Interview„Wir schaffen das Patriarchat nicht innerhalb von 50 Jahren ab“

Claudia Kessler ist die Initiatorin von „Die Astronautin". Ihr Ziel: Mehr junge Frauen für technische Berufe begeisternIMAGO / Sven Simon

Claudia Kessler hat ein klares Ziel: Sie will die erste deutsche Frau ins All schicken. Neben Kasachstan ist Deutschland nämlich das einzige Land, das zwar schon mehr als drei Astronauten ins All geschickt hat, eine Frau war aber nicht dabei. Kesslers Initiative „Die Astronautin“ arbeitet daran, das zu ändern und sucht einen Workaround um die klassischen Auswahlverfahren der European Space Agency (ESA) herum. Warum? Weil sie ein Zeichen setzen will, das Frauen alles werden können, was sie wollen – und das gilt nicht nur fürs Weltall, sondern auch für die Wirtschaft. Ein Gespräch über Raumfahrt und Vorbilder und was das Eine mit dem Anderen zu tun hat.

Capital: Sie arbeiten unter Hochdruck daran, die erste deutsche Frau ins Weltall – zur Internationalen Raumstation – zu bringen. Warum?

CLAUDIA KESSLER: Mädchen und junge Frauen brauchen Vorbilder. Wir müssen ihnen zeigen, dass es so etwas wie Männerberufe nicht gibt. Und dafür müssen wir sichtbar machen, dass Frauen es in allen Bereichen schaffen können – eben auch in der Raumfahrt.

Aber es sind doch ständig Frauen im Weltall.

Ja, aber keine aus Deutschland. Und die Mädchen hier brauchen eben auch eine Identifikationsfigur.

Die amerikanische Astronautin Kate Rubins im Dezember 2020 an Bord der ISS

Raumfahrt und Alltag sind doch recht weit voneinander entfernt. Gäbe es nicht profanere Ansätze?

Wenn man an einen Astronauten aus Deutschland denkt, denkt man an Alexander Gerst, an einen Mann. Ich finde, wir müssen von den Klischees wegkommen, mit denen Berufe immer noch belegt sind. Man muss ja noch nicht mal ins Weltall schauen, das fängt doch im Alltag an. Nehmen Sie den Tatort. Frauen spielen da zwar die Polizistinnen, das ist gut. Sie sollten aber auch die Ingenieurinnen sein, oder Programmiererinnen. Wir müssen es schaffen, dass Frauen in solchen Rollen sichtbarer werden, damit Kinder sie dort auch erleben können. Alltag, ja – aber das muss für alle Berufe gelten. Also auch für Astronautinnen und Astronauten.

Wie messen Sie den Erfolg Ihrer Arbeit?

Na ja, endgültig erfolgreich wären wir natürlich, wenn eine unserer Kandidatinnen zur internationalen Raumstation fliegen würde.

Damit wäre jedenfalls das vordergründige Ziel erreicht. Wie messen Sie denn den langfristigen Erfolg?

Die Frage ist doch: Wie misst man Veränderung? Ich spreche natürlich viel mit jungen Mädchen. Zugegeben, die meisten, mit denen ich mich unterhalte, wollen bereits einen technischen Beruf ergreifen. Aber ich merke, dass das mehr geworden sind. Es gibt inzwischen mehr junge Mädchen, die sagen: ‚Ich will Astronautin werden‘. Daran lesen wir ab, dass wir mit ‚Die Astronautin‘ erfolgreich sind. Wir denken uns das ja auch nicht aus – es gibt genügend Studien, die sagen, dass Vorbilder wirken, dass wir mehr Sichtbarkeit brauchen.

Können Sie ein konkretes Beispiel geben?

Die Europäische Raumfahrtagentur (ESA) hat ein neues Auswahlverfahren gestartet. Wir haben im Vorfeld dazu drei Informationsveranstaltungen gemacht für 100 Frauen. Die waren im Nu ausgebucht. Das war sehr schön zu sehen. Wir wissen auch, dass sich viele von den Frauen wirklich beworben haben. Ich würde mir wünschen, dass die ESA irgendwann die Zahlen der Bewerberinnen veröffentlicht. Ich bin sicher, dass es noch immer keine 50 Prozent sind. Mehr als die 16 Prozent von vor zehn Jahren sind es aber ganz sicher. Das ist ein konkreter Erfolg. Hinzu kommen die Nachrichten, die wir von Eltern bekommen, die uns sagen, dass ihre Töchter jetzt Astronautinnen werden wollen. Das ist auch schön.

Junge Mädchen zu begeistern, ist eine Sache. Kompliziert wird es sicher erst später, oder?

Wir verlieren die meisten zwischen 13 und 16 Jahren, also in der Pubertät. Da steigt natürlich der Gruppenzwang. Wenn ein Mädchen dann sagt, dass sie Ingenieurin werden will, steht sie meistens alleine da, denn viele wollen in dem Alter eben doch noch BWL studieren oder ins Marketing gehen. Wir hoffen natürlich, dass diese Mädchen dann trotzdem den Mut aufbringen, ihre Ziele zu verfolgen. Aber es ist schwer, sie über ein Mentoring zu erreichen und dann auch bei der Stange zu halten.

In der Breite kann man das auch nicht abbilden.

Nein. Daher brauchen wir ja auch Rollenvorbilder wie die beiden Weltall-Kandidatinnen von ‚Die Astronautin‘ – Insa Thiele-Eich und Suzanna Randall. Das wirkt in der Fläche. Aber wir müssen auch ein bisschen Geduld mitbringen.

Astrophysikerin Suzanna Randall (r.) wurde von der Initiative „Die Astronautin“ als Trainee für ein Ausbildungsprogramm nominiert und hat die Chance, als erste deutsche Frau ins All zu fliegen. Mit dabei die bereits im Training befindliche andere Trainee Insa Thiele-Eich (l.) – Foto: dpa

Wie meinen Sie das?

Wir bekämpfen über Jahrhunderte gelernte Strukturen. Das geht nicht in 50 Jahren.

Klar ist, es geht dabei um Fairness. Aber es müssten ja nicht zwangsläufig technische Berufe sein, oder?

Doch, es müssen technische Berufe sein. Unbedingt. Es gibt da draußen so viele Geräte, die sind nur für Männer entwickelt. Wissen Sie, woran das liegt?

…daran, dass keine Frauen an der Entwicklung beteiligt waren?

Genau.

Da müssten Sie konkreter werden.

Nehmen wir des Deutschen liebstes Gerät, das Auto. Ich habe selbst keins mehr. Aber wenn ich in einem sitze, fallen mir mindesten zehn Dinge auf, die ich als Frau so nicht entwickeln würde, bei denen ich mir sicher bin, dass sie von Männern für Männer entwickelt worden sind. Um ein griffiges Beispiel zu nehmen: Ich war mit einem Leihwagen auf der Autobahn unterwegs und die Außenspiegel waren so angebracht, dass ich durch sie nichts sehen konnte, ohne den ganzen Kopf zu drehen. Das ist unkomfortabel. Aber das ist auch gefährlich. Das würde nicht passieren, wenn auch ausreichend Frauen in den Entwicklerteams säßen.

Haben Sie noch mehr Beispiele?

Natürlich! Ich will doch nicht mit einem Handy telefonieren müssen, dass doppelt so groß ist wie meine Hand. Und das sind nur Geräte – das Thema Frauen und Medizin haben wir noch gar nicht angesprochen. Viele Studien werden nur für Männer gemacht, weil der weibliche Körper mit seinen Hormonen zu kompliziert ist. Das ist natürlich ein Thema für sich, aber ich könnte noch sehr viele Dinge aufzählen, die wesentlich alltäglicher sind als die Medizin.

Nennen Sie noch eins.

In sehr vielen Hotelzimmern finden Sie Rasierer. Was soll ich damit? 50 Prozent der Gäste würden sich über Tampons mehr freuen.

Sie sagen also, mit der Initiative ‚Die Astronautin‘ kratzen Sie an all diesen Themen?

Ja, genau das machen wir. Es geht doch am Ende des Tages darum, dass sich Jobs, die heute fast ausschließlich von Männern gemacht werden, darauf einstellen müssen, auch für Frauen attraktiv zu werden. Ein Grund, warum Frauen heute nicht in Führungspositionen sind, ist, weil Führung auch immer bedeutet, dass man 50, 60, 70 Stunden in der Woche arbeiten muss. Machen Sie das mal, wenn Sie sich gleichzeitig auch noch um die Kinder und den Haushalt kümmern müssen. Bleiben wir bei der Automobilbranche. Die ist in Deutschland immer noch zu 90 Prozent männlich besetzt. Und je höher man schaut, desto mehr Männer sind da. Vielleicht ist das Personal- oder das Marketing-Ressort mal mit einer Vorständin besetzt. Aber nicht in der Technik oder im Design. Da haben wir immer noch wahnsinnig männliche und hierarchische Strukturen. Da gehen wir rein.

Wie reagieren die Männer, mit denen Sie über das Thema sprechen?

Das Spektrum an Reaktionen ist sehr breit. Manche sagen eben, dass wir Frauen uns mal was trauen müssen, dann heißt es oft, dass wir gar nicht so hoch hinauswollen. Und es heißt auch immer wieder, dass man für viele Positionen einfach keine Frauen finden würde. Das ist alles sehr erwartbar.

Woran liegt es, dass wir bei dem Thema nicht vorankommen?

Wir kommen schon voran. Wie gesagt, ich sehe ja einen Fortschritt und man ändert das nicht innerhalb von 50 Jahren. Wir reden ja jetzt davon, dass wir die erste deutsche Astronautin ins Weltall kriegen wollen. Und da muss man schon sagen, dass das schon ziemlich ‚Top of the Tops‘ ist. Es gibt aber auch insgesamt zu wenige Fachkräfte. Eigentlich brauchen wir die Frauen in allen wichtigen Jobs. Ich denke, man kann sagen: Was gut für die Frauen ist, ist auch gut für die Wirtschaft.

Warum? Mancher würde sagen, ist doch egal, wer den Job macht…

Nein, ist es nicht. Gemischte Teams funktionieren besser. Sie sind kreativer, weil sie unterschiedliche Perspektiven vereinen und eine breitere Sichtweise abbilden. Gemischte Teams arbeiten auch effizienter. In reinen Männerteams neigen die Mitglieder oft dazu, sich profilieren zu müssen. Wir sollten also schon alleine aus eigenem Interesse darauf achten, dass mehr Frauen in Führungspositionen kommen.

Mancher würde auch sagen, dass geht einfach nicht…

Das geht. Die Frage ist doch, warum sollte es nicht. Ich habe 15 Jahre lang ein Ingenieursbüro geleitet, wir hatten 50 Prozent Frauen auf allen Ebenen. Das muss man dann eben organisieren. Aber um das zu organisieren, muss man das eben auch wollen.

Was muss man denn organisieren?

Wenn man alle an der Arbeit teilhaben lassen will, muss man sie so organisieren, dass das auch geht. Meetings nach 16 oder 17 Uhr etwa sollten dann tabu sein, abends sowieso. Man kann das nicht oft genug wiederholen: Es geht dabei nicht um irgendwelche Wohlfühlfaktoren. Ich bin überzeugt davon, dass das wichtig sein wird für das Überleben von Unternehmen. Und ich bin sicher, dass wir das in den kommenden zehn Jahren auch erreichen werden.

Dann sind auch deutsche Astronautinnen sicherlich der Standard.

Wieder ein Mann: Matthias Maurer ist der nächste deutsche Astronaut (Foto: IMAGO / Günther Ortmann)

Hoffentlich. Aber es ist noch ein Stück zu gehen, bis wir da sind. Deutschland ist das einzige westliche Land, das mehr als drei Menschen ins Weltall gebracht hat, aber keine Frau. Jetzt fliegt schon wieder ein deutscher Mann mit der ESA in den Weltraum. Seine Mission hat einen sehr zweifelhaften Namen.

Wie wird sie heißen?

Cosmic Kiss. Da hat die ESA wirklich keine Sekunde nachgedacht. Sie hätte auch eine Frau nachrücken lassen können, finde ich.

Warum hat sie nicht?

Die ESA begründet das mit ihren eigenen Regeln. Die seien nun einmal, wie sie sind. Da kommen wir auch nicht gegen an.

Wie haben denn die beiden Kandidatinnen darauf reagiert, dass trotz aller Bemühungen wieder ein Mann fliegen darf?

Sie waren natürlich enttäuscht. Dabei ist unser Ziel gar nicht mal unrealistisch.

Wie meinen Sie das?

Wir bräuchten 50 Mio. Euro, dann könnten wir unseren Platz in der Rakete von SpaceX für unseren Flug ins Weltall buchen. Dafür bräuchten wir die Zusage aus dem Wirtschaftsministerium, dass sie uns finanzieren.

50 Mio. Euro sind nicht gerade wenig Geld, oder?

Wenn man 50 Mio. Euro für ein Museumsschiff in Bremen locker machen kann, kann man das sicher auch in die Zukunft Tausender junger Mädchen investieren, oder?

 


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