ruhige Hand und fast schon übermenschliche Präzision bei der Herstellung.

…für die Uhrenbranche insgesamt? Unser Business ist sehr zyklisch. Die letzten 20 oder 30 Jahre standen für euphorisches Wachstum, oft im zweistelligen Bereich – aber immer schon mit gewissen Dellen. Und mit denen muss man als Firma rechnen und leben lernen. Bescheidenheit, eine gewisse Ehrfurcht und mit beiden Beinen am Boden zu stehen, das kann ich nur jedem Akteur raten. Keine Panik, wenn einer oder mehrere Märkte „husten“, mutig bleiben und hinter seiner Marke und seinen Mitarbeitern stehen.

…in Ihrem derzeitigen Job? Ich muss mich auf meine Leute verlassen können und von meinem Bauchgefühl und Herzen leiten lassen. So istUhrmacherei groß geworden, und zwar nicht nur in Glashütte. Solange ich wie jetzt Kollegen um mich habe, die mit unbändiger Leidenschaft und unternehmerischem Denken unser gemeinsames Ziel verfolgen, dann können wir alles erreichen. Fehler können immer passieren, und die übersteht man gemeinsam. Aber wenn das Herzblut fehlt, dann wird es schwer, Erfolg zu haben.