UhrenkompassDie Zeitmaschinen

Audemars Piquet
Audemars Piquet: Jede Uhr, die die Manufaktur verlässt wird registriert
© Audemars Piguet

Es gibt Orte, die möchte man einpacken und mit nach Hause nehmen, um sie dort wegzuschließen und vor dem Wandel der Zeit zu bewahren. An einem solchen Ort arbeiten Angelo Manzoni, der Italiener, und Francisco Pasandin, der Spanier. Ein Atelier, holzgetäfelt, Tische voll feiner Werkzeuge, Schränke voll alter Schätze. Der Blick durch die Fenster geht auf ein Tal, in dem seit Jahren vor allem zwei Geräusche Bestand haben: das Bimmeln der Kuhglocken und das Schlagen der Uhren.

Und wenn Angelo und Francisco von ihrer Arbeit erzählen, in weißen Kitteln und mit leuchtenden Augen, dann möchte man sie gleich mit einpacken: wegen ihrer Ruhe, ihres Eifers und ihrer Leidenschaft, mit der sie tagaus, tagein Uhren reparieren.

Denn das ist die Aufgabe der beiden Uhrmacher: Sie bauen keine Uhren mehr, sondern reparieren und restaurieren sie, und zwar im Prinzip alle, die Audemars Piguet in den fast 140 vergangenen Jahren hergestellt hat. Goldene Taschenuhren mit zerbrochenem Glas, Damenarmbanduhren von 1916, kostbare Herrenuhren, die irgendwelche Juweliere verhunzt haben. „Für meine Arbeit brauche ich nur zwei Sachen: Geduld und Begeisterung“, sagt Francisco, und auf Französisch klingt es viel lautmalerischer: „patience et passion“.

Ersatzteile
Kisten mit Ersatzteilen, um auch alte Uhren reparieren zu können
© Audemars Piguet

Le Brassus heißt das Städtchen, in dem Audemars Piguet seine Heimat hat, es liegt im Vallée de Joux, einem abgeschiedenen Hochtal im Schweizer Jura, eine Stunde nördlich von Genf. Eine kurvige Straße führt hin, Fichtenwälder stehen Spalier, satte Wiesen leuchten, umsäumt von flachen Steinmauern; und dann öffnet sich plötzlich das Tal mit dem Lac de Joux. Hier, in der Einsamkeit, wo die Sommer kurz und die Winter lang sind, lebten die Bauern einst von ihrem Vieh und dem, was der karge Boden hergab. Man nannte sie „Combiers“ nach den vielen combes, den Schluchten, und es waren tüchtige Leute, die im Winter Eis aus dem See sägten und bis ins Hotel Ritz nach Paris verkauften.

Und noch etwas machten die Combiers in den dunklen Stunden des Winters: Sie bauten Uhren. Erst Turmuhren, dann Taschenuhren, und heute sitzen im Vallée de Joux mit die größten Namen der Branche: Vacheron Constantin, Jaeger LeCoultre, Breguet – und eben Audemars Piguet. Gegründet 1875 von Jules-Louis Audemars und seinem Freund Edward-Auguste Piguet und heute noch immer in Familienhand.

Wer über den Mythos, der die Uhrenbranche umweht, den sie pflegt und in immer neuen Modellen, Mechaniken und Manufakturen inszeniert, etwas wissen will, muss in dieses Tal fahren, das seit Jahrhunderten von der Zeitmessung lebt. Denn diese Abgeschiedenheit ist schon Teil der Erzählung der Manufaktur, egal ob sie im Osterzgebirge zu suchen ist, wie im 19. Jahrhundert im Schwarzwald – oder eben im Schweizer Jura.

Beinahe die ganze Uhr

Manufaktur. Vom lateinischen „manus“, die Hand, und „facere“, erbauen, herstellen. Der Begriff ist das Zauberwort einer Branche, die seit Jahren viel Geld mit mechanischen Uhren verdient. Käufer und Sammler legen Tausende Euro extra für eine echte Manufakturuhr hin, für Händler ist es das Schlagwort beim Verkauf. Sogar ein kleiner Manufakturtourismus hat sich etabliert, für Kenner und Kunden; Manufakturen werden besichtigt, wie Schatzkammern und Stätten einer Epoche, die sich dem Fließband und Wegwerfwahn entzieht. Dort sitzen hinter Scheiben Männer und Frauen, Lupen in Augen geklemmt, gebeugt, still, konzentriert, scheinbar entkoppelt vom tosenden Fluss unserer Zeit.

Dazu muss man wissen: Der Boom der mechanischen Uhren ist, auch wenn er schon einige Zeit anhält, nicht selbstverständlich. In den Siebzigern wütete die „Quarzkrise“ in der Branche, die neue Technik aus Japan machte die Uhren billig und die Mechanik scheinbar überflüssig.

Von 90.000 Jobs in der Schweiz verschwanden 60.000 Erst in den 80er-Jahren setzte eine zarte Renaissance ein, und seitdem gibt es nur die normalen Dellen und Krisen der Konjunktur, wie 2001 nach dem 11. September oder 2008 nach dem Ende von Lehman Brothers. Aber keine Krise nagte mehr an der Existenz der Branche, die von einem Rekord zum nächsten jagt und ihre Produkte auf den Messen in Basel und Genf auf Ständen präsentiert, die kleinen Tempeln oder Palästen gleichen. Die kleine Kehrseite des Manufakturenbooms ist, so klagt auch manch Uhrmacher, dass das Wort recht inflationär gebraucht wird. Wie unterscheiden sich Marken noch, wenn immer mehr Manufakturen auftauchen – oder Firmen sich so nennen? Was steckt wirklich hinter dem Mythos?

Die Definition von Manufaktur klingt zunächst ganz einfach: eine Fabrik, die „beinahe die ganze Uhr“ herstellt – so umschreibt es der Verband der Schweizerischen Uhrenindustrie. Nur: Was heißt „beinahe“?

Längst hat sich eine weitere Definition verselbstständigt. Als Manufaktur darf sich bezeichnen, wer das Werk sowie wesentliche Teile selbst entwickelt und herstellt. Das trifft auf viele renommierte Marken zu, auf andere hingegen nicht. Hochwertige Uhren lassen sich auch bauen, wenn man den Großteil der mechanischen Bauteile einkauft und sich auf die Gestaltung und Veredelung konzentriert, etwa durch besonderen Schliff oder das Einsetzen von Edelsteinen. So haben es viele Hersteller jahrzehntelang praktiziert. Um sich heute Manufaktur zu nennen, muss eine Marke eine gewisse Fertigungstiefe aufweisen. Aber Manufaktur heißt noch mehr.

Audemars Piquet
Ein Ort voller Ruhe und Konzentration: die holzgetäfelte Reparaturwerkstatt von Audemars Piguet
© Audemars Piguet
Audemars Piguet
Die Restauration der Uhren ist mühevolle Handarbeit
© Audemars Piguet

„Die Menschen sind fasziniert zu sehen, dass eine so kleine Welt so lange funktioniert“, sagt Francisco, der Uhrmacher in Le Brassus. Aber manchmal geht auch sie kaputt. Er hält eine goldene Taschenuhr in der Hand, das Gehäuse ist aus Naturkristall, sie ist runtergefallen. Wenn eine Uhr eingeschickt wird, suchen Francisco und Antonio als Erstes nach der Seriennummer. Denn Audemars Piguet registriert jede Uhr, die das Haus verlässt: In kunstvoller Schrift sind die Modelle mit Nummer verzeichnet; die Bücher stehen verschlossen in einem feuerfesten Schrank im zweiten Stock des Museums. Die erste Uhr trägt die Nummer 2000 (weil die ersten Jahre fehlen), und auch heute noch wird per Hand jede Uhr hier eingetragen, man ist bei über 800.000.

Manufaktur, das ist also auch Geschichte, Herkunft, Wissen, das bewahrt wird. Wenn eine Uhr nun repariert werden soll, weiß Audemars sofort, wann sie produziert wurde, wer sie kaufte – und kann vor allem die Ersatzteile anfertigen.

In seinem Atelier öffnet Angelo einen grauen Sicherheitsschrank. Kleine Holzkästen stehen darin gestapelt, mit vergilbten Inschriften: „SMV No. 5“, „Fournitures SVF 5 Serie A.P.“ oder „Pierres à Sertir“. In den Kästen: kleine Fächer mit Zahnrädern, Schrauben, Federn. Als die Quarzkrise wütete, wollte man diese Kästen eigentlich alle wegschmeißen. Die brauchen wir nicht mehr, sagte man, keiner will mehr mechanische Uhren. Aber ein weitsichtiger Uhrmacher sagte: Nein, ich lagere alles in meinem Atelier ein, wer weiß, wofür es noch gut ist.

Heute ist dieser Schrank eine Schatzgrube, denn Audemars hat so für jedes Modell die Vorlagen für Ersatzteile. Und wenn eine Uhr kommt, schnappen sich Angelo und Francisco ihre Bleistifte und zeichnen, wie die Uhr wieder aussehen wird. Alles ist Handarbeit, die neuen Federn, der Schliff mit Diamantpulver, die Politur mit Zink, die Feinarbeit mit Stangen, die aus Enzianstängeln bestehen. „Es ist faszinierend, einer kaputten Uhr wieder Leben einzuhauchen“, sagt Francisco. Rund 100 Uhren rekonstruieren sie hier pro Jahr, arbeiten oft Dutzende Stunden pro Einzelstück, und mit jeder Uhr lernen sie etwas Neues: „Wir bleiben ein Leben lang Lehrlinge.“