LuxusOliver Goessler von Montblanc: „Wir haben genügend junge Fans!“

Oliver Goessler, Montblanc
Oliver Goessler, MontblancMontblanc


Der Hamburger Oliver Goessler arbeitet seit 2000 für Montblanc, seit 2014 als Managing Director Northern Europe sowie als Mitglied des Montblanc Management Committee. Goessler, Jahrgang 1976, ist verheiratet und hat zwei Kinder.


Oliver Goessler, was ist typisch deutsch an Montblanc?

Wenn ich zurückblicke, natürlich die drei deutschen Gründer, die Montblanc einst hier in Hamburg beheimatet haben. Bis heute fertigen wir an diesem Standort mit über 1000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern edle Schreibgeräte. Auf das Heute bezogen, dann sind wir Teil einer Luxus-Holding, aber einer, die uns viel Eigenständigkeit lässt, so dass die Geschicke weiterhin maßgeblich in Hamburg bestimmt werden. Unsere historischen Wurzeln liegen nach wie vor hier, aber auch unsere Werte: Unser Bekenntnis zu Handwerkskunst und Qualität, ist hier verankert. Dem bleiben wir treu und auf unsere Produkte bleibt damals wie heute Verlass. Schnelllebige modische Trends sind nicht unser primäres Interesse. Auch das ist vielleicht in den Augen anderer ein Stück weit „deutsch“.

Was ist deutsch an Ihnen?

In jedem Fall mein Pass. Doch meine Erfahrung mit internationalen Kollegen hat mich gelehrt, dass solche Klischees, die sich um eine bestimmte Nationalität bilden, eher irreführend sind. Und nicht so oft zutreffen, wie man glaubt. Der nüchterne deutsche number cruncher gegenüber dem designverliebten Italiener und dem Aus-dem-Bauch-Entscheider aus Frankreich …

Warum kann man Füllfederhalter, Kugelschreiber und Drehbleistifte nicht in China machen?

Man kann, auch sicher qualitativ absolut hochwertig. Die Frage ist aber eher, ob wir als Montblanc es deshalb tun sollten. Und darauf sage ich klar: Nein. Ich habe kürzlich ein Spielzeug für meinen Sohn gekauft von einer bekannten deutschen Firma, die sich beste Handarbeit in Deutschland auf die Fahnen schreibt. Beim Auspacken klebte dann ein „Made in China“-Sticker auf dem Produkt. Das war dadurch nicht schlechter, aber meine Erwartung wurde nicht erfüllt, mehr noch, ein Versprechen gebrochen.

Wie wichtig sind Schreibgeräte und Uhren für das Montblanc-Ergebnis oder rücken Lederwaren und andere Produkte deutlich auf?

Etwas über 40 Prozent unseres Umsatzes tragen nach wie vor die Schreibgeräte bei. Ein starkes Wachstum legt unsere Sparte für Leder-Accessoires hin, da haben wir in den letzten Jahren auch etliche neue, innovative Linien in verjüngtem Design herausgebracht. Zudem hilft uns, dass es nicht so viele Marken auf unserem Level gibt, die stark auf die Herren ausgerichtet sind.

Gibt es einen Bereich den Montblanc aktuell noch nicht bespielt, den Sie aber gern erobern möchten?

Ich denke, wir sind bereits recht breit aufgestellt, haben Brillen, Parfüms und Schmuck sowie echte Innovationen wie unser Augmented Paper, also die Digitalisierung der Schrift mit reichlich Stil, und eine erste Smartwatch am Markt.

Was hat Sie in einem der Märkte, in denen Montblanc aktiv ist, richtig erstaunt?

Von Indien. Oder hätten Sie gedacht, dass es dort eine große Gemeinde gibt, die Schreibgeräte sammelt und sich für Sondereditionen von Montblanc extrem begeistern kann?

Macht Ihnen der Uhren-Bereich momentan Spaß?

Die letzten zwei oder drei Jahre waren definitiv keine einfache Zeit für Branche, aber ich verweigere mich einem Dauer-Pessimismus. Wir sind ganz gut durch diese Krise durchgekommen, mit neuen Ideen, mit bester Qualität, mit Leidenschaft. Zugleich hat uns der Produktmix etwas gelassener gemacht als andere reine Uhrenmarken. Und ich kann versprechen, dass wir auch 2019 innovativ und erfolgreich sein werden.

Wie viel Innovations-Spielraum sehen Sie noch im Urprodukt, dem Füllfederhalter?

Durch neue Technologien und Materialien sowie use cases können wir uns sicherlich auf einige neue Ansätze auch beim Füllhalter oder anderen Schreibgeräten freuen. Gleichzeitig bieten wir dem von omnipräsenter Disruption überforderten Kunden aber auch das „Neue im Vertrauten“ an. Eine Möglichkeit, sich unser Montblanc Meisterstück, das man vielleicht zum Abitur oder einem Geburtstag bekam, auch heute noch wieder zu kaufen oder selbst zu verschenken. Gerade im Zeitalter der Digitalisierung das sinnliche Erlebnis namens Handschrift zu entdecken, die emotionale Seite der Korrespondenz fern der überfüllten Inbox, das ist ein nicht zu unterschätzendes Angebot!

Würden die sagen, dass sich die Alters-Demografie Ihrer Kunden verändert?

Oft fragt man mich, ob wir denn genügend junge Kunden anziehen, bei den Millennials eine Relevanz hätten. Da antworte ich gern, dass es unser Meisterstück bereits seit rund 90 Jahren gibt, also über etliche Generationen, die immer als Youngster erstmals von Montblanc erfuhren. Sonst gäbe es diese Marke schon längst nicht mehr. Unser Altersmix ist sehr divers und junge Fans haben wir weltweit, selbst für unsere limitierten Serien begeistern sich die Twentysomethings.

Wie schreiben Ihre Kinder?

Die wachsen natürlich wie ihre Altersgenossen mit Smartphones und iPads auf, klar. Und wir zwingen sie nicht zu einer Stunde Schönschrift pro Tag, denn zum Glück wird in ihren Schulen noch mit Füllhalter geschrieben und meine Tochter schreibt sogar richtig gern Briefe.

Der schönste Brief, den Sie jemals bekamen?

Da gibt es gleich mehrere, beispielsweise Briefe meiner Frau an mich aus der Anfangszeit unserer Beziehung. Ich besitze auch noch das Tagebuch meines Großvaters, was ich phänomenal finde. Hochspannend. Ich selbst notiere meine Gedanken nicht mehr täglich, dabei wäre das eine tolle Hinterlassenschaft für Kinder und Enkel, wie ich selbst beim Lesen von Opas Einträgen merke. Denn persönlicher gehts fast nicht.

Die schönste Anekdote von Kunden?

Die beeindruckendste Geschichte war ein Kunde, der uns schrieb, dass ihm seine Aktentasche samt Terminkalender und Füllhalter von Montblanc in einen Fluss gefallen wäre. Das Schreibgerät war auch noch ein Geschenk seiner verstorbenen Frau … Sein Besitz konnte später gerettet werden, mit dem Resultat, dass alles hinüber war bis auf den Organizer und den Füller. Letzterer musste nur einmal gespült werden und funktionierte sofort wieder einwandfrei.