GastbeitragWie man mit narzisstischen Chefs klarkommt

Eine Gruppe von Menschen applaudiert einem Mann in einem grauen Anzug, der mit den Armen gestikuliert
Auch unter Managern ist Narzissmus verbreitetGetty Images

Narzissten scheinen wie Pilze aus dem Boden zu schießen. Jede neue Wahl bringt wieder einen Menschen in eine Führungsposition, der mit seinem narzisstischen Auftreten alle um den Finger wickelt. Es stellt sich die Frage, was narzisstische Personen so attraktiv macht, dass sie häufig in Machtpositionen zu finden sind?

Eine narzisstische Führungsperson verspricht Erfolg für Parteien und Unternehmen, da sie in der Regel mutige Entscheidungen trifft, mit ihren Visionen die Anhänger und Mitarbeiter motiviert und die Organisation nach außen überzeugend repräsentiert. Sie geht beherzt voran und zieht alle mit. Ihr selbstbewusstes Auftreten steht für Erfolg, Beliebtheit und Größe. Besonders in einer Zeit, in der der Schein oft mehr gilt als das Sein, sind Glanz, Applaus und Macht hohe Werte. Wir schließen uns bewunderten Menschen gerne an, weil deren Schein auch auf uns zurückfällt und unseren eigenen Selbstwert stärkt. Dabei übersehen wir, dass es gar nicht um uns oder die Organisation geht, sondern nur um den Gewinn, den der narzisstische Mensch aus seiner Position zieht.

Narzisstische Verführung

Buchcover: Narzissmus, Verführung und MachtWas aber macht uns so anfällig für die narzisstischen Verführungskünste? Es ist unser eigener Narzissmus beziehungsweise es sind unsere nicht erfüllten narzisstischen Bedürfnisse nach Beachtung, Würdigung, Gehört und Gesehen werden. Wer uns überzeugend verspricht, uns ernst zu nehmen, für uns einzutreten, uns Jobs und die Beteiligung am gesellschaftlichen Wohlstand zu geben, der ist „unser Mann“, so wie Donald Trump für die frustrierten Industriearbeiter im Rust Belt. Wer uns das Gefühl gibt, für unsere Anliegen zu kämpfen und auf unserer Seite zu stehen, dem vertrauen wir. Dabei übersehen wir, dass die meisten Versprechen von narzisstischen Führungspersonen nur sehr selten gehalten werden und wir am Ende mit leeren Händen und gedemütigt da stehen.

Denn Narzissmus hat auch Schattenseiten wie Machtmissbrauch, Destruktivität, den Hang zum Autoritären, zur Kontrolle und Manipulation. Diese negativen Auswüchse sehen wir meist zu spät, wenn wir uns schon längst auf den Verführer eingelassen haben. Nicht selten stoßen wir nach einiger Zeit oder erst nach Jahren auf einen Betrug der hinter unserem Rücken begangen wurde oder decken Lügen auf, die die Wahrheit zu alternativen Fakten macht. Aber nicht nur das, wir leiden auch unter unberechenbaren Wutausbrüchen und massiven Kränkungsreaktionen des narzisstischen Chefs, wenn Dinge (inklusive Menschen) nicht so laufen, wie er es sich vorstellt. Auch durch Entwertungen und Misstrauen schwächt er unsere Arbeitsmotivation und schädigt unser Selbstwertgefühl.

Was können wir tun?

Was können wir tun, wenn wir es endlich merken? Das Beste wäre, den Kontakt zu beenden und sich abzuwenden, doch das geht nur in seltenen Fällen, weil wir den Politiker für mindestens vier Jahre gewählt haben oder unseren Job nicht einfach aufgeben beziehungsweise den Chef nicht entlassen können. Stattdessen unterwerfen wir uns in der Hoffnung auf bessere Zeiten. Wir müssen uns jedoch klar machen, dass wir weder den narzisstischen Chef geschweige denn einen Politiker verändern können. Damit uns diese Misere nicht seelisch und körperlich krank macht, müssen wir aktiv für uns sorgen.

Das erste ist, sich im seelischen Erleben so unabhängig wie möglich zu machen, auch wenn eine materielle Abhängigkeit besteht. Wenn wir beispielsweise wissen, welche narzisstischen Bedürfnisse der Chef für uns erfüllen soll, können wir ihre Befriedigung woanders suchen und müssen uns nicht weiter seiner Macht ausliefern. Wertschätzung von ihm zu erhoffen ist ebenso unwahrscheinlich wie eine offene und emotional tragende Beziehung zueinander. Wir sollten bei überschwänglichem Lob misstrauisch werden, es könnte ein Manipulationsversuch sein, um uns auszubeuten. Ehrlich gemeint ist es eh nicht. Je autonomer und selbstbestimmter wir auftreten und für uns einstehen, umso besser können wir unsere Arbeit und unser Leben nach unseren Vorstellungen und Wertmaßstäben ausrichten. Das aber bedeutet, Verantwortung zu übernehmen und nachzudenken, statt sich manipulieren zu lassen und lauten politischen Parolen und leeren Versprechungen hinterher zu rennen.

Es wäre schön, wenn wir sensibler für narzisstische Prozesse werden und sie leichter identifizieren könnten, um ihnen dadurch rechtzeitig Widerstand entgegen zu bringen. Denn verführerisch, wie Narzissten sind, wickeln sie uns um den Finger, und wir lassen es zu, weil wir verführbar sind.