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Arbeiten im Krieg Wie eine deutsch-ukrainische Firma ihren Arbeitsalltag aufrechterhält

Bogdana Nagaliuk steht im Büro von Evana am Fenster
Bogdana Nagaliuk ist aus der Ukraine geflüchtet
© Miriam Stanke
Die Ukrainerin Bogdana Nagaliuk ist Expertin für künstliche Intelligenz. Mit einem guten Dutzend Kolleginnen und ihrer dreijährigen Tochter ist sie nach Saarbrücken geflohen. Nun arbeitet die eine Hälfte des Teams aus dem Saarland – und die andere aus der Ukraine

Bogdana Nagaliuk leitet seit sechs Jahren die ukrainische Tochtergesellschaft des deutschen Start-ups Evana. Es hilft Unternehmen aus der Immobilienwirtschaft, mittels KI ihre Unterlagen zu sortieren und auszuwerten. Rund 100 Menschen sind bei Evana beschäftigt – und vor Beginn des Krieges fast die Hälfte davon in Kiew. Sie trainieren den Algorithmus der künstlichen Intelligenz. Unmittelbar nach Ausbruch des Krieges ist sie mit ihrer dreijährigen Tochter nach Deutschland geflohen.

Mein Tag hat mit einer guten Nachricht begonnen: Ich habe erfahren, dass ich nicht in die Ukraine fahren muss. Eigentlich stand eine solche Reise an, weil ich mich um Eintragungen in das ukrainische Handelsregister kümmern und beglaubigte Unterlagen einreichen sollte. Doch wegen des Krieges hat unser Parlament gerade entschieden, die Regeln zu ändern und Fristen zu verlängern. Trotzdem hoffe ich, dass ich im September ganz in die Ukraine zurückkehren kann, wenn die Lage dort sich nicht verschlimmert. 

Einen Monat – so lange dachte ich eigentlich, in Deutschland zu bleiben. Jetzt ist es schon vier Monate her, dass ich meine Wohnung in Kiew Hals über Kopf verlassen habe. Morgens früh um fünf bin ich am 24. Februar von den Sirenen und den Einschlägen der russischen Bomben aufgewacht. Noch am selben Abend fuhr ich mit meiner dreijährigen Tochter und meiner Schwester im Auto in die Westukraine. Wir haben die Stadt im letzten Moment verlassen: Die Brücke, die wir überquerten, wurde eine halbe Stunde später gesprengt.

In Luzk, wo meine Eltern leben, bereitete ich die weitere Flucht für das Team vor. Mit einem Kleinbus sind die Kolleginnen, die mit nach Deutschland wollten, und teilweise auch ihre Familien aus der Westukraine über Polen bis nach Saarbrücken gefahren, wo unsere Muttergesellschaft Evana einen Standort hat. 16 von uns leben und arbeiten nun im Saarland, 23 in der Ukraine. Wir sind jetzt zwei Teams: eins hier, eins dort.  

Wie es für uns weitergeht, wissen wir nicht. Trotzdem ist die Stimmung nicht schlecht, und wir arbeiten so normal wie möglich weiter. Der Krieg ist dabei allgegenwärtig. Wenn wir in Saarbrücken vor unseren Computern sitzen und sehen, dass unsere Kollegen in der Ukraine sich im Chat mit einem Minuszeichen auf „nicht erreichbar“ stellen, dann wissen wir schon: Bombenalarm. Sie gehen in einen Bunker – und sind 15 bis 30 Minuten später einfach wieder da. Es ist verrückt, wie schnell wir uns daran gewöhnt haben. Unsere größte Angst ist zugleich, dass die Welt sich an diesen schrecklichen Krieg gewöhnt und sich nicht mehr für das Unrecht interessiert, das in der Ukraine geschieht.  

Wir alle haben dort geliebte Menschen zurückgelassen. Freunde, Familie, viele auch ihre Ehemänner. Ich selbst bin alleinerziehend. Wenn es nicht möglich ist, wieder in der Ukraine zu leben, werde ich für meine Tochter und mich hier ein neues Leben aufbauen. Wir haben eine kleine Wohnung für uns, sie geht in den Kindergarten. Andere aus dem Team haben sich dafür entschieden, Deutschland wieder zu verlassen: Eine Kollegin, die mit uns in Saarbrücken war, ist nach zwei Monaten wieder in die Ukraine gefahren, weil sie bei ihrem 19-jährigen Sohn und ihrem Mann sein wollte, die nicht ausreisen dürfen.

Eine weitere Mitarbeiterin hat ihre Mutter, die mit uns zusammen nach Deutschland geflohen war, mit zwei Katzen und einem Hund zurück in ihr Dorf 40 Kilometer westlich von Kiew gebracht. Sie hat dort ein Haus, dessen Dach von Bomben zerstört wurde und das sie reparieren wollte. Die beiden sind aber in einem Alptraum gelandet: Der Ort war von russischen Soldaten besetzt, es war sehr gefährlich und gab Straßenkämpfe, wie in Butscha. Zwei Wochen mussten sich Mutter und Tochter im Haus verstecken und hatten weder Strom noch Internet. Alle zwei Tage schaltete unsere Kollegin kurz ihr Handy an und schickte mir per SMS eine Nachricht, dass sie noch am Leben war. Mittlerweile ist sie wieder bei uns in Deutschland. Ihre Mutter hätte sie gerne mitgenommen. Aber sie wollte in der Ukraine bleiben und sich weiter um das Haus kümmern. Für die Tochter war das schwer, aber sie musste die Entscheidung akzeptieren.

Im Westen des Landes, wo meine Eltern leben, ist es zum Glück ruhiger. Der Krieg ist trotzdem immer in meinen Kopf. Wenn Menschen mich fragen, wie es mir geht, dann antworte ich in diesen Tagen: „Gut. Wir bekommen endlich mehr Waffen.“  

Protokoll: Katja Michel


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