ModeEcoalf-Gründer: „Die Mode muss ihr Geschäftsmodell komplett ändern“

Javier Goyeneche gründete 2012 das nachhaltige Modelabel Ecoalf.
Javier Goyeneche gründete 2012 das nachhaltige Modelabel Ecoalf.PR

Wenn der Umsatz eines Unternehmens mitten in der größten Krise um stolze 74 Prozent wächst, macht es entweder sehr viel richtig oder es hat den Zeitgeist-Jackpot geknackt, trifft also gleichermaßen das Lebensgefühl und die Konsumwünsche einer großen Kundenzahl. Für die spanische Modemarke Ecoalf, 2012 von Javier Goyeneche gegründet, stimmt wohl beides. Zudem ist das beachtliche Ergebnis eine Bestätigung einer von Beginn an konsequent auf Nachhaltigkeit zentrierten Strategie. Ein Über-Nacht-Erfolg, auf den Goyeneche und sein Team in Wahrheit seit über neun Jahre hingearbeitet haben. Motiviert von dem einprägsamen Slogan, der auf T-Shirts und Taschen von Ecoalf prangt: „Because there is no Planet B“.

Für die nahe Zukunft hat der CEO ehrgeizige Pläne: Ecoalf soll „eines der führenden Unternehmen für nachhaltigen Lifestyle werden“. Die Eröffnung eines mehrstöckigen Flagschiff-Geschäftes in Madrid – auf 350 Quadratmetern eines Prunkbaus des späten 19. Jahrhunderts – ist dabei nur der Auftakt der ehrgeizigen Expansionsbestrebungen. Zudem stärken immer neue Produktkategorien wie Schuhe, Yoga-Bekleidung und Reise-Equipment das Angebot, eine eigene Möbelkollektion steht ebenfalls auf der Agenda.

Im Interview blickt Javier Goyeneche zurück auf die Anfänge von Ecoalf und erläutert, warum die Modeindustrie bei ihrem Bemühen um bessere Umwelt- und Sozialverträglichkeit dringend Vollgas geben muss.

Was war der Impuls für die Gründung von Ecoalf im Jahr 2012?

Sowohl der Name wie auch das Konzept der Marke fielen mir nach der Geburt meiner Söhne Alfredo und Alvaro ein. Ich dachte über die Welt nach, die ich ihnen einmal hinterlassen würde, und entschied, dass ich eine wirklich nachhaltige Modemarke starten wollte. Im Kern ging es darum, die natürlichen Ressourcen nicht länger mit Füßen zu treten, um sie der nächsten Generation vererben zu können.

Was ist vielen Menschen beim Thema „Mode und Nachhaltigkeit“ noch immer zu wenig bewusst?

Unsere Branche ist eine der größten Konsumgüterindustrien überhaupt und belegt beim negativen Einfluss auf unsere Natur mal den zweiten, mal den dritten Platz. Um diese Situation zu verändern, braucht es weit mehr als einzelne Teile oder kleine Kollektionen aus recycelten Materialien. Es geht darum, das darunterliegende Geschäftsmodell komplett zu ändern.

Was bedeutet das genau?

Wir müssen weniger konsumieren und Dinge von höherer Qualität kaufen: langlebige Stücke mit zeitlosem Design und möglichst langem Lebenszyklus. Außerdem muss der Branche eine echte Kreislaufwirtschaft gelingen: Aus jedem gebrauchten Kleidungsstück sollte durch Sammlung und Wiederverwertung ein neues werden. Diese Entwicklung voranzutreiben, das steht auf meiner To-do-Liste ganz oben.

Worauf sollte man beim Einkaufen achten?

Ich glaube, dass das Vertrauen entscheidend ist. Viele Menschen möchten Marken unterstützen, deren Werte sie teilen. Sie wollen dabei aber das Gefühl haben, dass Transparenz herrscht bei allen Informationen zum Produkt, dessen Rückverfolgbarkeit durch die Liefer- und Wertschöpfungskette, bei den Selbstverpflichtungen – und auch beim sozialen wie finanziellen Fußabdruck des Unternehmens.

Wie gelingt das?

Wir versuchen, mit gutem Beispiel voranzugehen, in dem jedes Kleidungsstück durch unabhängige Experten auf seine CO2-Emissionen, den Wasserverbrauch, die Ressourcennutzung und den Einsatz nicht nachwachsender Rohstoffe geprüft wird. Außerdem sind wir durch die B Corp-Zertifizierung angehalten, die Auswirkungen unseres Tuns auf Mitarbeiter, Kunden und Lieferanten, auf die Gesellschaft sowie die Umwelt zu berücksichtigen. Nur wer solche Hintergründe kennt, kann als Modekäufer und -Unternehmer fundierte, mündige Entscheidungen treffen.

Wie „grün“ ist Ihre eigene Garderobe?

Ich trage fast ständig drei Dinge. Da wäre zunächst ein Rucksack unserer Kollektion, der aus recycelten Plastikflaschen besteht, und den ich überall hin mitschleppe. Da steckt quasi mein ganzes Leben drin. Dann der lange „Iceberg“-Mantel aus recyceltem Nylonabfall – und die „Sia“-Sneaker. Beides ebenfalls Designs von Ecoalf. Die Außensohle der Schuhe besteht übrigens zu etwa 30 Prozent aus Algen und als Obermaterial kommt unser „Ocean Yarn“ zum Einsatz, ein Garn, das wir aus vom Meeresboden gesammelten Plastikflaschen gewinnen. Es wird nach einem besonders cleveren Verfahren zu Stoff verstrickt, um Reste zu vermeiden.

Klingt wirklich extrem nachhaltig.

Absolut. Wir haben gerade eine Ökobilanz dazu erhalten, die bestätigt, dass unsere Sneaker einen der kleinsten CO2-Fußabdrücke auf dem Markt haben. Statt üblicher 13,6 Kilogramm konnten wir das CO2-Äquivalent ihrer Emissionen auf 4,58 kg reduzieren!