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Frank Arnold Wie nutzt man die Kraft der Disziplin?

Frank Arnold
Frank Arnold
© PR
Von einem der bedeutendsten Schriftsteller und Träger des Literaturnobelpreises können wir etwas über eine Tugend lernen, die beim Thema Leistung viel zu wenig Beachtung findet: Disziplin

Der Fortschritt in Mini-Schritten wird unterschätzt: Thomas Mann (1875–1955) legte eine Arbeitsdisziplin an den Tag, deren Systematik und Ergebnisse eine Führungskraft doch stutzig machen müssen: Jeden Tag schrieb er von neun bis zwölf Uhr an seinem jeweiligen Roman; wenn es gut ging, brachte er dabei eine Seite, höchstens anderthalb zu Papier. Dies tat er immer, wo er auch war. Als England und Frankreich am 3. September 1939 dem Deutschen Reich den Krieg erklärten, war er auf einer Reise durch Schweden und notierte in sein Tagebuch: „Ich schreib meine Seite wie gewohnt“.

Als er 1941 von Princeton nach Kalifornien umzog, räumten die Möbelpacker seine Wohnung, während er im Schlafzimmer „wie gewohnt“ an seiner Seite schrieb. Über ein Jahr hinweg entstanden auf diese Weise 400 Seiten, in drei Jahren war daraus ein umfassender Roman geworden.

Anerkennung erfolgt oft erst Jahre später – oder Jahrzehnte

Bereits sein erster Roman „Buddenbrooks: Verfall einer Familie“ von 1901 machte Thomas Mann weltberühmt. Die psychologischen Novellen „Tonio Kröger“ von 1903 und „Der Tod in Venedig“ von 1912 hatten ebenfalls großen Erfolg. Ganze elf Jahre arbeitete er an seinem Meisterwerk „Der Zauberberg“, der 1924 erschien. 1929 erhielt er schließlich mit einiger Verspätung den Literaturnobelpreis für seine Buddenbrooks.

Thomas Mann beim Schreiben mit einer Zigarette in der Hand
Thomas Mann schrieb mindestens eine Seite pro Tag
© IMAGO / Everett Collection

Natürlich kannst du nicht lernen, so zu schreiben wie ein Nobelpreisträger. Ebenso wenig kannst du lernen, wie Michelangelo oder Adolph von Menzel zu malen oder wie Ludwig van Beethoven zu komponieren. Aber von deren Systematik kannst du viel lernen:

Systematik ist der Schlüssel des Erfolgs

Michelangelo arbeitete sieben Jahre lang am „Jüngsten Gericht“, dem 19 Meter hohen Fresko an der Altarwand der Sixtinischen Kapelle. Menzel verbrachte für sein Meisterstück Das „Eisenwalzwerk“ wochenlang von früh bis spät Zeit in einem solchen und fertigte Skizzen an. Beethoven hinterließ mehr als 5000 Seiten in Skizzenbüchern, ein beeindruckendes Zeugnis der Akribie, mit der er bis ins letzte Detail an seinen Werken schliff, Schritt für Schritt.

Doch Thomas Mann zeigte nicht nur eine perfektionistische Zeitdisziplin, sondern auch eine ganz präzise inhaltliche und konzeptionelle Disziplin: Keine Idee ging verloren!

Keine Idee geht verloren

Die Idee zu seinem Künstlerroman „Doktor Faustus. Das Leben des deutschen Tonsetzers Adrian Leverkühn, erzählt von einem Freunde“ kam ihm bereits 1901, mit dem Grundgedanken, den Stoff der Faust-Sage auf moderne Verhältnisse zu übertragen. Mehr als 40 Jahre später griff er diese Idee wieder auf und veröffentlichte seinen Roman 1947.

Der heiter-ironische Schelmenroman „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“ hat ebenfalls eine bemerkenswerte Entstehungsgeschichte: Thomas Mann begann das Werk 1910, unterbrach es aber zugunsten der Novelle „Der Tod in Venedig“.

Gute Ideen reifen über Jahrzehnte – das muss man sich trauen

Den ersten Teil veröffentlichte er 1922, den zweiten 1937, und erst von 1951 bis 1954 vollendete er das Buch. Auf eine Fortsetzung des abrupt endenden Romans deuten der Untertitel „Der Memoiren erster Teil“ sowie ein in seinen Unterlagen gefundenes Notizblatt mit dem Kurzinhalt der noch zu verfassenden vier Teile hin. Ein Jahr später verstarb Thomas Mann im Alter von 80 Jahren.

Ein „Monument der Beharrlichkeit“

Seine Disziplin war ihm selbst sehr wohl bewusst, so nannte er sein mit 2000 Seiten umfangreichstes Werk „Joseph und seine Brüder“ am Tag der Fertigstellung „ein Monument der Beharrlichkeit“. Er schrieb die Tetralogie über den Zeitraum von 1926 bis 1942.

Selbst für ein Genie ist es eben nur scheinbar leicht, Großes zu vollbringen. Und so schrieb auch Schiller an Goethe: „Wüssten es nur die allzeit fertigen Urteiler und die leichtfertigen Dilettanten, was es kostet, ein ordentliches Werk zu erzeugen.“

„… das am meisten unterschätzte Element für Erfolg“

Erlaube mir abschließend eine persönliche Anekdote: Nach einem meiner Vorträge zum Thema Führung kam einmal ein älterer Herr auf mich zu und sagte: „Sie sprachen über Disziplin, das hat mir sehr gut gefallen. Es ist vielleicht das am meisten unterschätzte Element für Erfolg.“ Später fand ich heraus, dass der Herr vor rund 50 Jahren als Unternehmer mit rund einem Dutzend Mitarbeiter startete – heute beschäftigt der weltweit tätige Konzern viele, viele Tausend Menschen …

Denkanstoß für heute:

  • Welchen Stellenwert hat die Disziplin bei dir?
  • Was könnest du in den nächsten drei Monaten konkret tun, um auf ein wichtiges Thema hinzuarbeiten?

Dr. Frank Arnold ist Bestsellerautor sowie Berater für Unternehmens- und Führungskräfteentwicklung. Arnold beschäftigt sich seit über 20 Jahren mit der Frage: Was ist gute Führung? Seine gleichnamige Kolumne erscheint wöchentlich an dieser Stelle und kann auch als Newsletter abonniert werden. Von Frank Arnold erschien bei Capital bereits die Artikelserie „Mein bester Rat“.


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