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Arbeiten im Krieg Zusammenhalt über den Firmenchat

Bogdana Nagaliuk steht im Büro von Evana am Fenster
Bogdana Nagaliuk ist aus der Ukraine geflüchtet
© Miriam Stanke
Die ukrainische KI-Expertin Bogdana Nagaliuk ist mit ihrem halben Team nach Deutschland geflohen. Hier berichtet sie regelmäßig über ihren Alltag. Diesmal: die besondere Rolle des Firmenchats

Bogdana Nagaliuk leitet seit sechs Jahren die ukrainische Tochtergesellschaft des deutschen Start-ups Evana. Es hilft Unternehmen aus der Immobilienwirtschaft, mittels KI ihre Unterlagen zu sortieren und auszuwerten. Rund 100 Menschen sind bei Evana beschäftigt – und vor Beginn des Krieges fast die Hälfte davon in Kiew. Sie trainieren den Algorithmus der künstlichen Intelligenz. Unmittelbar nach Ausbruch des Krieges ist sie mit ihrer dreijährigen Tochter nach Deutschland geflohen.

In unserem Leben vor dem Krieg hatten wir ein schönes Büro in Kiew, dort saßen wir zusammen und haben quasi automatisch mitbekommen, was im Leben der anderen los war. Wenn ein Kind Geburtstag hatte zum Beispiel oder wenn jemand aus der Familie erkrankte. Jetzt sind wir über zwei Länder verteilt, Deutschland und die Ukraine. Dabei ist der Firmenchat zu unserer wichtigsten Verbindung geworden. Er hält uns zusammen.

Früher ging es dort fast ausschließlich um berufliche Themen, wie wir Dokumente bearbeiten sollten oder um die Kategorien in unserem Datenmodell. Nun schreiben wir uns auch viele private Nachrichten. Und ich verspüre ich den Wunsch, die anderen zu fragen, wie es ihnen geht. Vor allem diejenigen, die in der Ukraine geblieben sind. Wir telefonieren auch öfter als früher.

Eine Kollegin in Kiew, zu der ich vorher keinen so engen Kontakt hatte, habe ich einfach angeschrieben, um zu hören, wie sie zurechtkommt. Sie hat viel erzählt: Ihr Mann hatte einige Wochen vor Kriegsbeginn einen Schlaganfall und die Situation war sehr schwierig für sie. Er konnte nach dem Schlaganfall nicht mehr gut laufen und es war sehr mühsam und stressig, bei Bombenalarm immer wieder in den Bunker und später wieder hinauf gehen zu müssen.

Also haben sie beschlossen, erst einmal dauerhaft im Bunker zu bleiben – was natürlich auch furchtbar war. Sie sind dann für eine Weile in eine ruhigere Gegend in den Bergen der Westukraine gezogen. Dabei haben wir sie mit etwas Geld unterstützt und dafür gesorgt, dass sie dort eine gute Internetverbindung bekommen. Zum Glück hat der Mann sich etwas erholt. Er hat zwar noch Sprachprobleme, kann aber wieder besser laufen und sie sind nach Kiew zurückgekehrt. Von dort arbeitet unsere Kollegin mit, so gut sie es in dieser Situation kann.

Auch zu einer anderen Kollegin, die sich in einem besetzten Dorf westlich von Kiew wochenlang im Haus ihrer Mutter vor russischen Soldaten versteckt hielt, habe ich erst im Krieg ein engeres Verhältnis aufgebaut. Sie war früher sehr introvertiert und wollte wenig Kontakt zu uns anderen. Durch die schrecklichen Erfahrungen, die sie gemacht hat, hat sie sich geöffnet und mit einer Kollegin angefreundet. Das ist etwas sehr Schönes für mich. Zu sehen, wie sich im Team echte Freundschaften bilden. Es ist so wichtig, dass wir uns in dieser schwierigen Zeit gegenseitig unterstützen.

Für die Kolleginnen, die aus der Ukraine nach Saarbrücken geflohen sind, haben wir im Chat einen eigenen Kanal angelegt. Dort es geht es auch viel um praktische Dinge wie Anträge für die Arbeitserlaubnis in Deutschland. In den letzten Wochen haben wir hier außerdem schon mehrere Firmenfeiern organisiert, damit sich das Team aus der Ukraine und das aus Deutschland besser kennen lernen. Das hat sehr geholfen. Seitdem wir uns länger persönlich begegnet sind, fällt es viel leichter, auch die deutschen Kollegen anzuschreiben und anzurufen. Die Hemmschwelle ist weg.

So lernen wir unsere Kollegen in Deutschland immer besser kennen und bleiben zugleich mit denen in der Ukraine in engem Kontakt. Ihnen schreibe ich eine Nachricht in veränderter Form immer wieder: Ich danke ihnen für ihre Arbeit – und erinnere sie daran, dass ihre Sicherheit das Allerwichtigste ist. Aber natürlich tauschen wir uns unter uns Ukrainerinnen im Chat auch über Schönes und Lustiges aus: Wir haben zum Beispiel einen speziellen Geburtstagskanal. Dort sammeln wir Geld für Geschenke, posten Glückwünsche und Witze. Ein Wunsch, den wir zu jedem Geburtstag schreiben, ist immer derselbe. Es ist ein ukrainisches Sprichwort, übersetzt heißt es: Friedlicher Himmel über unseren Köpfen. Denn das ist es, was wir uns alle am meisten wünschen: dass wir unsere nächsten Geburtstage in Frieden feiern können.

Protokoll: Katja Michel

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